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Wir wollen nur nach Hause…

 

Ukrainisches Osterbrot

Von Merten Barnert

„Habt ihr Nachrichten von zuhause?“ tippe ich in die Übersetzungs-App. Während wir in unserem Garten in Brüssel in der Sonne sitzen, fallen in der Ukraine Bomben. Mit uns am Tisch sitzen Tanya und ihre zwei Söhne Artem und Yegor. Seit Ende März wohnen sie bei uns. Eigentlich wohnen sie in einem Vorort von Kiew. Ihr Zuhause mussten sie wegen Putins Krieg aber verlassen. Über Warschau, Berlin und Köln sind sie zusammen mit zwei anderen Müttern und deren Kindern zu uns nach Brüssel gekommen. Drei Mütter und sechs Kinder wohnen nun auf drei Haushalte verteilt in unserer Straße.

Als Tanya, Artem (16) und Yegor (10) bei uns ankamen, hatten sie nur eine Reisetasche und jeder einen Rucksack dabei. Wir könnten nicht einmal für fünf Tage wegfahren, ohne mindestens zwei Koffer mitzunehmen.

In unser Gästezimmer haben wir noch das Zustellbett eines Nachbarn gestellt, und so konnten die drei zumindest erst mal ausschlafen. Dann mussten sie sich langsam in eine fremde Welt einfinden, die mit Bürokratie begann: Registrierung als Flüchtlinge im Stadion Heysel, danach Registrierung bei der Gemeinde, dann ein Termin beim Centre Public d’Action Sociale (CPAS), um Sozialhilfe und Krankenversicherung zu beantragen. Auch ein Konto ist schnell eröffnet, und eine von meiner Frau initiierte Spendenaktion bringt in Windeseile mehr „Startkapital“ für die drei Familien zusammen, als wir uns je hätten träumen lassen. SIM-Karten für das Handy sind schnell beschafft, und ein Gratisticket für den öffentlichen Nahverkehr gibt es auch. Insgesamt waren die ersten Schritte in Belgien überhaupt nicht so schwer wie gedacht. Ganz im Gegenteil, die Behörden waren außerordentlich flexibel und hilfsbereit.

Langsam lernen wir uns besser kennen. Wenn Tanya kocht, duftet das Haus nach Frikadellen, dazu gibt es Reis mit Karotten oder Graupensuppe. Mein Sohn und Yegor spielen zusammen mit Lego und bauen mit Kappla-Steinen einen Turm. Auch die Murmelbahn wird wieder hervorgekramt. In den Tagen danach geht Yegor zum ersten Mal in seine neue Schule und findet sogar neue Freunde. In den Osterferien nimmt Yegor an einer Stage im Fußballclub von Boitsfort teil.

Artem fällt es schwerer. Er versucht, die Zeit in der Fremde mit Warten zu überbrücken und blockt viele Aktivitäten ab. Weder Computerspiele noch ein Besuch im Spaßbad interessieren ihn. Unsere häufigen Vorschläge, Karten zu spielen oder eine Radtour zu machen, bringen ihn schließlich doch zum Lachen. „Завтра ми знову запитаємо“ sagt unsere Übersetzung-App. „Morgen fragen wir Dich wieder“. An seinem Augenzwinkern erkenne ich, dass er verstanden hat.

Während wir im Garten sitzen, telefoniert Tanja mit ihren Eltern. Die wohnen auf dem Land direkt an der Grenze zu Russland. Die russischen Truppen haben die Ortschaft im Westen und im Osten passiert und zum Glück kein Interesse an dem kleinen Dorf gezeigt. Alles ist ruhig. Gott sei Dank. In Kiew ist das anders. Wenn Tanya mit ihren Schwiegereltern in Kiew telefoniert, hört sie im Hintergrund Detonationen und Luftschutzsirenen. Bis jetzt ist „ihr“ Vorort noch nicht von Raketen getroffen worden. Als die Nachrichten über russische Gräueltaten in Butscha eintreffen, sitzt der Schock tief. Butscha ist gar nicht weit entfernt von zuhause.

Als die russischen Truppen im Laufe des April aus dem Norden der Ukraine abgezogen werden, keimt Hoffnung. Vielleicht ist eine Rückkehr nach Kiew möglich. In der russischen Presse wird berichtet, dass Putin seinen Feldzug bis zum 9. Mai abschließen möchte. Vielleicht kann es danach zurück in die Heimat gehen? Diese Hoffnung ist ganz wichtig, um weitermachen zu können. Auch wenn Tanya am Telefon immer noch Detonationen hört, wenn sie zuhause anruft. Dieses Mal sind es keine Bomben, sondern die von den Russen hinterlassenen Sprengfallen, die überall entschärft werden müssen. Als Kiew erneut von Raketen getroffen wird, schlägt Tanya verzweifelt auf den Tisch in der Küche. Nach ihrer Ankunft war sie abends immer restlos fertig; sie ging um sieben Uhr in ihr Zimmer und weinte. Jetzt ist es fast wieder so. Ein unerträgliches Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen.

Ende April feiern unsere ukrainischen Gäste mit uns zusammen das orthodoxe Osterfest. Die drei ukrainischen Mütter und ihre Kinder in unserer Straße haben viel vorbereitet und laden ihre Gastfamilien in den Park. In schönstem Sonnenschein essen wir Osterbrot und viele ukrainische Köstlichkeiten. Gemäß ukrainischen Brauch nimmt sich jeder ein rotgefärbtes Osterei und stößt die Spitze mit dem Osterei seines Sitznachbarn zusammen. Wessen Eierschale heil bleibt, hat gewonnen.

Dann stellen sich alle zum Gruppenbild auf und sagen: Христос воскрес. Воскресне й Україна. Christus ist auferstanden, auferstehen wird auch die Ukraine.

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