Wilmots: „Wir Belgier sind flexibel“

WilmotsMarc Wilmots, erfolgreicher Trainer der belgischen Fußballnationalmannschaft und früherer Mittelfeldspieler bei Schalke 04, hat dem deutschen Fußballmagazin „11 Freunde“ aus dem Gruner + Jahr Verlag eines seiner seltenen Interviews gegeben.

In der aktuellen Ausgabe gewährt Wilmots dabei nicht nur einen Blick in seinen fußballerischen Instrumentenkoffer, sondern äußert sich auch über flämisch-wallonische Befindlichkeiten und zur belgischen Innenpolitik. Wilmots war von 2003 bis 2005 für die wallonischen Liberalen der „Mouvement Réformateur“ Mitglied des Senats von Belgien.

Der beliebte Teamchef erklärt in dem Interview, wie er die früher bestehenden Gegensätze zwischen wallonischen und flämischen Nationalspielern überwunden hat. Während man sich bei Belgiens letzter WM-Teilnahme 2002 in Japan und Südkorea beim gemeinsamen Essen noch auf drei Tische verteilte (einen französisch-, einen niederländisch- und einen gemischtsprachigen), sitzen heute alle gemeinsam an einem großen Tisch. Dabei werde „wild durcheinandergeredet: Englisch, Französisch, Flämisch“, so Wilmots. „Achtzig Prozent der Spieler sprechen mindestens zwei Sprachen.“ Es ist bekannt, dass neben ihm auch der Mannschaftskapitän Vincent Kompany und Daniel van Buyten aus ihrer Zeit beim Hamburger SV sogar die dritte belgische Landessprache, nämlich Deutsch, beherrschen.

Wilmots charakterisiert die regionalen Unterschiede: „Wallonen sind locker, immer auf Spaß aus. Wir orientieren uns an der französischen Lebensart. Flamen schauen in die Niederlande. Das sind eher korrekte, ernstere Typen, die alles etwas genauer nehmen.“ Er wisse mittlerweile genau, wie Antwerpener, Brügger und Brüsseler ticken und entdecke diese Eigenschaften auch „bei den Jungs“. In der eigenen Familie werde darauf geachtet, dass seine Söhne in eine flämische Schule gehen, aber bei einem wallonischen Club Fußball spielen. „So kriegen sie von beiden Seiten das Beste mit.“

Nicht ohne Stolz beschreibt Marc Wilmots, dass das von ihm zusammengestellte Nationalteam die belgische Geschichte repräsentiere. „Da ist alles drin: die Kolonien, die Türken, die Wallonen und Flamen.“ Deutschsprachige Belgier sucht man allerdings vergebens. Wilmots selbst war in seiner aktiven Fußballerlaufbahn belgischer Legionär in Deutschland und in Frankreich. Auf die Frage was ihm besser gefallen habe, zeigt sich er sich als Diplomat: „Die pünktlichen Deutschen oder die lässigen Franzmänner? Ich habe von beiden Kulturen viel mitgenommen. Wie gesagt: Wir Belgier sind sehr flexibel.“

Über seine zweijährige Zeit als Senator in der zweiten Kammer des belgischen Parlaments berichtet er von einem ernüchternden Erlebnis, das ein vermutlich typisches Schlaglicht auf die belgische Innenpolitik wirft. „Wir haben damals ein umfassendes Dossier erarbeitet. Konstruktive Vorschläge, was sich in den Bereichen Sport, Familie und Gesundheit verbessern sollte. Nachdem wir uns mit allen Lagern ausgetauscht hatten, sollte es an die Umsetzung der Pläne gehen. Aber nichts passierte.“ Wilmots vermutet, dass es seinerzeit Politiker gegeben habe, die nicht wollten, dass er einen Erfolg erringt. „Jeder war nur darauf bedacht, selbst gut auszusehen.“

Inzwischen glaubt der „Bondscoach“, dass er in dieser Eigenschaft mehr für das gesellschaftliche Klima in seinem Land bewirkt habe als in der Politik. „Das ist sicher der schönste Nebeneffekt der WM: dass die Menschen durch die Erfolge näher zusammengerückt sind. Dass sie ein Thema haben, über das sie miteinander sprechen. Sport kann Menschen glücklich machen, das ist schön.“

Text: Thomas Philipp Reiter

 

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