Belgiens Gas- und Strompreise im Fokus

Mit der Liberalisierung der Energiemärkte 2004 ist auch in Belgien alles komplizierter und teurer geworden. Das Stadtwerk – oder die Interkommunale, wie es in Belgien heißt – das einen früher beliefert hat, ist nicht mehr zuständig. Die Rechnung bekommt man vom Energieversorger, d.h. dem Unternehmen, das die Elektronen bzw. Gasmoleküle liefert. Das Stadtwerk kümmert sich nur noch um den Anschluss des Zählers und die Ablese.

Wie in Deutschland und Österreich muss man sich auch in Belgien durch einen Tarifdschungel schlagen.

Billiger als in Deutschland

Während die Großhandelspreise an den europäischen Energiebörsen fallen, steigen die Endverbraucherpreise, obwohl der Verbrauch zurückgeht. Warum? Die EU-Kommission meint, dass das an den gestiegenen Verbrauchssteuern und Netzgebühren liegt.

In einer Studie, die die Energieabteilung der EU-Kommission veröffentlicht hat, wurde die Entwicklung der Preise und Kosten von Strom und Gas in den 28 EU-Mitgliedstaaten zwischen 2008 und 2012 analysiert und verglichen. Demnach zahlten Haushaltskunden in Belgien deutlich weniger als in Deutschland.

Belgien 16,73 20,97 5,13 6,58
Deutschland 14,35 29,81 5,10 6,78
Österreich 13,21 20,21 5,54 7,48
Quelle: Eurostat

Beim Strom kommen Auslandsdeutsche in Belgien also relativ gut weg. Sie zahlen 30 Prozent weniger als in Deutschland. Das liegt zum großen Teil an der deutschen Energiewende: Wind-und Sonnenstromlieferanten bekommen in Deutschland einen garantierten Einspeisetarif. Aber der wird auf die Endverbraucher umgelegt.

Der Preisunterschied bei Erdgas ist kaum zu spüren. Gründe sind die hohe Marktkonzentration und der hohe Verbrauch. In Belgien werden die meisten Wohnungen mit Erdgas beheizt. Die Wärmekosten machen die Hälfte der Energiekosten aus. Laut einer Umfrage der Immobilienagentur Immoweb heizen 56 Prozent der Haushalte mit Erdgas, 25 Prozent mit Erdöl und 16 Prozent mit Strom. Außerdem ist Belgien zu 99 Prozent von Erdgasimporten abhängig, Deutschland zu 82 Prozent, Österreich zu 74 Prozent (die Schweiz zu 100 Prozent).

Geringe Auswahl in Brüssel

Zwar sei die Marktkonzentration im Endkundenmarkt zurückgegangen, sei aber immer noch hoch, schreibt die EU-Kommission. Platzhirsch Electrabel Customer Service hat einen Marktanteil von 45 Prozent. In Brüssel hat der Kunde nur eine Handvoll Anbieter zur Auswahl. Die Konkurrenz traut sich nicht nach Brüssel, weil das Potenzial zahlungsunfähiger, säumiger Kunden groß ist. Dort gibt es viele „schutzbedürftige Kunden“ mit geringem Einkommen, die zum Sozialtarif versorgt werden müssen.

Formeln in Formeln

Sie können mit Ihrem Strom- und Gasanbieter feste oder variable Preise vereinbaren. Variabel heißt, dass sie „indexiert“ werden. Damit ist nicht gemeint, dass sie an die Inflation angepasst werden, sondern dass sie nach einer Formel berechnet werden, in die bestimmte Parameter einfließen. Die Anbieter kaufen Strom und Gas an den internationalen Strom- und Gasbörsen auf Termin ein. Die Lieferung erfolgt an einem späteren Zeitpunkt. Auch diese Großhandelspreise sind formelgebunden. Die Einkaufspreise, die die Anbieter an die Endverbraucher weitergeben, berechnen sie wiederum auch anhand von Formeln. Egal ob Sie sich für variable oder fixe Preise entscheiden, seien Sie sicher, dass die Anbieter die Großhandelspreise mit Aufschlägen an Sie weitergeben.

Ihre Endabrechnung, die Ihnen der Energieversorger im Frühling ausstellt, enthält auch die Transportgebühren und die Gebühren für die Verteilung. Die Transportgebühren berechnen die Übertragungsnetzbetreiber Elia (Strom) und der Fernleitungsnetzbetreiber Fluxys (Erdgas), die Verteilerkosten, die Interkommunale. Die Gebühren nimmt Ihr Versorger ein, reicht sie aber an die Netzbetreiber weiter. Die Transport- und Verteilerkosten machen im Landesdurchschnitt 40 Prozent der Endverbraucherpreise aus. Mehrwertsteuer und andere Abgaben haben einen Anteil von 20 Prozent an der Energierechnung.

Was Strom- und Gas in Brüssel kostet

Und das zahlen Sie für Energie pro Kilowattstunde Strom und Gas in Brüssel, einschließlich Transport- und Verteilergebühren und Abgaben, wenn Sie im April 2015 mit Electrabel einen dreijährigen Vertrag mit festen Preisen abschließen (Tarif „Easy“, kein Nachtzähler): Die Energiepreise, also das, was Sie bei Electrabel für die Elektronen und Moleküle zahlen, sind in Brüssel, Flandern und Wallonien gleich, aber die Netzgebühren nicht. Die Vertragslaufzeit beträgt in Flandern und Wallonien nur ein Jahr, in Brüssel drei Jahre. Die Mehrwertsteuer bei Strom beträgt 6 Prozent, bei Erdgas 21 Prozent. Electrabel verbucht die Grundgebühr und das Arbeitsentgelt; der Netzbetreiber Elia bzw. der Fernleitungsbetreiber Fluxys den Transport, das „Stadtwerk“ Sibelga die Verteilung, der Staat die Mehrwertsteuer und Abgaben. Alle diese Beträge treibt der Energieversorger, in diesem Fall Electrabel, ein. Es ist der Energieversorger, der Ihnen die Rechnung schickt.

Mit 1500 Euro im Jahr muss ein Durchschnittshaushalt rechnen

Wenn Sie in Brüssel wohnen und jährlich 2000 m3 Gas ( 20.600 kWh) und 3000 kWh Strom verbrauchen, müssen Sie derzeit mit einer Jahresrechnung von mindestens 1.500 Euro rechnen, Netzgebühren, 6 Prozent Mehrwertsteuer für Strom und 21 Prozent für Gas sowie andere Abgaben inbegriffen. Eine Simulation im Februar 2015 auf der Homepage von „Monenergy.be“ mit diesen Verbrauchsdaten und der Postleitzahl 1000 ergab eine Spanne von 496 bis 610 Euro für Strom und von 1.076 bis 1.258 Euro für Gas. Aufgelistet wurden 16 Angebote von sechs Anbietern bei Strom und 13 Angebote von fünf Anbietern bei Gas. Das heißt einige Anbieter machten mehrere Angebote. Die waren u.a. abhängig davon, ob die Preise fest oder variabel sind, die Vertragslaufzeit drei oder fünf Jahre beträgt, die Zahlung per Einzugsermächtigung erfolgt und die Rechnung per E-Mail zugestellt wird. Bei Strom war der Anbieter Octa+, am günstigsten, bei Gas Electrabel, gefolgt von Octa+. Bei Octa+ handelt es sich um ein belgisches Familienunternehmen, dessen Kerngeschäft der Vertrieb von Kraftstoffen ist und das ein Tankstellennetz betreibt.

Finden Sie Ihren günstigsten Anbieter selbst heraus. Sie sollten aber schon wissen, wie viel Sie im Jahr verbrauchen. Auch bei den regionalen Netzagenturen (Brugel in Brüssel, CWAPE in Wallonien und VREG in Flandern) können Letztverbraucher erfahren, wer für sie der günstigste Lieferant ist. Auf deren Internetseiten können Sie sich mittels Preissimulationen den preisgünstigsten Anbieter für Strom und/oder Gas errechnen lassen.

Ökostrom gibt’s nur virtuell

Sie können im Königreich „Ökostrom“ kaufen. Fast alle Anbieter werben mit 100 Prozent grünem Strom, aber nur 14 Prozent produziert das Land tatsächlich, das meiste davon aus Biomasse (43 Prozent). Der Anteil der Windenergie am grünen Strom beträgt 26 Prozent.

Laut Ansicht der Verbraucherorganisation Test-Achats und Greenpeace ist der Strom nur grün gefärbt. Sie sprechen von „Greenwashing“. Die Versorger würden Ökostrom an den Energiebörsen mittels europaweit gehandelter Herkunftszertifikate billig im Ausland erwerben. Es dürfte daher angeraten sein, in Belgien allein auf den günstigsten Preis zu achten.

Abschlagszahlungen

Da Ihre Zähler in der Regel nur einmal jährlich gelesen werden, werden die Kosten Ihres Energieverbrauchs vom Vorjahr auf mehrere pauschale vorläufige Zwischenrechnungen für das laufende Jahr aufgeteilt. Eine solche Abschlagsrechnung können Sie nach Wunsch monatlich, zweimonatlich oder vierteljährlich erhalten. Die Abschlagszahlung beruht auf der Historie Ihres Konsums und auf Schätzungen der zukünftigen Preisentwicklung.

Zwei Ansprechpartner

Wer in Belgien Energie verkauft, darf nicht gleichzeitig die Verteilernetze betreiben. Deshalb haben die Privathaushalte zwei Ansprechpartner: einen für die Energieversorgung (Lieferant) und einen für den Betrieb des Verteilernetzes (Stadtwerk/Interkommunale).

Der Energieversorger stellt Ihnen die Stromrechnung zu, das Stadtwerk (die Interkommunale) liest Ihnen das Gas und den Strom ab. Den Lieferanten kann der Letztverbraucher frei wählen, den Verteilernetzbetreiber nicht. Beachten Sie, dass die Verteilernetzgebühren, d.h. die Gebühren der Stadtwerke, uneinheitlich sind.

Wer sind die Akteure?

In Belgien gibt es 18 Gas- und 31 Stromverteiler (Stadtwerke/Interkommunale) und an die 45 Stromhändler (darunter E.ON) und 30 Erdgashändler (darunter Wingas) mit einer Einzelhandelslizenz. Nur die wenigsten Händler nutzen sie für Verkäufe an Letztverbraucher, weil der Endkunden-Markt für sie unattraktiv ist. Von den Einzelhändlern auf dem Gasmarkt haben nur zwei Gewicht: Eni-Distrigaz (85% Marktanteil) und Gaz de France-Suez (10%). Beim Stromeinzelhandel herrscht etwas mehr Wettbewerb.

Wie wechselt man seinen Energieversorger?

Wählt man keinen Energieversorger, übernimmt automatisch das Unternehmen die Versorgung, von dem auch das zuständige Stadtwerk bzw. die Interkommunale beliefert wird. Ein Vertrag muss in diesem Fall nicht geschlossen werden. Der Verbraucher kann aber jederzeit wechseln und einen Vertrag mit einem anderen Energieversorger abschließen. Die Kündigungsfrist beträgt einen Monat.
Der Wechsel ist einfach: Der neue Energieversorger kümmert sich um alles. Der Kunde muss nur den Vertrag unterschreiben. Technisch muss nichts verändert werden. Weder der Zähler noch der Anschluss muss ausgetauscht werden. Der Kunde bleibt ja am Verteilernetz angeschlossen, das von der Interkommunalen betrieben wird. Vielleicht wechseln Sie?

Rainer Lütkehus

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