Berühmte Belgier, aber wer kennt sie?

12.07.2011eBerühmte Belgier? Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich.

Zum einen, weil die historischen Einwohner des heutigen Belgien unter den wechselnden Herrschaften von Franzosen, spanischen und österreichischen Habsburgern oder Oraniern keinen dringenderen Wunsch hatten, als möglichst ungesehen und ungeschoren durch ihr kleines Leben zu kommen.

Zum zweiten, weil große Landeskinder wie der Sänger Jacques Brel, der Schriftsteller Georges Simenon oder der Comic-Zeichner Hergé immer schon gern den Franzosen zugeschlagen wurden. Andere wie Peter Paul Rubens oder Pieter Brueghel werden als „Niederländer“ empfunden, wobei meist vergessen wird, dass die Niederlande größer sind als das gleichnamige Vereinigte Königreich der Oranier. Der weltweit erfolgreiche Tenor Helmut Lotti hingegen wird manchmal für einen Italiener gehalten, obwohl er aus Gent kommt, wo sein Großvater schon Direktor der Oper war. Auch dem Modedesigner Olivier Strelli dürfte das schon passiert sein. Dass Salvatore Adamo zwar in Sizilien geboren wurde, aber mit seiner Familie als Vierjähriger ins Kohlerevier von Mons zog, wo er aufwuchs, ist anderswo auch nicht bekannt.12.07.2011

Prominenz mit Tarnkappe

Dass andere Nationen sich bei der Beanspruchung großer Landeskinder so vordrängeln können, hat zwei Gründe: Erstens liegt den Belgiern das Auftrumpfen nicht. Und zweitens kann der erst 1830 unabhängig gewordene Staat manche Altvorderen auch nicht ausschließlich für sich reklamieren. Vor allem mit Deutschland und Frankreich muss man sich nicht wenige historische Persönlichkeiten teilen. Im fränkischen Reich des frühen Mittelalters war das heute belgische Gebiet das Stammland von Merowingern und Karolingern.

12.07.2011aKarl den Großen, der vielleicht in Herstal bei Lüttich geboren wurde, nehmen Deutsche wie Franzosen lautstark als Urahn in Anspruch. Auch Kaiser Karl V., an der Schwelle zur Neuzeit in Gent geboren, wird nicht in erster Linie mit Belgien assoziiert.

Kein Wunder, dass sogar die offizielle Website zur belgischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2001http://www.eu2001.be den Miteuropäern anhand einer langen Liste die berühmten Belgier erst einmal in Erinnerung rufen musste: Nobelpreisträger, Comiczeichner, Sportgrößen, Modedesigner, allen voran aber der große Europäer Paul-Henri Spaak, dessen Namen immerhin ein Gebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel trägt. Außer ihm scheinen auch andere Belgier, die Respektables geleistet haben, ersatzlos dem Vergessen anheim gefallen zu sein: Zu ihnen gehört der in Overijse geborene Gelehrte Justus Lipsius, obwohl das Ratsgebäude im Brüsseler Europaviertel nach ihm benannt ist; der Bakelit-Erfinder Leo Hendrik Baekeland, obwohl jeder von diesem Ur-Kunststoff gehört hat; der Instrumentenbauer Adolphe Sax, obwohl jeder das Saxophon kennt; der Jugendstil-Architekt Victor Horta, der hinter seinem Oeuvre verschwindet.

De grootste belg

12.07.2011bUnd wen halten die Belgier selber für ihre Größten? Dem Beispiel der BBC-Sendung „The Greatest Britons“ folgend, stimmten die niederländischsprachigen Belgier bei canvas und Radio1 über „De grootste belg“ ab. Und zwar so:

1. Pater Damiaan

2. Paul Janssen

3. Eddy Merckx

4. Ambiorix

5. Adolf Daens

6. Andreas Vesalius

7. Jacques Brel

8. Gerardus Mercator

9. Peter Paul Rubens

10. Hendrik Conscience

Les plus grands belges

12.07.2011cUnd auch La Une, der Sender der französischsprachigen Gemeinschaft in Belgien, ließ anno 2005 sein Publikum über „Les plus grands belges“ abstimmen. Ergebnis:

1. Jacques Brel

2. Le Roi Baudouin 1er

3. Père Damien

4. Eddy Merckx

5. Soeur Emmanuelle

6. José Van Dam

7. Benoît Poelvoorde

8. Hergé

9. René Magritte

10. Georges Simenon

Dabei fällt auf: Jacques Brel, Pater Damian und die Radfahrlegende Eddie Merckx erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit, wenn auch nicht in derselben Reihenfolge. Der verstorbene König Balduin ist eher den Französischsprachigen eine Identifikationsfigur, während die Niederländischsprachigen den Kelten Ambiorix verehren. Honni soit qui mal y pense.

Cherchez la femme

12.07.2011dMit Schwester Emmanuelle befindet sich unter diesen großen Belgiern nur eine Frau. 1908 in Brüssel geboren, trat sie mit 20 in die Ordensgemeinschaft „Unserer Frauen von Sion“ ein, studierte französische Literatur, Philosophie und Theologie. Vierzig Jahre lang unterrichtete sie „höhere“ Töchter und Kinder begüterter Eltern aus der Türkei, Tunesien und Ägypten. Bis sie als alte Frau Kinder entdeckte, die vom Müll lebten. Sie zog ihr Ordenskleid aus, tauschte den Professorinnentitel gegen die Bezeichnung „Mutter der Müllmenschen“ und zog 1971 mit einem Eselskarren zu den Lumpensammlern Kairos, wo sie sieben Jahre zwischen Ratten und Ungeziefer im Gestank des Großstadtabfalls hauste.

Hatten Sie von ihr schon gehört? Nein, auch nicht? Daraus dürfen wir schließen: Unbekannter als berühmte Belgier sind nur berühmte Belgierinnen. Probieren Sie es aus! Wer sie in Google sucht, erhält folgende Antwort: »Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden. Meinten Sie: „Berühmte Bulgarinnen“? «

Damit das anders wird, schlagen wir hiermit zwei weitere Frauen als „berühmte Belgierinnen“ vor: Erstens Margarethe von Habsburg. Zweitens Mathilde. Die Stunde der Habsburgerin Margarethe schlug anno 1529, als ihr Neffe Kaiser Karl V. nicht direkt mit seinem gleich alten Intimfeind Franz I. von Frankreich verhandeln wollte. Stattdessen handelte Margarethe mit Franzens Tante Louise von Savoyen den „Damenfrieden von Cambrai“ aus, der den Krieg der Liga von Cognac beendete. Frankreich verzichtete dabei unter anderem auf die Herrschaft in Flandern.

So wichtig Margarethe für die belgische Geschichte war, Mathilde d’Udekem d’Acoz (geboren am 20. Januar 1973 in Uccle) dürfte berühmter sein, seit sie am 4. Dezember 1999 Kronprinz Philipp von Belgien geheiratet hat. Das erste ihrer vier Kinder, die 2001 geborene Elisabeth Thérèse Marie Hélène (unser Titelbild), wird wohl eines Tages belgische Königin aus eigenem Recht werden und spätestens dann die Liste der berühmten Belgierinnen anführen. Die Bulgarinnen müssen sich dann ganz warm anziehen.

Autor: Renate Kohl-Wachter, Fotos: Renate Kohl-Wachter

Tags: Belgien

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