„Wir mussten einfach etwas tun“

Capture d’écran 2014-06-22 à 17.08.20Hitzige Debatten, schwere Vorwürfe und ein Untersuchungsausschuss – im griechischen Parlament wird nicht nur heftig über Steuersünder, sondern über die von der EU und dem IWF verordneten Sparauflagen und deren Wirksamkeit gestritten. Dabei zeigt die Finanzkrise in Griechenland im Anstieg der Arbeitslosigkeit, Selbstmorde, Geschäftsschließungen und steigender Kriminalität ihre traurige Wirkung. Während Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras seinem Volk weitere schmerzhafte Sparauflagen verpasst, überlegen in Belgien lebende Griechen, wie sie ihren Landsleuten am besten helfen können.

Über Facebook, die griechisch-orthodoxe Kirche, das Hellenistische Zentrum, innovative Projekte Einzelner, die Griechische Schule, Femmes d`Europe und Europaabgeordnete organisieren sie sich und nehmen Hilfsleistungen selbst in die Hand. „Solidarität“, unabhängig von politischer Präferenzen, lautet dabei die Devise, die die Griechen hier in Brüssel verbindet, und sie seit der Krise noch fester zusammenschweißt.

Der Job seiner Träume

Von diesem Zusammenhalt profitiert Georgios, der mit perfekten Englisch-, Französisch- und Deutschkenntnissen sowie mit einem abgeschlossenen Jurastudium im Reisegepäck vor sechs Monaten nach Brüssel kam, um einen Job zu finden. „Seit dem Sommer 2009 hat die Finanzlage in Griechenland einen katastrophalen Gang genommen, es gibt dort einfach keine Arbeit für uns Universitätsabsolventen“, sagt er. Den Job seiner Träume habe er in Europas Metropole bislang nicht gefunden, dafür aber jede Menge Hilfe griechischer Familien, die ihm zu einem Job als Griechischlehrer verholfen hätten.

Dass die Perspektiven für Universitätsabgänger in Griechenland gleich Null sind, bestätigt Thanos Moysias, dessen Praktikum bei der griechischen Europaabgeordneten Maria-Eleni Koppa schon bald ausläuft. „Ich betrachte meine Generation in Griechenland als verloren, all meine Freunde leben bereits im Ausland“, sagt er. Selbst einen Sommerjob in einem Restaurant, Hotel oder sonstwo, habe er dort nicht gefunden. Derweil hofft er auf eine Anstellung in Brüssel, vorzugsweise bei den EU-Institutionen.

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Dreh- und Angelpunkt des Zusammenhalts, der Solidarität, griechischer Kultur mit Veranstaltungen, Konferenzen, Sprach- und Tanzkursen, diversen Dienstleistungen wie Übersetzungen, und auch für die wenigen, die gerade keine Sorgen haben, ist das „Centre Hellenique et Interculturel de Bruxelles“ in St. Gilles. Weder Luxus noch großer Komfort zieren das Haus in der Rue des Etudiants 14, dafür bietet es seinen Landsleuten ein hohes Maß an Hilfe in allen Lebensbereichen. Sakis Dimitrakopoulos, der Präsident des Zentrums begrüßt mich, als seien wir alte Bekannte. Mit fünf Jahren kam Sakis 1955 mit seinen Eltern aus dem griechischen Kalamaka nach Lüttich. Sein Vater arbeitete im Bergbau.

Auch Medikamente

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise sind die ehrenamtlichen Sozialarbeiter, Übersetzer, Lehrer, Anwälte und Ärzte, die ihren bedürftigen Landsleuten bei der Jobsuche, Integration, beim Erlernen der französischen Sprache mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit helfen, stärker denn je gefordert. „Auch Medikamente sind knapp“, sagt Sakis, der auf das mit Erfolg gestartete Projekt Volos verweist, das Medikamente für kranke Griechen in Belgien und Griechenland vorsieht.

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„Wir mussten einfach etwas tun“, sagt Thisvi Ekmektzoglou, die am 16. Januar als eines der Gründungsmitglieder die Kampagne „Entdeckung griechischer Produkte in Belgien“ aus der Taufe hob. „Unser Ziel ist es, in Belgien Verbraucher aller Nationalitäten auf griechische Produkte sowie die gesunde mediterrane Küche aufmerksam zu machen“, betont sie. Ziel der Kampagne sei es, noch mehr Importeure, Händler und Geschäftsleute zur Einführung und Verbreitung griechischer Produkte zu gewinnen, in einer gemeinnützigen Initiative, die von Pantelis Gassios, Wirtschaftsattaché der griechischen Botschaft, sowie Eleni Skarveli, Direktorin der nationalen griechischen Tourismuszentrale und vielen anderen unterstützt wird.

Capture d’écran 2014-06-22 à 17.08.46Wer am Sonntag in den meist proppevollen griechisch-orthodoxen Kirchen am Gottesdienst teilnimmt, sei es in der Kathedrale in der Rue Stalingrad, oder in der Rue Stassaert, kann sich von der eingeschworenen griechischen Solidargemeinschaft überzeugen. Im Anschluss an die Messe gibt´s zudem selbstgebackenen Kuchen, Baclavas, jede Menge gute Laune und Gespräche, bei denen die Kirchgänger die Krise mal Krise sein lassen.

 

Autor: Heide Newson

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