Andrang bei den Hausärzten steigt deutlich

Von Sven Parthie.

Die COVID-19 Pandemie hat sich europaweit und auch in Belgien mit Macht zurückgemeldet. Belgieninfo sprach mit Frau Dr. Schmidt-Wirth, die als Allgemeinmedizinerin eine Hausarztpraxis in Brüssel betreibt, über ihre Erfahrungen. (Das Interview wurde am 12. Oktober geführt.)

BI: Frau Dr. Schmidt-Wirth, die Fallzahlen und auch die Krankenhauseinweisungen sind in den letzten Wochen wieder stark angestiegen. Wie macht sich das in Ihrer täglichen Arbeit bemerkbar?

S-W: Seit letzter Woche haben sich die Anfragen zu COVID verdreifacht. Der Andrang ist zu vergleichen mit der Situation im Februar und März. Aufgrund der Zunahme an Anfragen waren online am Sonntagabend bereits alle meine Termine bis Donnerstagabend vergeben.

Logistisch gesehen ist die Versorgung mit Tests mittlerweile schwierig, ein Labor konnte meine Bestellung heute nicht mehr erfüllen, hat mir aber eine Lieferung für den Folgetag in Aussicht gestellt. Glücklicherweise weiß man jetzt mehr über das Virus und seine Behandlung, allerdings ist die Symptomatik nach wie vor sehr unspezifisch. Neben den drei Hauptsymptomen – Husten, Atemnot/Kurzatmigkeit, Geschmacks- und Geruchsverlust -, gibt es auch eine Reihe von Nebensymptomen – Halsschmerzen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, etc. -, und mitunter sind bei Erkrankten auch „nur“ Nebensymptome zu beobachten. Und sie können auch komplett asymptomatisch sein.

BI: Wie haben Sie als Hausärztin den ersten Lockdown erlebt? Haben Sie ihre Praxis geöffnet gehalten?

S-W: Ich war bis Mitte des Jahres noch in einem Maison Médicale tätig und während des Lockdowns waren wir auch durchgehend besetzt. Insgesamt war die Situation eine riesige Herausforderung, da sich der Kenntnisstand über das Virus täglich geändert und erweitert hat und wir unsere Arbeitsweise komplett überdenken mussten. Statt einer Präsenz-Sprechstunde gab es fast nur noch Telefon- oder Videosprechstunden. Hier war Kreativität und Flexibilität gefragt. Auch im Hinblick auf Hygienematerial und Logistik war diese Zeit sehr fordernd.

BI: Haben sich viele Ihrer Patientinnen und Patienten mit dem Coronavirus infiziert?

S-W: Für die erste Welle kann man das nicht sagen, da anfangs leider nur wenige Patienten getestet werden konnten. Jetzt in der zweiten Welle habe ich bereits viele positive Fälle, und in meiner Praxis wird nicht unbedingt der Bevölkerungsschnitt repräsentiert. Viele meiner Patientinnen und Patienten sind Expats, die es oft einfacher haben, sich beispielsweise im Homeoffice von Infektionsherden fernzuhalten.

BI: Wie haben Sie die Unterstützung durch das belgische Gesundheitssystem empfunden?

S-W: Man muss wohl sagen, dass es am Anfang der Pandemie keine Versorgung mit Hygienematerialien und Schutzkleidung gab. Daher war es absolut richtig, dass zum Schutz von Patienten und Ärzten die Präsenz-Sprechstunde auf eine Telefonsprechstunde umgestellt wurde und auch Krankschreibungen per Telefon möglich waren. Auch die Abrechnungsmöglichkeiten von Telefonsprechstunden wurden schnell und unbürokratisch umgestellt. Das hat vielen Arztpraxen das Überleben erleichtert. Was hervorragend lief und läuft, ist die Unterstützung durch die belgischen Hausarztvereinigungen und die Kollegialität unter den Hausärztinnen und -ärzten.

BI: Haben Sie Untersuchungen und Behandlungen während des Lockdowns verschieben müssen? Wurden möglicherweise Kranke hierdurch gesundheitlich gefährdet?

S-W: Nur die wichtigsten Behandlungen und Untersuchungen wurden während des Lockdowns durchgeführt, alle Routinetermine wurden zunächst verschoben. Nach Wiedereröffnung der normalen Sprechstunden sind die Leute oft auch aus Angst vor dem Virus nicht in die Praxis gekommen, obwohl sie chronisch erkrankt waren und regelmäßige medizinische Versorgung benötigen. Meine chronisch erkrankten Patienten habe ich gezielt angerufen, um sie zu einem Termin einzuladen. Es gibt in diesem Jahr bisher eine niedrigere Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Das lässt darauf schließen, dass eine Reihe von leichteren Fällen nicht behandelt worden sind, was langfristig Folgen haben kann.

BI: Abgesehen von den Infektionen, sehen Sie Auswirkungen auf die gesundheitliche Verfassung der Menschen aufgrund Auswirkungen der Pandemie – psychische Probleme, Stress, Übergewicht, etc.?

S-W: Der Großteil der Patientinnen und Patienten ist in deutlich schlechterer körperlicher und psychischer Verfassung als vor Beginn der Pandemie. Körperlich machen sich weniger Bewegung und Gewichtszunahme bemerkbar. Die wirklichen psychischen Konsequenzen wird man aber wohl erst im Winter sehen, wenn die Leute meist weniger rausgehen und zu Weihnachten eventuell die Familie nicht besuchen können. Jetzt hatten wir Glück mit einem sehr sonnigen Sommer, das hat einiges aufgefangen. Es gibt selbstverständlich auch Menschen, die den Lockdown besser überstanden haben und weniger gestresst sind als vorher, aber das sind die Ausnahmen. Die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen verursachen sichtbare Kollateralschäden, auch bei Kindern.

BI: Was würden Sie den Menschen im Umgang mit der Pandemie aktuell raten?

S-W: Covid-19 ist eine gewaltige Herausforderung für unser aller Gesundheit. Daher mein Appel: Halten Sie Abstand, tragen Sie Maske, achten Sie auf Hygiene. Nur zusammen können wir die Ausbreitung des Virus eindämmen. Man sollte aber auch generell auf die Gesundheit achten. Im Rahmen der Möglichkeiten Sport machen, täglich an die frische Luft gehen und zum Arzt gehen, wenn man eine Untersuchung oder eine Behandlung benötigt. Dies gilt insbesondere auch für chronisch Kranke.

BI: Frau Dr. Schmidt-Wirth, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch und Ihre Zeit.

 

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