Blicke auf Deutschland und Belgien

Von Marion Schmitz-Reiners

Belgien ist ein faszinierendes Land, wenn man es denn erklärt bekommt. Es gibt viele Vorurteile über Belgien. Aber auch über Deutschland gibt es viele Vorurteile.“ Mit diesen Worten eröffnete Botschafter Rainer Lüdeking am 18. Mai in Brüssel den Diskussionsabend zum Thema „Blicke auf Deutschland und Belgien“.

Das Panel bildeten zwei Deutsche – die Buchautorin und Trainerin für internationale Kommunikation Ute Schüring und der Journalist Thomas Philipp Reiter – sowie der Flame Dirk Rochtus, Dozent für Internationale Politik an der KU Löwen. Rund 200 Gäste waren zur Botschaft gekommen – ein Beweis, wie wichtig das Thema ihnen war.

Gibt es eine „Angst vor Deutschland“? Wie geht es weiter mit dem politischen Belgien? Wie lebt es sich in der Brüsseler „Bubble“? Das waren einige der Themen, in die der Moderator und Hochschullehrer Arne De Winde die Diskussion gegliedert hatte. Zu viel für einen Abend, das wurde schnell klar: Für wirklichen Tiefgang blieb keine Zeit. Dennoch ergaben sich manche überraschende Einsichten.

In Deutschland hat man leicht die Neigung, die Nachbarländer mit Haltungsnoten zu versehen“, stellt Thomas Philipp Reiter einleitend fest. Belgien würde noch immer mit Dutroux und neuerdings auch mit Terrorismus identifiziert, wiewohl auch die „burgundische Lebensfreude“ gepriesen würde. Aber auch umgekehrt ist die Wahrnehmung verzerrt. „Hitler ist in Belgien noch immer nicht vergessen“, sagt Dirk Rochtus. Jedoch gebe es Hoffnung: „Die jüngere Generation der Belgier sieht Deutschland mit anderen Augen.“ Hat man in Belgien Angst vor Deutschlands wirtschaftlicher Stärke und seinem politischen Einfluss? Merkel werde in Brüssel eher als Lichtgestalt wahrgenommen. „Sie gehört eigentlich keiner Partei mehr an, sie schwebt irgendwo links oben über allen Parteien“, bemerkte treffend Thomas Reiter.

Warum so zäh?

Dann wendet sich das Panel der belgischen Innenpolitik zu. Warum ist die so zäh und so kompliziert? „Es gibt widersprüchliche Bedürfnisse der einzelnen Sprachengemeinschaften, die man durch endlose Kompromisse unter einen Hut zu bringen versucht“, erklärt Ute Schüring. Aber warum funktioniert dann der Föderalismus in der Schweiz so gut? „Weil die Schweiz de facto durchs Deutsche dominiert wird, während es in Belgien zwei antagonistische Blöcke gibt, wobei die Grenzen noch nicht einmal eindeutig sind“, sagt Rochtus. Reiter kann sich vorstellen, dass die Regionen eines Tages sowieso in Europa aufgehen werden.

Näher ans Publikum heran rückt das Panel mit dem Thema der „Bubble“, in denen die Brüsseler Expats leben. „Deutsche können hier einfach ihr deutsches Leben weiterführen.“ Es gibt nur wenige Ausländer, die sich ins „weniger cleane“ Brüssel hinauswagen. Aber dass die eher abgeschotteten Expat-Gemeinschaften von den Brüsselern als selbstverständlich akzeptiert würden, auch das gereiche der Stadt zur Ehre.

Jacques Brel und Stromae

Beim Thema „Die deutsche Sprache in Belgien“ erlahmt die Aufmerksamkeit. Aber dann wird es doch noch einmal spannend. Eine Dame aus dem Publikum bedauert, dass kein Wallone im Panel saß: „In der Wallonie hat man es als Deutsche nicht leicht. Das Massaker von Dinant lebt in den Köpfen der Menschen weiter. Damit werde ich häufig konfrontiert.“ Eine andere relativiert das Image Belgiens als das Land der burgundischen Lebensfreude: „Es gibt hier auch eine große Melancholie, wie sie in den Liedern von Jacques Brel oder Stromae zum Ausdruck kommt. Und warum werden hier jeden Abend um 17 Uhr die Rollläden heruntergelassen? Warum gibt es in Belgien so viele Selbstmorde?“ Und schließlich korrigiert eine deutsche Journalistin die These von Ute Schüring, dass das Königshaus ein verbindendes Element Belgiens sei: „Im Gegenteil, das Königshaus spaltet Flamen und Wallonen.“

Die Zeit ist um. Aber beim anschließenden Empfang wird noch lange und heftig weiterdiskutiert. Jedenfalls hat der Abend die Gemüter berührt.

Die Podiumsdiskussion wurde von der deutschen Botschaft in Zusammenarbeit mit der Belgisch-Deutschen Gesellschaft und der Belgisch-Bayerischen Gesellschaft organisiert.

Ute Schüring hat kürzlich das Buch „Benelux – Porträt einer Region“ vorgelegt: https://www.belgieninfo.net/benelux-viel-bunter-als-man-denkt/

Ein Kommentar

  1. Michel Coudere schreibt:

    Super Interessant,a er sehr vielle Deutschen wissen gar nicht dass in Belgien ein Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt erstens und zweitens dass Die Deutsche Sprache in Belgien eine offiziele Sprache ist.Beim Vertag von Versailles in 1919 ist Der Bezirk Eupen Malmedy und Sankt-Vith an Belgien zugewiesen.Man sollte in Den Schulen in Deutschland dass Thema :wo spricht man Deutsch in Europa unterrichten.

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