Belgiens Geschichte/2. Teil: Von Leopold I. zum Zweiten Weltkrieg

Auf der Suche nach einem König wird der kleine, junge Staat in England fündig. Dort lebt Leopold von Sachsen-Coburg, beschäftigungsloser Witwer der englischen Thronanwärterin Charlotte Auguste. Als Leopold I. wird er das Land bis zu seinem Tod im Jahr 1865 regieren. Leopold kurbelt die wallonische Schwerindustrie und die flämische Textilindustrie an. Das Problem ist allerdings, dass nur die französischsprachige Oberschicht – auch die flämischen Bosse und Barone parlieren Französisch – von dem Aufschwung profitiert. Unter der flämischen Bevölkerung indes herrscht die blanke Armut.

Das bessert sich auch unter Leopold II. nicht. Der König beschäftigt sich weniger mit den Problemen seiner Untertanen als mit seinen Expansionsgelüsten. Er hört von dem englischen Afrikareisenden Henry Morton Stanley und beauftragt ihn, die Häuptlinge im Kongo-Becken zu überreden, ihm ihr Land zur Nutzung zu überlassen. Bis 1885 hat Leopold ein Gebiet zusammengerafft, das 80 Mal so groß ist wie Belgien. Ab 1890 werden die Einheimischen in den Kautschukplantagen auf unmenschliche Weise ausgebeutet. Zehn Jahre später dringt die Kunde von den Gräueltaten über England nach Belgien. 1908 zwingt das Parlament Leopold, seine Privatkolonie dem Staat zu übereignen. Zwei Jahre später stirbt Leopold, einsam und verbittert.

Unterdessen hat sich in Flandern eine kleine Elite gebildet, die die Einführung des Niederländischen an den noch immer französischsprachigen Gymnasien und Universitäten und in der Verwaltung fordert. Aber bevor das widerstrebende Parlament überzeugt ist, bricht der Erste Weltkrieg aus.

König Albert I., Neffe des – ohne einen männlichen Nachfolger verstorbenen – Leopold, zieht sich mit seinen Truppen vor den Deutschen, die das Land ohne Kriegserklärung überfallen haben, hinter den Fluss Yzer in Westflandern zurück. Bis 1918 wütet dort ein verheerender Stellungskrieg, der Hunderttausende von belgischen, englischen und deutschen Soldaten das Leben kostet.

Nach dem Waffenstillstand am 11. November – der in Belgien noch immer ein offizieller Festtag ist – unterzeichnet Albert, auch um seinem Volk für seinen Durchhaltewillen zu danken, schnell nacheinander eine Reihe von Sprachengesetzen zugunsten der Flamen. So wird die Genter Universität 1930 endlich niederländischsprachig. Auch wirtschaftlich geht es mit dem Land, nicht zuletzt durch die befriedete Kongo-Kolonie, wieder aufwärts.

Dann kommt es abermals zu einer Serie von Dramen. 1934 verunglückt Albert bei einer Kletterpartie, ein Jahr später stirbt seine vom Volk verehrte Schwiegertochter, Prinzessin Astrid, bei einem Autounfall in der Schweiz – am Steuer des Wagens hat Alberts Nachfolger, sein Sohn Leopold III. gesessen – und 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus.

Von Marion Schmitz-Reiners

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