Antwerpen – Kunst während des Ersten Weltkriegs

In der Reihe „Die Modernen“ zeigt das Königliche Museum für Schöne Künste Antwerpen während der Sanierung des Museums im Fabiolazaal in diesem Jahr bis zum 11. Januar 2015 eine Schau, die sich nicht mit Kriegsgemälden welcher Couleur auch immer befasst, sondern damit wie sich das traumatische Kriegserlebnis auf die Künstler jener Zeit und ihr Schaffen ausgewirkt hat. Dabei handelt es sich bereits um die siebente Schau der Reihe, die mit dem Thema „Tour de France“ im nächsten Jahr eine Fortsetzung erfährt.

Die Ausstellung konzentriert sich auf Künstler des Sammlungsbestandes wie Rik Wouters. Ergänzend werden auch einige Schriftsteller und ihr Schaffen vorgestellt, so Paul van Ostaijen, der mit den bildenden Künstlern Floris und Oscar Jespers befreundet war. Oscar Jespers beispielsweise entwarf für van Ostaijens Gedichtband „Besetzte Stadt“ den Umschlag, ganz im Stil von Bauhaus, Konstruktivismus und Suprematismus.

Das Selbstporträt von Rik Wouters erscheint gleichsam als Aufmacher der Schau. Dabei scheint der einst gefeierte Künstler des Brabanter Fauvismus nur noch ein Abglanz seiner selbst. Ein wenig missmutig und übel gelaunt blickt Wouters drein. Die Brille hat er sich auf die Stirn geschoben. Angesichts seines Schicksals – Wouters wurde nicht nur durch die Emigration traumatisiert, sondern focht vergeblich gegen eine fortschreitende Krebserkrankung –, überrascht es, dass man nicht einen verzweifelten und gebrochenen Mann antrifft. Ein weiteres flüchtig-pastos gemaltes Selbstporträt mit Augenklappe ist gleichfalls in der Schau vertreten. Der Künstler sitzt abwartend in einem großen schwarzen Sessel. Gegenüber diesem schwarzen Fleck sticht die in Grün changierende Kleidung deutlich ab.

Von Wouters präsentiert man auch die Arbeit „Albtraum – Krieg“, also ein Werk, dass die Verquickung zwischen persönlichem Schicksal und dem Kriegsgeschehen zum Thema macht. Doch eine figurative Arbeit sehen wir nicht, sondern eher eine dynamische Farbmalerei wie zur Blütezeit der sogenannten Jungen Wilden in Flandern, zu denen auch Wouters gehörte.

Die jungen Wildenin Flandern

Nein, wir finden bei Wouters keine Gefallenen, keine Kriegskrüppel und -waisen, auch keine Schlachtszene. Stattdessen erblicken wir zunächst eine Federzeichnung, die einen Verband aus Schleppern und Schuten im Regen zeigt. Doch auch einen „Holländischen Heereswagen“, ein Pferdegespann, zeichnete der leider sehr früh verstorbene Wouters. Ihm sind auch einige Tierporträts wie das einer schwarzen Sau zu verdanken. Obendrein zeichnete er Amsterdamer Stadtansichten wie die Ansicht vom „Overtoom“ und Mitreisende auf den Zugfahrten nach Utrecht, wo er sich in ärztlicher Behandlung befand, ehe er 1916 seinem Krebsleiden erlag. Diese Arbeiten entstanden ein Jahr vor Wouters Tod und nirgendwo scheint auch nur der damals aktuell tobende Krieg motivisch durch. Es scheint, als habe Wouters wie auch andere Künstler versucht, den Krieg zu verdrängen und auszublenden.

Wouters ist sicherlich der Künstler, der mit seinen Arbeiten die Schau auch zahlenmäßig dominiert. Doch das darf den Blick nicht auf andere Künstler verstellen, so auf den Bildhauer Oscar Jespers der eine linsenförmige Figur mit faltigem, bodenlangen Mantel und Bubikopffrisur schuf. Titel der Arbeit „De Kapmantel“. Gegenüber dieser statisch wirkenden Plastik steht ein männlicher „Torso“ mit ausgeprägter Oberflächentektonik, auch von Oscar Jespers.

Hier kann man die Schaffensspuren noch entdecken, sieht gleichsam die Fingerabdrücke des Künstlers, der einen eher in Melancholie verfallenen Mann im Pullover geformt hat (Titel: De man mit de trui). Begleitet werden diese Bildhauerwerke von kleinschaligen Zeichnungen, die Paul Joosten zu verdanken sind, darunter auch Ansichten einer Bar und ein Seeblick. Doch auch „An die Front“ begleitet der Künstler den Betrachter seiner Arbeiten.

Lichter und Bewegung

Erst vom italienischen Futurismus angezogen und dann in romantisierende, naive Landschaftsmalereien und Zeichnungen abgleitend – das gilt für Jules Schmalzigaug. Gekonnt hat er die bunten Lichter und die Bewegung der Tänzer in „Impressionen eines Tanzsaals“ eingefangen. Auch in „Geschwindigkeit“ spiegelt sich der Wille wider, in der Malerei Bewegung zum Ausdruck zu bringen. Doch welch Bruch ist dies zu seiner skizzenhaften Ansicht des Strands von Scheveningen!

Betrachtet man „Mann und Frau“ – zu verdanken ist das Opus der belgischen Malerin der Abstraktion Marthe Donas – dann glaubt man, der Bildhauer Archipenko habe Pate gestanden. Auch Jos Leonard gehört zu den Abstrakten Belgiens. Wie eine Arbeit aus dem Bauhaus-Vorkurs bei Itten sieht das gestapelte Gebilde Leonards aus, das 1922 entstand. Viel mehr dem Neoimpressionismus verbunden war Jacob Smits, als er „De hemel over den puinen“ malte. Drei Viertel des Bildformats ist ein gleißend heller Himmel. Flach ist die Landschaft: Drei schiefe Holzkreuze stehen auf dem Feld und ein Bauernhaus etwas abseits, davor ein Baum, der durch einen Sturm gekappt wurde. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, aber auch kein Schlachtengetümmel zu vernehmen. Der Krieg ist fern, ganz fern, so scheint es. Doch Smits ist nicht nur der Maler des Kempenlandes, sondern er warf auch einen Blick in einen Schützengraben. Und dieses Erlebnis hat er ebenso auf die Leinwand gebannt.

Beim Rundgang treffen wir auf ein Porträt des symbolistischen Schriftstellers Emile Verhaeren, aber auch auf eine dralle Nackte, die Modigliani 1912 schuf, acht Jahre vor seinem Tod in Paris. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und das neutrale Belgien von deutschen Truppen besetzt wurde, war Verhaeren auch in Deutschland ein überaus bekannter Schriftsteller. Er veröffentlichte während des Weltkriegs pazifistische Gedichte und stellte sich zum Beispiel mit der Gedichtsammlung „La Belgique sanglante“ gegen den Irrsinn des Krieges. Wenn er auch 1916 verstarb, war dies die Folge eines Unfalls und nicht Folge des Kriegs. Schließlich sei noch auf das Gemälde „Die Schläfer“ von Gustave Van de Woestyne hingewiesen, eine großformatige Arbeit, die ein biblisches Thema aufgreift: Jesus im Garten Gethsemane trifft auf seine schlafenden Jünger. Der Künstler hat das Thema zwar aufgegriffen, jedoch daraus eine Szene mit schlafenden Hirten gestaltet. Und der Krieg ist so fern, ausgeblendet, verdrängt!

Ferdinand Dupuis-Panther

 

Bildnachweis (von oben): Aus Copyright-Gründen sind die Fotos nach Ende der Ausstellung leider nicht mehr verfügbar.

Rik Wouters, Nachtmerrie – oorlog, 1914, aquarel op papier, 175 x 248 mm, KMSKA/Lukasweb

Jan Kiemeney, Vriendschap, 1921, olieverf op doek, 90 x 80 cm, KMSKA/Lukasweb

Oscar Jespers, De man met de trui, 1917, brons, 112,5 x 64,5 x 43 cm, KMSKA/Lukasweb, © Sabam

Jules Schmalzigaug, Pier in Scheveningen, z.d., pastelkrijt op papier, 36 x 51 cm, KMSKA/Lukasweb

Gustave Van De Woestyne, De slapers, 1918, olieverf op doek, 202 x 202 cm, KMSKA/Lukasweb

 

Information:
Koningin Fabiolazaal
Jezusstraat 28
2000 Antwerpen
Tel. 03 224 95 50
E-mail fabiolazaal@provincieantwerpen.be
http://www.kmska.be/en/bezoek/KMSKADichtbij/bezoeken_modernen.html
Öffnungszeiten: Di-Fr, So 10 – 17 Uhr, Sa bis 18 Uhr

 

Tags: WK1

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