Belgieninfo mit voller Kraft voraus

Von Jan Kurlemann.

Die letzten Jahre waren schwierig für Belgieninfo, die deutschsprachige Website mit Informationen „über das Land, in dem wir leben“. Technische Probleme, zu wenige (ehrenamtliche) Mitarbeiter, redaktionelle Umstellungen bei Inhalten und Layout brachten den Blues. Doch die unablässigen Klicks der Leser verrieten: Hurra, wir leben!

Grund genug für Belgieninfo-Präsident und Chefredakteur Rudolf Wagner, zur Jahreshauptversammlung Mitglieder und Freunde der Internet-Plattform in der Brüsseler Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens fröhlich zu begrüßen. „Wir machen weiter, obwohl es nicht so aussah,“ rief er aus, “Belgieninfo ist nicht untergegangen“.

Dank für langjährige Unterstützung an die Deutschsprachige Gemeinschaft

„Hausherr“ Alexander Homann lobte die Initiative von „hiergebliebenen ehemaligen EU-Korrespondenten“, ihren Erfahrungsschatz in den Dienst eines elektronischen Mediums zu stellen und über das Gastland Belgien auf Deutsch zu berichten. Das „neue Gewand – die neue Portalseite und das neue Layout“ gefalle ihm und den anderen Lesern, meinte Homann. Wagner dankte im Gegenzug der ostbelgischen Regierung für die langjährige Überlassung von Büroraum für die redaktionelle Arbeit.Rekorderlebni

Dann begrüßte er als neue Mitstreiter Tom Weingärtner, früher Hessischer Rundfunk, und Jürgen Klute, evangelischer Theologe und früherer Europaabgeordneter. Eine besondere Freude war es für alle Anwesenden, daß Quirit, oder eigentlich Jean-Marie Mathues, der treue Karikaturist von Belgieninfo, mit seiner belgisch-deutschen Familie zur Generalversammlung gekommen war, und alle begrüßten ihn mit kräftigem Beifall. Mit seinen Karikaturen hat er das Erscheinungsbild des Mediums unverwechselbar geprägt und und Redaktion und Leser mit seinem ironischen Humor erfreut, aber auch zum Nachdenken gebracht.

Musik aus dem Nahen Osten

Hussein und Said

Hussein und Said, zwei Mitglieder der „Nawaris-Band“, die aus dem nahen Osten flüchten mussten und jetzt zu einem Zusammenschluß von „Refugee-Musikern“ in Belgien gehören, umrahmten die Veranstaltung mit Saitenspiel und Rhythmen auf klassischen Instrumenten des Orients.

Belgieninfo wird gelesen: Im letzten Jahr wurde es an einem Tage 680 mal „angeklickt“ und erreichte damit ein Rekordergebnis – wenn man von Hackerangriffen absieht, die schon mal zu 10000 Klicks geführt haben. Zum hohen Zugriff hat, wie Wagner erläuterte, der neue Zugang durch Facebook und Twitter beigetragen. Er hat auch die Sichtbarkeit erhöht. Zudem werden Suchfunktionen stärker benutzt und auch ältere Beiträge öfter aufgerufen.

Berichterstattung über Veranstaltungen und Teilnehmerzugang

Problematisch bleibt für den Chefredakteur das Verhältnis zu solchen Veranstaltern in Brüssel, die gerne Berichte über ihre Veranstaltungen lesen, aber ihre Termine aus Sicherheitsgründen vorab nicht veröffentlichen möchten.  Sie laden allein über ihre Listen ein, schmoren also im eigenen Saft…

Das bringe Belgienino in eine „Zwickmühle“, zumal die Eingabe von Terminen für die Website eine „ruhmlose Tätigkeit“sei, so Wagner.

Neuer Verwaltungsrat

Rudolf Wagner, als Chefredakteur wiedergewählt

Unter dem Vorsitz des Wahlvorstandes Walter Grupp wählte die Versammlung den Vorstand satzungsgemäß für zwei Jahre. Rudolf Wagner bleibt Präsident und Guy Penninck Schriftführer; Heide Newson wird Vizepräsidentin und Jan Kurlemann bleibt Schriftführer. Ulrich Alexander, Jürgen Klute, Tanja von der Lahr, Dr. Margaretha Mazura und Dr. Tom Weingärtner bleiben oder werden Beisitzer.

Ein Ehrengast aus Ostbelgien

Gerard Cremer, Chefredakteur von Ostbelgiendirekt.be und früherer Chefredakteur des Grenz-Echos ergreift nach Ende des offiziellen Teils der Generalversammlung das Wort zum Thema „Deutschlandbild der Belgier und besonders der Ostbelgier“. Selbst ist er international erfahren und hat beruflich zwischen Belgien und Deutschland gependelt oder in Italien gelebt.

Cremer erinnert an den Versailler Vertrag, durch den das Gebiet von Eupen und Malmedy nach der Ersten Weltkrieg Belgien angegliedert wurde. Im Zweiten Weltkrieg annektierte Deutschland die Region und zog die Männer als Zwangssoldaten zur Wehrmacht ein. „Die Jugendlichen in Ostbelgien haben aber zur Geschichte keinen Bezug mehr,“meint Cremer.

Selbst ist Gerard ein Kind fanatisch belgisch gesinnter Eltern: Sie kauften in Verviers ein, die Nachbarn in Aachen, sie sahen RTBF, die Nachbarn Deutsches Fernsehen, Typische Unterschiede gab es auch bei der Wahl der Zeitung und der Unterstützung von Fußballmannschaften.

1993 ging Cremer als Journalist von einer Aachener Zeitung zum Eupener Grenz-Echo, einer Zeitung, die einst gegründet worden war, um die Deutschsprachigen in Belgien zu assimilieren.

Heute ist es anders als in Gerards Kindheit: Ostbelgier kaufen in Deutschland ein und sehen Deutsches Fernsehen. Beim Fußballspiel applaudieren sie aber der belgischen Nationalmannschaft.

Der Ostbelgier weiß, was er nicht ist

Was der Ostbelgier nicht ist, weiß er genau“, betont Cremer.

Er unterscheide sich von den Deutschen in der Sicht der europäischen Finanzpolitik. Dabei gehöre er nicht zu den „preußischen Buchhaltern“. Die gleichzeitige Lektüre deutscher und belgischer Medien „öffne den Blick“.

Im Gespräch geht es um das belgische Atomkraftwerk Tihange. Deutsche und belgische Atomkraftgegner werden eine grenzüberschreitende Kette bilden. Heri Korfmacher versteht nicht, warum Deutsche in Belgien demonstrieren wollen, zugleich aber nichts dagegen unternehmen, daß Brennstäbe aus Deutschland nach Tihange geliefert werden.

Cremer wehrt sich gegen die Art des Umgangs in Deutschland mit Belgien, und Jürgen Klute stimmt ihm zu. Der Referent betont ausdrücklich, daß es Hemmungen in Bezug auf deutsche „Themen und Akteure“ in Ostbelgien nicht mehr gebe. Auch die deutsche Flagge sei seit der Fußball-WM in Deutschland akzeptiert.

Ein Ärgernis bleibe die deutsche Pkw-Maut. Für Belgier, die Angela Merkel schätzen, sei der Bruch ihres Versprechens, die Maut keinesfalls einzuführen, unentschuldbar.

Historisch falsche Orientierung der deutschsprachigen Belgier

Ein großer Fehler der deutschsprachigen Belgier sei es gewesen, meint Cremer, nicht Flämisch gelernt zu haben. Dabei hätten sie eine Affinität zu Flandern. Das gehe auch noch weiter: Erst als Erwachsener habe er Brüssel schätzen gelernt. Was ihn stört? „Die verrückten Parlamente an jeder Ecke“ in Belgien.

Tags: #Nawaris

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