Panorama

„Belgien – anregend anders“: Fachkonferenz des Belgienzentrums in Paderborn

Von Michael Stabenow.

Die Geschichte, Sprache und Kultur Belgiens findet auch außerhalb der Landesgrenzen viele Interessierte. Dafür sorgt nicht zuletzt das 2016 gegründete „Belgienzentrum (BELZ)“ der Universität Paderborn unter der Leitung von Romanistin Sabine Schmitz. Am 21. und 22. April lud das BELZ zu einer virtuellen Fachkonferenz unter dem Titel „Belgien – anregend anders“. Für Entspannung vom themenvielfältigen, akademischen Teil sorgten die live gestreamten Konzerte des flämischen Pianisten Lucas Blondeel und des aus Verviers stammenden Fingerstyle-Gitarristen Jacques Stotzem.

Der thematische Bogen der Konferenz war weit gespannt. Er reichte von Betrachtungen zu Surrealismus und Realismus im Kino sowie zur „Phantastik“ in der Literatur über eine sozialwissenschaftliche Studie zum Selbstverständnis der in Belgien lebenden rund 80.000 Deutschen bis zu einem Ausblick auf den derzeit diskutierten Umbau des Staats.

Das Fazit der drei teilnehmenden belgischen Diplomaten, darunter Botschafter Geert Muylle, zu der für frühestens 2024 geplanten, inzwischen siebten Staatsreform lautete: Eine weitere Neuordnung sei zwar angesichts der beiderseits der niederländisch-französischen Sprachgrenze wirkenden Fliehkräfte geboten. Ein Zerfall Belgiens dürfte, bei allen realistischen und surrealistischen Gedankenspielen, indessen nicht unmittelbar bevorstehen. „Totgesagte leben länger“, drückte es einer der belgischen Konferenzteilnehmer aus.

Wie Belgien im Schulunterricht gleichermaßen anders und anregend wirken kann, zeigten die Romanistinnen Corinna Koch (Universität Münster) und Marie Weyrich (Universität Paderborn) anhand der Entwicklung des klassischen belgischen Kulturguts der französischsprachigen „bande dessinée“ (BD), also der Comics, auf. Bis zum heutigen Tage gelten die vor Jahrzehnten entstandenen Bände von Pionieren wie Hergé (Tintin/Tim und Struppi), André Franquin (Spirou und Gaston Lagaffe) oder Peyo (Les Schtroumpfs/Die Schlümpfe) als Ecksteine belgischer Kultur. Seit den achtziger Jahren haben sich, wie Koch und Weyrich darlegten, neue BD-Kunstformen entwickelt. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr nur auf einzelnen Hauptfiguren und einem meist humoristischen Duktus; oft kommt auch inzwischen eine internationale Ausrichtung hinzu. Als fachdidaktisch besonders geeignet betrachten die Wissenschaftlerinnen die in Brüssel an verschiedenen Hauswänden angebrachten Comic-Fresken, die sich im Unterricht durch eine virtuelle Herangehensweise – zum Beispiel unter Nutzung von „Google Street View“ – begutachten ließen.

Wenig mit der Comic-Welt zu tun haben dagegen die auf der Konferenz vorgestellten Ergebnisse einer Befragung von 54 in Belgien lebenden Deutschen über ihr kulturelles Selbstverständnis und das Verhältnis zu Belgien. Zu den Erkenntnissen der Germanisten Ferran Suñer Muñoz und Hubert Roland von der Universität Louvain-la-Neuve gehört, dass nur jeder siebente negative Vorbehalte in Belgien gegenüber Deutschen sieht. „Gelegentlich“ hat ein gutes Drittel der Befragten konkret Ressentiments wegen der Rolle Deutschlands in den beiden Weltkriegen wahrgenommen. Beim Gütesiegel „Made in Germany“ dagegen, haben über drei Viertel der Befragten eine „positive Einstellung zur deutschen Qualität“ erlebt. Knapp 55 Prozent der befragten Deutschen sähen eine Aufgabe in Belgien darin, eine „aktive Kulturvermittlung“ zu übernehmen. Die Wissenschaftler gaben jedoch zu bedenken, dass die bisherigen Erkenntnisse Teil eines größeren Projekts sei, zu dem auch eine Untersuchung, möglicherweise auch „anregend anders“, des Selbstverständnisses der in Deutschland lebenden Belgier zählen soll.

Die Konferenz hat in jedem Fall die Zielsetzung des BELZ, den Ideen- und Erfahrungsaustausch zwischen den Nachbarländern möglichst umfassend fördern, erfüllt. Bei der breiten Themenpalette war für alle was dabei.

Weitere Informationen zum BELZ und seinen Aktivitäten finden sich im Informationsportal Belgien.Net (www.belgien.net)

 

Bild: mit freundlicher Genehmigung, BELZ, Universität Paderborn

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