Boris und ich

Von Heide Newson.

Als ich ihn das erste Mal traf, war er gerade mal sechs Jahre alt und lernte im Longchamps in Brüssel schwimmen. Boris Johnson, ein Dreikäsehoch im Wasser. Heute ist er Großbritanniens Premierminister und macht zu hohe Wellen, so meinen jedenfalls alle, die gegen den Brexit sind.

Massenproteste machen im Königreich gegen Brexit-Boris die Runde. Die Stimmung ist aufgeheizt, seit er dem britischen Parlament eine Zwangspause verordnet hat. Auf seine Bitte hat Königin Elisabeth II. die Parlamentsferien bis zum 14. Oktober verlängert, was als Maulkorb für das Parlament wirkt und einen harten Brexit in unmittelbare Nähe rückt. Durch eine Online Petition, die binnen weniger Stunden von mehr als einer Million Menschen unterzeichnet wurde, und mit Demonstrationen in vielen Städten des Landes machten diejenigen, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU sind, ihrem Ärger über seinen gewieften Schachzug Luft.

Aber Boris bleibt gelassen. Geregelt oder ungeregelt… er will seinen Landsleuten endlich den Brexit liefern. Details, wie das alles gehen soll, hält er zurück. Verunsichert ist er ganz und gar nicht, obwohl er wohl selbst nicht weiß, wie alles enden wird. Ganz im Gegenteil… Er träumt und kämpft vom Aufbruch Großbritanniens außerhalb der Europäischen Union und das mit einer großen Leidenschaft und Zuversicht. Und das ist genau der leidenschaftliche und optimistische Boris, den ich in seiner Kindheit kennengelernt habe.

Ich traf ihn mit seinem Vater Stanley, einem EU-Beamten, im Schwimmbad in Uccle. Sein blonder Schopf fiel sofort ins Auge, aber nicht nur seine unglaublich helle Haarpracht. Als Mutter eines damals dreijährigen Sohns war ich verblüfft, wir er all seine Schwimmgefährten sogleich in seinen Bann zog. Wo immer er auftauchte, stand er im Mittelpunkt, scheinbar ohne sich in den Vordergrund gedrängt zu haben. Immer wieder überraschte er seine Freunde mit neuen Spielideen. Langweilig war’s nie mit ihm. Auch in der Europaschule war Boris bei seinen Schulkameraden ausgesprochen beliebt. Dabei war er weder ein Streber noch Musterschüler, eher ein sehr phantasievolles, sympathisches und hoch intelligentes Schlitzohr.

Als er im Jahr 1977 zum Eton College nach England überwechselte, wurde er von seinen vielen Freunden in Brüssel vermisst. Erst nach einem abgeschlossenen Oxford-Studium kehrte er in Europas Hauptstadt zurück. Jetzt waren wir plötzlich Kollegen. Er schrieb  für den prestigeträchtigen „Daily Telegraph“, ich für das EU-Magazin und das englische Expat-Magazin „Bulletin“.

Mit Charme, Witz und Brillanz mischte er die trockene Europa-Materie auf und brachte viel frischen Wind in die Brüsseler EU-Blase. Bei den morgendlichen Pressebriefings stellte er mit einer Prise Ironie und seinem so individuellen analytischen Intellekt auf den Punkt gebrachte Fragen. Er hatte seine eigene Vision von Europa, er deckte Missstände auf, gerierte sich oft als europakritisch, verströmte dennoch europäische Zuversicht. Obwohl er den EU-Pressesprechern nicht gerade ihren Job erleichterte, kam er gut an und war als interessanter Gesprächspartner gefragt.

Mit seiner blonden ungebändigten Mop-Frisur und Klamotten, die alles andre als stylisch waren, schritt er mit einer beneidenswerten Leichtigkeit durch das Brüsseler Leben. Politdiskussionen mit Kollegen endeten oft im Old Hack, einer Kneipe gegenüber dem Berlaymont. Unsere Lieblingsthemen an solchen Abenden waren aber nicht immer nur die hohe EU-Politik.

So war er: unbeschwert und leichtfüßig, was vornehmlich auf das weibliche Geschlecht so anziehend wirkte. Während einer Abschiedsparty, die er für seine Sekretärin gab, hielt er eine tolle Rede, und lobte seine „rechte Hand“ über den Klee. Und dann das… als er sich bei ihr nochmals persönlich mit Umarmung und Handschlag bedanken wollte, hatte er ihren Namen vergessen.

Typisch Boris, aber sie kannte ihren Chef nur allzu gut und nahm‘s ihm nicht übel. Im Jahr 1993 folgte seine Hochzeit mit Marina Wheeler, einer Anwältin, die er gleich nach Affären und einer Scheidung ehelichte. Völlig unkonventionell lud er alle ein, die mitfeiern wollten, und das waren unendlich viele. Hochzeitlicher Glamour? Den gab’s nicht. Dafür wurde bis in die frühen Morgenstunden gelacht, getrunken und gegessen, ein für alle Gäste unvergessliches Erlebnis. Und dann wurde Boris von seiner Zeitung zurück nach London versetzt.

Dass er dann dort solch eine traumhafte Karriere in der Politik hinlegen würde, damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl er dazu schon immer das Potential gehabt hatte. In britischen Talkshows gelang es ihm immer, die Debatten nicht zuletzt durch seine etwas skurrile Art in eine interessante Richtung zu lenken. Er blieb authentisch, das Publikum liebte ihn, während seine Gegner ihm unterstellten, dass all seine Sätze und Pointen auf Effekt getrimmt waren. Ich dagegen glaube eher, dass er selbst überrascht über die Wucht seines Erfolgs war.

Es ging alles Schlag auf Schlag. Von Mai 2008 bis 2016 war er Londons Bürgermeister, von Juli 2016 bis Juli 2018 Außenminister, und seit dem 24. Juli 2019 ist er Großbritanniens Premierminister. Ob er schon damals in Brüssel diesen Lebensplan für sich entworfen hatte? Das glaube ich kaum, aber am Schwimmbadrand wünschte er sich, einmal „Weltenkönig“ zu werden. Sagen wir mal so: dass er zu etwas Höherem berufen war, war allen klar, die ihn kannten.

Boris hatte schon immer die Fähigkeit, in aussichtslosen Situationen Zuversicht zu verströmen. Aber Politiker werden weder nach ihrem Unterhaltungswert noch ihrem ungebrochenen Optimismus, sondern nach ihrer Führungsstärke beurteilt. Der ehemalige Journalist muss liefern und glaubhaft bleiben. Ob ihm das gelingt, steht in den Sternen. Soll ich Boris wirklich heute „good luck“ für den Brexit wünschen, nur weil er mal so ein netter, schlitzohriger Junge und heller Kopf in der Brüsseler Journalistenschar war?

2 Kommentare

  1. Albert Strub schreibt:

    Gratuliere zu diesem brillant geschriebenen und ausgewogenen Artikel!!
    M. E. hat Boris schon jetzt weitgehend erreicht, was er „unterschwellig“ immer anstrebte: die EU davon abzuhalten, sich um ihre eigentlichen Zielsetzungen zu kümmern. Mal sehen, wie lange dieses Theater noch dauert.

  2. Alfons van Compernolle schreibt:

    Der ersichtliche Unterschied zwischen „Trump“ & „Johnsen“ ist die Somatik und die Frisur !
    Im Kopf herrscht bei beiden „kranksinniges Chaos“ !
    Es ist kein Theater, es ist ein „Drama“ und erinnert mich fuerchterlich an den 30.Jaehrigen Krieg
    und die Ereignisse um „Wallenstein“ !

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.