Belgieninfo mit Kurt-Grünebaum-Preis

Biografie über den Namensgeber vorgestellt

Belgieninfo_01Zwei Premierenfeiern fanden gleichzeitig am 3. November 2010 in der Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG) in Brüssel statt: Alfred Küchenberg, Geschäftsführender Direktor des Grenz-Echo Verlages und Verleger der gleichnamigen Tageszeitung, verlieh Rudolf Wagner, dem Chefredakteur von „Belgieninfo“ und seinem Team den Kurt-Grünebaum-Preis und überreichte ihm einen Scheck über € 1.250. Bei dieser Gelegenheit stellte Heinz Warny, früherer Chefredakteur des Grenz-Echos, sein Buch „kg.Brüssel – Zum Lebenswerk Kurt Grünebaums“ vor, das zum 100. Geburtstag des Namensgebers erschienen ist.

Die DG und der Grenz-Echo-Verlag hatten in das repräsentative Jugendstil-Gebäude nahe der Brüsseler Avenue Louise eingeladen, und zahlreiche Gäste waren erschienen: Prof. Dr. Reinhard Bettzuege, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Ehrenabgeordneter Albert Gehlen, Stephan Thomas, Generalsekretär des Parlaments der DG, Vertreter von Länderbüros und Institutionen, von Wissenschaft und Medien, sowie die früheren Preisträger, die Schriftstellerin Marion Schmitz-Reiners und der Journalist Michael Stabenow (FAZ).

Langjährige Zusammenarbeit

Belgieninfo_02Heinz Warny kann wie kaum ein anderer nach Jahrzehnten der Tätigkeit für das Grenz-Echo über die Zusammenarbeit mit Kurt Grünebaum berichten. Bei der Zeitung ist Grünebaum stets gegenwärtig – trägt doch der Eupener Konferenzraum seinen Namen! Außerdem hat sich die Zeitung mit wissenschaftlicher Unterstützung um seinen Nachlass und seine Bibliothek gekümmert. Nur sein Tagebuch über Kriegszeit, Haft und Internierung bleibt verschwunden. Heinz Warny hätte es gerne ausgewertet und als Quelle genutzt, wie er belgieninfo gegenüber bedauerte.

Kurt Grünebaum aus Gießen – Jude, Sozialdemokrat, Student und Zeitungsmitarbeiter, erklärter Gegner des Nationalsozialismus, ging mit seiner Verlobten 1933 nach Belgien, um der Verfolgung auszuweichen. In Brüssel fand er den Einstieg in den Journalismus und heiratete. Vor dem deutschen Einmarsch 1940 wurde der inzwischen ausgebürgerte Kurt Grünebaum in Belgien als „feindlicher Ausländer“ festgenommen und nach Frankreich in die Lager Gurs und später Saint Cyprien verbracht. Nach der Flucht aus dem Lager in der Schweiz interniert, kehrte er von dort 1945 nach Belgien zurück, wo seine Frau Alice im Untergrund überlebt hatte.

Als Journalist der Tageszeitung „Le Peuple“ wurde der Emigrant eine herausragende Figur des belgischen Journalismus. Er war zudem Hauptstadtkorrespondent des Grenz-Echo, Belgien-Korrespondent des Escher Tageblatts (Luxemburg) und der Neuen Zürcher Zeitung.
Trotz hoher Ehrungen aus Belgien, Deutschland und Luxemburg nahm Grünebaum nie wieder eine Staatsangehörigkeit an. Bis zum Tode lieb er staatenlos.

Der Verleger hat das Wort

Von persönlichen Erinnerungen an Kurt Grünebaum berichtete Alfred Küchenberg in seiner Laudatio für die Preisträger: Dieser betätigte sich für den jungen Verleger, indem er als „Türöffner“ beim Regierungschef Wilfried Martens fungierte. „Geradlinigkeit, Überzeugung und Professionalität“ zeichneten Grünebaum aus. In dreißig Jahren Mitarbeit verlieh er dem Grenz-Echo einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit. Er war auch der Erste, der 1987 politische Machenschaften deutscher Rechtsradikaler in Belgien aufdeckte.

Neues zur Preisverleihung – Fakten zu belgieninfo

„Zum ersten Mal gehen wir neue Wege bei der Preisverleihung“ betonte Küchenberg. Zum ersten Mal werde ein Team ausgezeichnet, und zum ersten Mal gehe der Preis an ein Medium der digitalen Welt, das den „Schritt in das World Wide Web gewagt“ habe. Belgieninfo als Plattform rufe bei der Tageszeitung keine Ängste hervor.

Belgieninfo_03

Konstituiert als gemeinnütziger Verein nach belgischem Recht fand belgieninfo 2004 Eingang ins Belgische Staatsblatt. Eine Tageszeitung wolle die Publikation nicht sein; sie biete Hintergrundinformationen, Nachrichten und „Nützliche Hinweise“. 350 Autoren hätten über 40.000 Textseiten erstellt. 60 Prozent der Leserinnen und Leser lebten in Belgien, 35 in Deutschland.

Wagner im Namen von „belgieninfo“

Der Kurt-Grünebaum-Preis honoriert die journalistische Arbeit, die die Bindung zwischen dem Inland und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens nachhaltig fördert. Dies Prinzip hat der Namensgeber immer hoch gehalten.

„Für uns war die Verleihung des Preises eine große Überraschung“, begann Chefredakteur Rudolf Wagner seine Dankesworte im Namen des Teams, nachdem Alfred Küchenberg ihm den Scheck überreicht hatte. Er nahm den Preis für das Team in Erinnerung an einen großen Kollegen, an seinen Namen und sein Vermächtnis des „Brückenbaus“ entgegen und dankt herzlich all denen, die belgieninfo in seiner Arbeit unterstützen.

Neue Homepage und die Zukunft

Als Überraschung kündigt Wagner die neue Homepage des Portals mit neuem Layout an, die in der folgenden Nacht ins Netz gehen werde. Sie ist die vierte seit dem Beginn der Arbeit vor acht Jahren, als belgieninfo noch nicht „belgieninfo“ hieß.

„Was wird in den nächsten acht Jahren geschehen?“ fragte der Preisträger die Anwesenden. Wird es uns und Belgien noch geben? „Werden wir über Belgien minus Flandern minus Brüssel minus Wallonie berichten müssen?“Wie sollen wir die Gegenwart verständlich machen, und wie sollen wir uns selbst verhalten?“

Man müsse daran denken, dass die Publikation Belgien dient – in der öffentlichen Wahrnehmung des Auslandes. Inzwischen könne man täglich bis zu 3000 Zugriffe auf das Portal aus Belgien und dem Ausland zählen.

Wagner glaubt an die Möglichkeit, mit einem „Compromis à la belge“ den Weg aus der aktuellen Krise des Landes zu finden. „Auch Kurt Grünebaum hätte an einen guten Ausgang geglaubt“, schließt er.

Ausklang mit Karl-Heinz Lambertz

Mit nachdenklichen Worten und einem historischen Bezug rundet der Hausherr, Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz, die Preisverleihung ab. Er erinnert an den Jahrestag der Aktion „Erntefest“ des Dritten Reiches am 3. März 1943. 43.00 jüdische Häftlinge wurden an diesem Tage in Konzentrationslagern im „Generalgouvernement“, dem besetzten Polen ermordet. „Kurt Grünebaum hat Hass und Verfolgung durch die Nazis am eigenen Leibe erfahren“. Die Ehrung von kritischem Journalismus durch einen Preis mit seinem Namen trage dazu bei, „dass sich solches nicht wiederholt“.

Der Ministerpräsident schätzte Grünebaum als d e n hervorragenden Kenner der belgischen Politik. Sein Rat sei immer „wertvoll, uneigennützig und ehrlich gemeint“ gewesen. An seine Kontakte zu ihm als junger Sozialdemokrat erinnere er sich gut. Nach dem Tode pflegte seine Witwe Alice oft zu fragen: „Was hätte Kurt dazu gesagt?“

Belgieninfo und Grenz-Echo: Komplementäre Medien

Lambertz‘ Urteil über belgieninfo ist eindeutig: „Ein Medium, das politisch denkt und über Politik berichtet“. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten Belgien zu ihrer Wahlheimat gemacht. Dankbar ist er dafür, dass das Portal Politik und Kultur Belgiens für seine Leser anschaulich macht. „Nichtbelgier berichten auf Deutsch über Belgien, damit man es besser kennen, verstehen und lieben lernen kann“. Seine Rolle sei komplementär zu der des Grenz-Echos, das den Preis verleiht. „Auf diese Komplementarität ist die DG – morgen vielleicht eine Region – angewiesen.

Fotos: Johannes Wachter

Das Buch:
Heinz Warny
„kg.Brüssel. Zum Lebenswerk des Journalisten Kurt Grünebaum“
Grenz-Echo Verlag Eupen
Eine Buchbesprechung in belgieninfo ist in Vorbereitung.

Von Jan Kurlemann

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.