Belgiens Geschichte/3. Teil: Kapitulation und verworrene Gegenwart

Zum zweiten Mal wird Belgien überrollt. Gegen den Willen der Regierung kapituliert Leopold schon zwei Wochen nach dem deutschen Einmarsch. Er wird von den Deutschen erst in Belgien gefangen gehalten und dann, 1944, mit seiner Familie nach Sachsen ins Exil verbracht. Auch wegen der schnellen Kapitulation bleibt Belgien von Zerstörungen weitgehend verschont, abgesehen von der verheerenden Ardennenschlacht im Winter 1944/45.

Aber viele Belgier verdächtigen Leopold prodeutscher Sympathien, weshalb dieser zunächst in Österreich bleibt. 1950 stimmt das belgische Volk in einem Referendum über seine Rückkehr ab. 58 Prozent der (seit Kohle-Zeiten „roten“) Wallonen, aber nur 30 Prozent der (traditionell katholischen) Flamen sind dagegen. Im Land kommt es sofort zu Streiks und Straßenkämpfen; die alten Ressentiments zwischen Flamen und Wallonen brechen in voller Schärfe wieder aus. Kurz nach seiner Rückkehr verzichtet Leopold zugunsten seines 20-jährigen Sohns Baudouin auf den Thron.

Baudouin I. regiert das Land umsichtig und beherrscht. 1958 findet in Brüssel eine Weltausstellung statt, für die auch das Atomium gebaut wurde. Aber schon im gleichen Jahr ist das Fest vorbei: Im Kongo kommt es zu blutigen Aufständen. 1960 entlässt das belgische Parlament die Kolonie überstürzt in Unabhängigkeit. Auch durch die darauf folgenden Sparmaßnahmen der Regierung verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Flamen und Wallonen weiter. Flandern ist wegen seiner Häfen auf dem Weg zu Reichtum, die Wallonie ist wegen des Zusammenbruchs der Hüttenindustrie verarmt.

Die Flamen empfinden die Verteilung der Lasten als ungerecht. 1966 wird nach heftigen Unruhen die letzte zweisprachige Universität des Landes, die von Löwen, in zwei einsprachige Universitäten aufgeteilt.

1970 beschließt die Regierung die erste Verfassungsreform: Im Land soll es nun drei durch Sprachengrenzen voneinander getrennte „Kulturgemeinschaften“ geben: eine niederländischsprachige, eine französischsprachige und eine deutschsprachige. Ab dann wird ständig nachgebessert. Bis 2001 folgen fünf weitere Verfassungsreformen, die das Land sukzessive in drei „Regionen“ und zwei „Gemeinschaften“ zerlegen und diesen eine immer größere Autonomie zubilligen.

Baudouin, der letzte König eines zentral regierten Belgien, stirbt 1993. Sein jüngerer Bruder tritt als Albert II. seine Nachfolge an. Welches Land er einmal vererben wird, das steht dahin. Die flämischen Politiker von Rechtsaußen bis zum Zentrum setzen zunehmend auf die separatistische Karte. Die nächste Verfassungsreform soll noch 2007 in Angriff genommen werden. Das Problem ist nur, dass nie ein Ziel des 1970 eingeschlagenen Wegs definiert wurde. Belgiens Geschichte bleibt verworren.

Von Marion Schmitz-Reiners

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