„Belgien am Scheideweg?“ – Erste Geschichte Belgiens auf Deutsch

Christoph Driessen

Von Jan Kurlemann und Jürgen Klute.

Belgien sei ein „künstliches Gebilde“, aus einem „Betriebsunfall der Geschichte“, einer „Rangelei großer Mächte“ entstanden. Ein Gebilde „ohne gemeinsame Geschichte“. Die belgische Politik sei im Wesentlichen bestimmt durch den Streit zwischen der französischsprachigen und der flämischsprachigen Gemeinschaft. So die seit Jahrzehnten anhaltende Wahrnehmung Belgiens durch die Brille deutschsprachiger Medien und wohl auch vieler Bürger und Bürgerinnen. 

Dieses Bild zu überprüfen und zu relativieren hat sich der niederländische Historiker Christoph Driessen vorgenommen. Driessen, in Deutschland aufgewachsen und Leiter des Kölner Büros der Deutschen Presseagentur (dpa), hat 2018 das Buch „Geschichte Belgiens – Die gespaltene Nation“ veröffentlicht.

In der Hessischen Landesvertretung in Brüssel stellte er es am 28. November vor und sich dem Dialog. Friedrich von Heusinger, der Leiter Landesvertretung in Brüssel, sagte in seiner Begrüßungsrede, dass er mit seiner Familie gerne in Belgien wohne und Belgien mag. Aber er räumte auch ein, dass er das Land nicht wirklich verstehe.

Für Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) Belgiens, der ebenfalls ein Grußwort sprach, ist allerdings nicht nur Belgien als föderaler Staat ein „kompliziertes Land“. Auch die Bundesrepublik sei nicht immer einfach zu verstehen. Ein Beispiel ist für ihn das unterschriftsreife Abkommen über die Zusammenarbeit von Polizei und Rettungsdiensten in der DG und Nordrhein-Westfalen (NRW). Seit zehn Jahren liegt es auf Eis, weil sich der Bund und das Land NRW nicht einigen können, welcher Minister unterschriftsberechtigt ist.

Nach diesen beiden Grußworten führten BRF–Journalisten Olivier Krickel und Christoph Driessen im Gespräch miteinander in die lange und komplexe Geschichte Belgiens ein.  Krickel fragte und Driessen zeichnete die Entwicklung Belgiens von der römischen Zeit bis zur Gegenwart nach. Belgien, so wurde dabei deutlich, ist keineswegs ein Kunstprodukt des Wiener Kongresses von 1815 oder das Ergebnis der Abspaltung des südlichen Teils der Niederlande im Jahre 1830.

Uralte Sprachgrenze

Die so konfliktbeladene Sprachgrenze im heutigen Belgien entstand bereits zur Zeit der Römer. Sie zieht sich in etwa entlang der alten Römerstraße „Via Belgica“, die von Köln bis zum Ärmelkanal führte.  Südlich dieser Straße übernahmen die Kelten das Vulgärlatein, ebenso wie der größte Teil der Franken, die später Gallien eroberten. Nördlich dieser Linie wurde vorrangig flämisch gesprochen.

Schon im 9. Jahrhundert entstand eine zweisprachige „Grafschaft Flandern“ als ein Lehen des französischen Königs. Zu der Grafschaft gehörten auch die Städte Lille und Douai im heutigen Nordfrankreich.

Die Entstehung des Staatsgebietes

Ein wichtiges historisches Datum stellt die „Schlacht von den goldenen Sporen“ vom 12. Juli 1302 dar. Damals schlug eine Streitmacht von Bürgern das französische Ritterheer König Philipps des Schönen vernichtend. Seit 1973 ist das Datum der Schlacht der offizielle flämische Feiertag.

Driessen betonte allerdings, dass die Konflikte zu Beginn des 14. Jahrhunderts sich nicht im Geringsten an Sprachgrenzen festmachten. Es ging vielmehr um einen Konflikt zwischen einem frühen Bürgertum und dem Adel. In jener Zeit lagen im Gebiet des heutigen Belgiens die größten, meisten und prosperierendsten Städte in Europa, in denen ein reiches und selbstbewusstes Bürgertum entstand. Zugleich gab es innerhalb der Städte starke soziale Spannungen. Deshalb wertet Driessen auch die noch heute anzutreffende Bezugnahme auf die Schlacht von den goldenen Sporen im Sprachenstreit als Instrumentalisierung.

Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens

Den Beginn eines belgischen „Nationalgefühls“ sieht Driessen in der „Brabanter Revolution“ (1789). Der habsburgische Kaiser Joseph II (1741-1790), ein aufgeklärter Absolutist, stieß im burgundischen Teil seines Reiches auf erbitterten Widerstand gegen seine Reformen. Doch diese Revolution und die Gründung der „Vereinigten Belgischen Staaten“ blieb eine Episode in der wechselvollen Geschichte Belgiens, da der französische Kaiser Napoleon die südlichen Niederlande annektierte. Die alte Struktur wurde zerschlagen und das Land in Départements zerlegt. Französisch wurde zur alleinigen Sprache.

Revolution in der Oper

Die Aufführung der Oper “Die Stumme von Portici“ in Brüssel wurde 1830 zum Katalysator für die belgische Revolution. Die Zuschauer zogen singend auf die Straße und erhoben sich gegen die holländische Herrschaft. Am Ende der Auseinandersetzungen stand die belgische Unabhängigkeit mit einer konstitutionellen Monarchie und einer Verfassung, die zu den modernsten ihrer Zeit gehörte.

Belgien entwickelte sich in dieser Zeit zur führenden Industriegesellschaft auf dem europäischen Festland. Einen herben Bruch erfuhr diese Entwicklung mit dem deutschen Überfall im Jahre 1914. Wie Driessen berichtete, verbrachten Deutsche bis kurz vor Kriegsbeginn noch Ferien an der belgischen Nordseeküste im friedlichen Nebeneinander mit Belgiern.

1. und 2. Weltkrieg

Mit den bekannten Massakern der deutschen Armee an belgischen Zivilisten gleich zu Beginn des Krieges kam es – so Driessen – zum ersten Zivilisationsbruch im modernen Europa. Doch damit nicht genug. Das Land wurde ausgeplündert, Männer zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Gleichzeitig gab es Versuche, Verbindungen zwischen Flamen und der Besatzungsmacht aufzubauen, die allerdings ohne großen Erfolg blieben. Und die flandrischen Schlachtfelder gehörten zu den blutigsten des 1. Weltkrieges, deren Spuren noch heute zu sehen sind und die fest verankert sind im kollektiven Gedächtnis.

Für die Spaltung Belgien zwischen Flamen und Wallonen spielt die deutsche Besatzung Belgiens während des 2. Weltkrieges eine nicht zu unterschätzende Rolle. Es geht dabei um die Frage der Kollaboration mit den deutschen Faschisten. Im wallonischen Teil Belgiens gab es viele Akte des aktiven und passiven Widerstandes gegen die Nazis.  Die Brüsseler Bürgermeister hatten sich beispielsweise geweigert, Judensterne zu verteilen. Im flämischen Teil Belgiens war der Widerstand gegen die Nazis hingegen geringer.

Und heute?

Die Verfassungsreformen der letzten Jahrzehnte haben die Entwicklung des belgischen Föderalstaates begleitet und immer wieder umgeformt. Ein Prozess, der für die deutschsprachige Gemeinschaft von Vorteil war, wie Driessen meint.

Christoph Driessen (l.) und Olivier Krickel (BRF) im Gespräch

Die erneute Blockierung der Regierungsbildung wirft allerdings Zweifel auf, ob Belgien sich auf Dauer halten kann. Will die rechts-konservative flämische N-VA beweisen, dass Belgien in seiner heutigen Form unregierbar ist? „Irgendwo ist immer Krise“, stellt der Autor angesichts der von ihm nachgezeichneten Geschichte Belgiens mit verhaltenem Optimismus fest. Zweifel aus dem Publikum beantwortet er damit, dass es im flämischen Teil Belgiens keine Mehrheit für eine Unabhängigkeit gibt.

Doch in Belgien wie in anderen Ländern gibt es einen sozialen Konflikt – die Einstellung gegen einen bestehenden oder angenommenen Wohlstandstransfer. Der Autor erklärt, dass sich die Spaltung der Gesellschaft in Belgien mit der Geschichte der Unterdrückung des flämischen Teils während der Hochphase der Industrialisierung verbindet.

Trotz aller Konflikte in der belgischen Gesellschaft gibt es starke Klammern, so Driessen: Die „Roten Teufel“, die Fußball-Nationalmannschaft, die weltweit wieder auf dem ersten Platz der Rangliste steht. Und das Königshaus – mit regionalen Unterschieden in der Einstellung zur Monarchie.

Wie auch immer die Geschichte weitergehen wird: Mit seinem Buch hat Christoph Driessen ein fundiertes, spannend und gut lesbar geschriebenes Werk vorgelegt, das man allen, die Belgien verstehen lernen wollen, gut empfehlen kann – auch als Geschenk für das kommende Weihnachtsfest.


Driessen, Christoph:   Geschichte Belgiens. Die gespaltene Nation. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2018 (ISBN 978 – 3 – 7917 –  2975 – 6)

Fotos: Jürgen Klute CC BY-NC-SA 4.0

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