„grenzenlos: EUROPA!“

Genzenlos Europa1Von Angela Franz-Balsen.

Ein ganz kleines Museum in einem ganz kleinen Dorf mit ganz großem Anspruch: In Welchenhausen ist eine Ausstellung zu sehen, die den Nerv europäischer Besorgnisse trifft. Künstler und Organisatoren widmeten sie spontan den Opfern der Brüsseler Anschläge.

Das Flusstal ist von dichten Wäldern umgeben, die Our schlängelt sich durch saftige Wiesen. Sie bildet hier die Grenze mit Belgien, wenige Kilometer südlich auch die mit Luxemburg. Auf beiden Seiten des Wassers hängt die Europaflagge auf Halbmast. Vier Tage zuvor erschütterten die Attentate Brüssel, Belgien und Europa.

Europa sah hier vor 25 Jahren noch so aus: An der schmalen Brücke über den Fluss hob und senkte sich der Schlagbaum. Welchenhausen – 100 Meter bergauf auf der deutschen Seite gelegen – war ein Grenzort. Schon lange ist hier die Durchfahrt frei, aber die Ländergrenze spielt trotzdem eine große Rolle, im umgekehrten Sinn. Denn der Eifel-Weiler mit derzeit 27 Einwohnern ist zu einem Knotenpunkt grenzüberschreitender Kooperation zwischen deutschen, belgischen und luxemburgischen Künstlern geworden. Am Samstag vor Ostern 2016 sind mehrere von ihnen anwesend, zur Vernissage ihrer Ausstellung „Grenzenlos: Europa!“. Das Thema hat schon in den Monaten der Vorbereitung ungeahnte Bedeutung und Aktualität gewonnen, aber als wenige Tage vor der Eröffnung in Brüssel Bomben detonieren, wird klar, dass die Ausstellung ein politisches Statement wird. Ausstellungsort ist eines der kleinsten und abgelegensten Museen Deutschlands, die Welchenhausener wArtehalle.

 

Das Klima im Dreiländereck– im ISLEK – ist rau. So baute die Ortsgemeinde Lützkampen für die Welchenhausener Schulkinder ein fast geschlossenes Fachwerkhäuschen als Schulbus-Wartehalle. Als diese gar nicht genutzt wurde (es gab nicht mehr genug Kinder), begann 2002 das Experiment eines winzigen, immer offen stehenden Museums für moderne Kunst. Zielgruppe sind die Landbevölkerung sowie die Wanderer und die Radfahrer auf der Ourtalroute, die erstaunt an dem Häuschen eine Pause einlegen.

museum 1Dieses Konzept ist aufgegangen, das kleine Museum ist ein Riesenerfolg – im Dorf selbst, in der Region und bei den Touristen, die ihre Begeisterung im Gästebuch zum Ausdruck bringen. Unschätzbar ist aber die Entwicklung, die durch den Kristallisationspunkt wArtehalle in der Künstlerkolonie der Grenzregion in Gang gesetzt wurde. Der Maler Eric Legrain und der Fotograf Michael Beauvent waren 2005 die ersten, die von der anderen Seite des Flusses kamen. Die beiden Belgier wollten ihr Land gut repräsentieren und wählten damals das Thema „Frit(u)üre“. Die Vernissage ist unvergessen, weil natürlich eine Fritüre mit heißen Pommes Frites aufgefahren wurde.

Eine große Familie

Heute ist die grenzüberschreitende Künstlerkolonie eine große Familie geworden, es gibt immer wieder gemeinsame Projekte, und aus einem solchen ging auch die Idee für die jetzt eröffnete Ausstellung hervor. „Wir wollten als Gruppe einfach weitermachen“, sagt der belgische Fotograf Willi Filz und erklärt auf diese Weise, warum auch ein polnischer und ein ukrainischer Künstler in dem Eifeldörfchen vertreten sind. Im Austellungstext heißt es dazu:

Von Anfang an hatte sich die wArtehalle, ihrer Lage am Dreiländereck geschuldet, der Kulturarbeit über die Grenzen hinweg verschrieben. Nun scheint es an der Zeit, Position zu beziehen: nicht nur für ein geographisch-politisch freies und geeintes Europa, sondern auch für ein Europa der freien Kunst und Kultur, kurz: „grenzenlos: EUROPA!“. Elf Künstler aus Belgien, Polen, der Ukraine und Deutschland setzen sich mit aktuellen Entwicklungen in Europa auseinander. Beunruhigt durch die Ereignisse der vergangenen Monate und die kulturpolitischen Entwicklungen zumindest in Teilen Europas, machen sie diese zum Gegenstand ihrer Werke.“

museum 2Wenn 11 Künstlerinnen und Künstler in einem winzigen Museum Bilder zeigen möchten, darf das Format nicht allzu groß sein. Die Gruppe hat das Platzproblem so gelöst: Angelegt als „mail-art“-Projekt wurden die Bilder von den Künstlern in eigens zum Thema und für die Ausstellung gestalteten Briefumschlägen verschickt, das heißt, sie haben DIN A4-Format. Sie sind zum Teil mit ausgestellt.

Sonst aber spiegeln die unterschiedlichen Techniken und Materialien auch die Vielfalt europäischer Kultur wider. Auf dem Flyer heißt es weiter, „Die hier gezeigten Bilder stehen für politische, religiöse und kulturelle Vielfalt in einem freien und vereinten Europa. Sie richten sich gegen Borniertheit, politische wie kulturelle Rückwärtsgewandtheit und religiöse wie politische Intoleranz: Der Museumsverein wArtehalleWelchenhausen widmet diese Ausstellung den Opfern der Anschläge in Brüssel am 22. März 2016.“

Genzenlos Europa4Kurzfristig ist der fettgedruckte Satz hinzugefügt worden, und ganz kurzfristig hat der Künstler Winny Tewes seine Radierungen aktualisiert.

Die Ausstellung ist Teil eines größer angelegten Projekts der wArtehalle Welchenhausen zum Thema Europa und Grenzen in Europa, das 2015 mit der Errichtung von Grenzrosen-„Denk“-mälern an der Welchenhausener Grenzbrücke begann.

Am Wochenende nach Pfingsten soll ein Symposium zum Thema „Dreiländereck in Europa“ mit einer begleitenden Kunstausstellung im belgischen Burg Reuland veranstaltet werden. Das ist sicher: ein Wochenendausflug ins Ourtal zwischen Burg Reuland und Ouren verspricht nicht nur Landschaftserlebnis, sondern auch Kulturgenuss.

2 Kommentare

  1. Thomas Weidenbach schreibt:

    Ein toller Artikel, danke Angela Franz-Balsen.

  2. Der Artikel macht große Lust, das Dreiländereck ‚mal wieder zu besuchen…

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