Belgische Regierung beschließt leichte Lockerungen bei den Pandemie-Beschränkungen

Von Michael Stabenow.

Eine gute Nachricht für alle Haarschnitt- oder Massagebedürftigen in Belgien: am 13. Februar sollen Friseursalons wieder öffnen dürfen, jedoch unter strikten Auflagen. Gleiches gilt – vom 1. März an  – für Solarien, Kosmetiksalons, Masseure und andere Kontaktberufe. Auch Zoos, Bungalowparks sowie Campingplätze sollen – schon am 8. Februar – Besucherinnen und Besuchern wieder offenstehen.  Immobilienmakler können Interessenten vom 13. Februar an auch wieder offiziell durch Häuser und Wohnungen führen. Die übrigen Beschränkungen wurden bis zum 1. April verlängert. 

Die vom sogenannten Konzertierungsausschuss von Föderal- und Regionalregierung am Freitag beschlossene Wiedereröffnung der Friseurgeschäfte hatte zuletzt im Mittelpunkt der Diskussion gestanden. Vor allem die französischsprachigen Liberalen (MR) hatten nachdrücklicher einen entsprechenden Beschluss verlangt.

Premierminister Alexander De Croo hatte im Januar erklärt, Lockerungen könne es nur geben, wenn die Entwicklung der Corona-Kennziffern günstig verlaufe. Nun beschrieb er die Lage als „ziemlich stabil“ seit Anfang Dezember. Nach den neuesten offiziellen Angaben ist die Zahl der Neuinfektionen im Wochendurchschnitt um rund fünf Prozent auf täglich 2349 gestiegen; der Zuwachs hat sich zuletzt verlangsamt. Günstiger entwickelten sich die Anzahl der Aufnahmen in die Kliniken mit einem Rückgang um zwölf Prozent auf täglich 118 sowie die der Todesfälle, die um 20 Prozent auf täglich 40 zurückgegangen ist.

Weiter ausgebreitet, wenn auch zuletzt langsamer, hat sich in Belgien die ansteckendere britische Mutationsvariante des Virus, die einen Anteil von 16 Prozent bei den Neuinfektionen erreicht hat. Der Anteil der Bewohner des Landes, die über Antikörper gegen das Virus verfügen, wird inzwischen auf 20 Prozent geschätzt. Dies liege deutlich unter dem für eine sogenannte Herdenimmunität notwendigen Anteil von 60 bis 70 Prozent, warnte Steven Van Gucht, der Leiter der Gesundheitsbehörde Sciensano.

Van Gucht und andere namhafte Virologen und Epidemiologen, hatten eine Öffnung der Friseursalons als riskant eingestuft. De Croo hingegen erklärte am Freitag, die Öffnung der Geschäfte sei wichtig für das Wohlbefinden und werde bei der Bewältigung der Pandemie dazu beitragen, „durch die letzten schwierigen Monate hindurch zu kommen“.

Personal und Kundschaft von Friseurgeschäften werden verpflichtet, sogenannte chirurgische Masken (aber nicht die FFPE 2-Masken) zu tragen. Zwischen der Bedienung der Kunden sind Pausen von jeweils zehn Minuten vorgesehen, um zu desinfizieren und die Räumlichkeiten müssen gut gelüftet sein. Anders als zuletzt in Erwägung gezogen soll die Besuchsdauer in den Salons nicht auf eine halbe Stunde begrenzt sein.

De Croo und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke erinnerten daran, dass Belgien, das im Herbst besonders hart durch die „zweite Welle“ getroffen worden ist, heute besser als viele europäische Länder dastehe. Schulen und nicht-lebensnotwendige Geschäfte seien geöffnet. „Die Maßnahmen funktionieren gut, weil sich die Leute daran halten“ behauptete De Croo. Vandenbroucke sprach von einem „original belgischen Modell“. Er wiederholte die Devise „Testen, Isolieren, Impfen“ und kündigte an, schärfer gegen Reisende vorzugehen, die sich bei der Rückkehr nach Belgien nicht an die Auflagen zu Tests hielten. Wie das in der Praxis geschehen soll, verriet der Minister nicht. Rückkehrende nach Belgien berichten jedoch von konsequenter Kontaktaufnahme durch die Behörden, zumeist via SMS und mit Informationen und Rückfragen zum Test- und Quarantäneverlauf.

Vandenbroucke verwies darauf, dass Belgien inzwischen über „enorme Testkapazitäten“ verfüge und geplant sei, „so schnell wie möglich“ bei der Impfung voranzukommen. Derzeit stehe das Land dabei an achter Stelle in Europa und besser da als die „unmittelbaren Nachbarn“. Nach offiziellen Angaben wurden bis Donnerstag in Belgien 381.225 Impfdosen verabreicht. 318.048 Menschen – knapp 3,5 Prozent der über 18 Jahre alten Bewohner – haben die erste Dosis, 63.177 weitere  – 0,7 Prozent die erforderliche zweite Impfdosis erhalten.

Auch in Belgien dürften die Produktionsengpässe bei den Impfherstellern für ein langsameres Tempo sorgen. In den vergangenen Tagen wurden vor allem zweite Dosen an Bewohner von Pflegeheimen verabreicht. Auch die Empfehlung eines Expertengremiums, den inzwischen ebenfalls zugelassenen Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca nur an unter 55-Jährige zu verabreichen, dürfte Folgen haben.

Die Forderung, jüngere Menschen vorrangig zu impfen, stieß jedoch auf Zurückhaltung von Medizinern. Sie halten es weiterhin für erforderlich, zunächst ältere und gesundheitlich besonderen Risiken ausgesetzte Menschen zu schützen und so die Krankenhäuser möglichst zu entlasten. Nach den Bewohnern von Pflegeheimen und den an vorderster Corona-Front arbeitenden Ärztinnen, Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern soll das sonstige medizinische Personal, nicht zuletzt Haus- und Zahnärzte, an die Reihe kommen. Offiziell ist nach wie vor geplant, Anfang März mit der Impfung der über 65-Jährigen sowie besonders gefährdeter jüngerer Menschen zu beginnen.

Anfang April sollen jüngere Menschen an die Reihe kommen, die in „lebensnotwendigen Berufen“ arbeiten. Vandenbroucke hat sich nachdrücklich dafür eingesetzt, dann auch Polizistinnen und Polizisten einzubeziehen. Unklar ist, ob auch Lehrerinnen und Lehrer vorrangig geimpft werden sollen. Inwieweit sich das Ziel erreichen lässt, im Sommer allen erwachsenen Bewohnerinnen und Bewohnern Belgien ein Impfangebot zu unterbreiten, bleibt undeutlich.

Der Konzertierungsausschuss beauftragte das beratende Expertengremium (GEMS), in Abstimmung mit der Regierung und Branchenvertreten einen Zeitplan für eine – nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Fortschritten bei den Impfungen –  erhoffte Lockerung der Beschränkungen aufzustellen. Der Konzertierungsausschuss soll ein weiteres Mal am 26. Februar tagen.

 

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