Neuer Hoffnungsträger für Belgiens Kirche

Mgr-Jozef-De-KeselVon Marion Schmitz-Reiners.

“Wenn die Kirche sich nicht öffnet, wird sie eine Sekte.” Jozef De Kesel, der neue Primas von Belgien, scheut keine klaren Statements. De Kesel, am 12. Dezember als Erzbischof von Mecheln und Brüssel eingeführt, ist ein Hoffnungsträger für die katholische Kirche in Belgien. Papst Franziskus hat sich aus gutem Grund für ihn entschieden: Belgiens Oberhirte liegt ganz auf seiner Linie. In seiner Antrittspredigt in der Mechelner Kathedrale Sint-Rombout rief der Erzbischof zum Widerstand der Christen gegen gesellschaftliche Spaltungen auf.

Der 68-Jährige Flame Jozef De Kesel, als sechstes von elf Kindern in Gent geboren, hat bereits bewiesen, dass er aufgewühlte Seelen befrieden kann. 2010 übernahm er das Bistum Brügge, das sich in einer schweren Krise befand: Sein Vorgänger Roger Vangheluwe musste nach 26 Amtsjahren wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs eines Neffen zurücktreten. Auch sein Vorgänger im Amt des Erzbischofs von Mecheln und Brüssel war nicht unumstritten: André-Joseph Léonard hatte 2010 die Krankheit AIDS als eine „Art von immanenter Gerechtigkeit“ bezeichnet – im Klartext: als Strafe für die Sünde gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Diese Aussage sollte das Wirken des konservativen französischsprachigen Klerikers überschatten, bis er Anfang Dezember mit 75 Jahren in den Ruhestand trat. Entgegen dem bisherigen Usus war Léonard von Papst Franziskus nicht zum Kardinal ernannt worden.

Im Sog der Turbulenzen

Der neue belgische Primas steht für einen vermittelnden kirchenpolitischen Kurs. Er gilt als besonnen und gemäßigt. In Brügge füllten sich während seiner Amtszeit abermals die Kirchen. De Kesel gilt als der eigentliche Nachfolger des allgemein beliebten Kardinal Danneels, von 1980 bis 2010 Primas von Belgien, der sich ebenfalls durch Verständnis für die Nöte der Menschen ausgezeichnet hatte; der von Papst Benedikt XVI. ernannte Léonard blieb ein Fremdkörper im burgundischen und menschzugewandten Flandern. Aber schließlich geriet auch Danneels in den Sog der Turbulenzen, die die katholische Kirche in Belgien jahrelang heimsuchten: Im Zuge der Ermittlungen gegen pädophile Priester und nach einer spektakulären Razzia im Mechelner Bischofspalast wurde er vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss beordert. Jedoch konnte der Vorwurf der Verschleierung pädophiler Verbrechen nicht erhärtet werden.

„Die Kirche darf nicht zur Sekte werden“

„Die Kirche befindet sich in einer Krise“, stellte Bischof De Kesel kurz nach seiner Ernennung zum Primas von Belgien im November fest. „Aber eine Krise ist für mich etwas Positives. Sie ist der Anstoß zu Veränderungen. (…) Ich hoffe, dass die Kirche nicht zu einem geschlossenen Zirkel wird, denn dann wird sie zur Sekte. Sie darf nicht rechthaberisch sein und sich nicht nur mit dem Privatleben der Menschen beschäftigen. Sie muss sich den Herausforderungen unserer Zeit stellen.“ Kurzum: „Wer getauft ist, distanziert sich nicht vom anderen. Wir sind gerufen zur Verantwortlichkeit und Solidarität, die wir mit allen Menschen teilen – egal welcher Religion oder Überzeugung.“

Coat_of_arms_of_Jozef_De_Kesel.svgDas bedeutet für De Kesel auch, dass Homosexuelle nicht aus der Kirche ausgeschlossen werden. „Ich habe Respekt vor ihrem Erleben der Sexualität. Die Kirche hat ihre Gründe, wenn sie das Zusammenleben von Homosexuellen nicht als Ehe anerkennt, aber es gibt auch andere Formen der Partnerschaft. (…) Der Respekt vor anderen Menschen ist etwas, was das Evangelium mit der modernen Kultur gemein hat.“

„Selbstsicherheit kann auch ein Problem sein“

Trotz solch revolutionärer Aussagen haftet De Kesel nichts Kämpferisches an. Er wirkt heiter, spricht bedachtsam und bekennt sich zu seinen Selbstzweifeln. Aber er lächelt darüber: „Es ist gut, wenn man andere Menschen um Rat fragt. Selbstsicherheit kann auch ein Problem sein.“ Seine vermittelnde Art macht ihn zu einem Hoffnungsträger vor allem für Flandern, das die – dort besonders traditionsverhaftete – katholische Kirche Jahrzehnte lang als Joch empfunden hat.

Lange galt der Antwerpener Bischof Johan Bonny als wahrscheinlicher Nachfolger von Bischof Léonard. In Fragen der katholischen Ethik prescht er noch weiter vor als Erzbischof De Kesel. Jedoch ist Bonny mit 60 noch relativ jung – jedenfalls für ein hohes Kirchenamt. Nun rechnet man damit, dass er De Kesel in sieben Jahren ablöst.

Während des festlichen Einführungsgottesdienstes am dritten Advent in der überfüllten Mechelner Kathedrale herrschte freudige Aufbruchsstimmung. De Kesel hatte seine Predigt um ein Paulus-Wort aus dem Philipperbrief aufgebaut: „Seid unbesorgt.“ Mit Erzbischof De Kesel und Bischof Bonny weiß Papst Franziskus Belgien als sichere Bastion hinter sich.

  • In Belgien gibt es 8 Bistümer: Brügge, Gent, Antwerpen und Hasselt in Flandern, Tournai, Namur und Lüttich in der Wallonie sowie das Erzbistum Mecheln-Brüssel (Flämisch-Brabant, Wallonisch-Brabant und Brüssel-Hauptstadt).
  • Der Erzbischof von Mecheln und Brüssel ist auch Belgischer Militärbischof sowie Primas von Belgien. Letzteres bedeutet nicht, dass er der „Chef“ der übrigen sieben Bischöfe ist; vielmehr ist er der „erste Ansprechpartner“ des Papstes in Rom einerseits und der belgischen Behörden andererseits und hat mithin eine wichtige Mittlerfunktion inne.
  • Traditionell wird der Primas von Belgien zum Kardinal ernannt. Es gibt weltweit rund 200 Kardinäle, zu deren wichtigsten Aufgaben die Papstwahl zählt.

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