Buchtipp „De Boergondiërs“ – vom Aufstieg und Vermächtnis Burgunds

Von Michael Stabenow. 

In seinem demnächst auch auf Deutsch erscheinenden Werk „De Boergondiërs“ zeigt Bart Van Loo wegweisende Entwicklungen am Ende des Mittelalters im Herzen Europas auf.

Es war der 19. Juni 1369 und die Geburtsstunde einer Dynastie, die rasant an Einfluss und Territorien gewinnen sowie dem Namen Burgund zu neuem Glanz verhelfen sollte.  In der heutigen Genter St.Bavo-Kathedrale, bekannt für ihren Flügelaltar mit dem Titel „Anbetung des Lamm Gottes“ des flämischen Malers Jan van Eyck, gaben sich der damals 27 Jahre alte Philipp der Kühne und Margarete von Flandern das Ja-Wort. Sechs Jahre, nachdem der vierte Sohn des französischen Königs Johann des Guten an die Spitze des traditionsreichen Herzogtums und einstigen Königreichs Burgund gesetzt worden war.

Es ist eine von vielen Schlüsselstellen in dem mehr als 600 Seiten umfassenden Werk des flämischen Historikers Bart Van Loo. Im Original trägt es den Titel „De Boergondiërs – Aartsvaders van de Lage Landen“.  Wer des Niederländischen nicht mächtig ist, wird ab März dennoch auf seine Kosten kommen können. Dann wird im Verlag C.H.Beck unter dem etwas anders klingenden Titel „Burgund – das verschwundene Reich – eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag“  die von Andreas Ecke übersetzte, deutschsprachige Fassung des Buchs erscheinen.

Tatsächlich schlägt der 1973 im flämischen Herentals geborene Van Loo in seinem neuen Werk einen historischen Bogen von mehr als einem Jahrtausend burgundischer, nicht zuletzt aber auch europäischer Geschichte. Sie reicht von den Anfängen des Stammes der Burgunder im fünften Jahrhundert, bis zum gewaltigen Brüsseler Trauerumzug im Dezember 1558, der im Gedenken an den zwei Monate zuvor verstorbenen, im Jahr 1500 in Gent geborenen Kaiser Karl V abgehalten wurde. Der Verfasser stellt das Ereignis unter das Motto: „Schaut gut hin, denn hier wird der letzte Burgunder zu Grabe getragen.“ Das Ende der Blütezeit hatte sich schon mehr als acht Jahrzehnte zuvor angekündigt. Karl der Kühne konnte die, von seinen Vorgängern aufgebaute, territoriale Einheit Burgunds, die vom Kerngebiet ringsum Dijon, über das heutige Belgien sowie Teile Nordfrankreich bis nach Holland reichte, nicht wahren. Er fiel 1477 auf einem Schlachtfeld bei Nancy.

Heute ist das Herzogtum Burgund nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden. Eines davon ist nun das sehr anschaulich geschriebene Werk Van Loos. Gründlich, gestützt auf zeitgenössische und neuere Quellen, zeichnet er nicht nur die Geschichte einer Region und einer Dynastie nach. Eindrücklich beschreibt Van Loo wie das Haus Burgund, insbesondere unter Philipp dem Kühnen (von 1363 bis 1404) und seinem sogar noch länger (von 1419 bis 1467) amtierenden Enkel Philipp dem Guten, durch kriegerisches, diplomatisches und persönliches Geschick systematisch Macht und Einfluss ausweitete und wie damals das entstand, was heute als burgundisches Lebensgefühl gilt. Der Aufschwung Burgunds unter Philipp dem Guten zeichnete sich nicht nur durch die wirtschaftliche Blüte im Norden des Herrschaftsgebiets, sondern auch durch eine gezielte Förderung der Kunst aus. Van Loo führt den Leser daher auch in die Welt von Malern wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden, Hans Memling, Hugo van der Goes sowie des niederländischen Bildhauers Klaas Sluter.

Der Historiker setzt diese Entwicklung in eine Reihe mit einer Veränderung in der Gesellschaft des ausgehenden Mittelalters, in der christlicher Glaube individuell erlebt wurde. Philipp den Kühnen stellt Van Loo als einen Vorreiter der Renaissance dar, der als einer der ersten die Tragweite der „Individualisierung des westlichen Menschen“ begriffen habe. In seine Herrschaftszeit fallen auch Aufstieg und Blüte des Bürgertums in den wohlhabenden Städten Flanderns. Die Schattenseite – die Brutalität, mit der die damals Herrschenden mit Widersachern umgingen –  wird im Buch ebenfalls offengelegt.

Es ist das Verdienst Van Loos, die vielfältigen Stränge der politischen und kulturellen Geschichte im Herzen Europas herausgearbeitet und in einer verständlichen Sprache erläutert zu haben. Am Ende des spannenden, mehr als einem Kilo schweren und auch deshalb gewichtigen Buches wird es mancher Leser sicher ein wenig bedauern, dass die Erzählung über „die Burgunder“ im Jahr 1558 endet.

Das Buch ist erschienen im Verlag De Bezige Bij, Amsterdam, 2019, ISBN 978 94 031 3900 5,  607 Seiten, 34,99 EUR.

 

Link zur niederländischsprachigen Originalansicht https://www.standaardboekhandel.be/p/de-bourgondirs-9789403139005 sowie  zur angekündigten deutschsprachigen Version https://www.chbeck.de/burgund/product/30142413

 

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