Wiener Schmäh in Brüssel: Andreas Vitásek an der iDSB

Das Podium der iDSB-Aula wurde wieder einmal zur Kabarettbühne: Zu Gast war mit Andreas Vitásek einer der bekanntesten Humoristen Österreichs, der zur Zeit mit seinem neuen Solo-Programm „Sekundenschlaf“ auf Tour ist. Im letzten Jahr wurde es als das beste der Saison mit dem Österreichischen Kabarettpreis 2014 ausgezeichnet.

Fast wie zu Hause
Als „Heimspiel“ bezeichnet der in Wien gebürtige Künstler, der bei aller Komik auch leise Töne anzuschlagen weiß und nicht selten einen kleinen Hauch von Melancholie verbreitet, am Schluss des Abends seinen Auftritt. Offenbar waren wirklich zahlreiche Landsleute erschienen, die so die Gelegenheit hatten, ‚ihren’ Star einmal außerhalb des österreichischen Heimatlandes zu erleben, wo er seit 30 Jahren auf der Bühne und im Fernsehen fortwährend präsent ist.
Nach dem Kalauer „Treffen sich zwei Beamte auf dem Flur, fragt der eine den anderen: ’Kannst Du auch nicht schlafen?’“, äußert er zwar kurz Zweifel, ob dieser Scherz hier in Brüssel wirklich richtig platziert ist, erntet aber auch dafür herzliches Gelächter und freundlichen Beifall.

Das dünne Eis der Realität
„Bei meinem Programm geht es tatsächlich um den positiven Sekundenschlaf, das Powernapping, das kurze Wegdösen“, sagt Vitásek, der die Idee dazu nach eigener Auskunft bei einem Nickerchen während einer mehrstündigen Wiener Festwochen-Produktion hatte. Gemeinsam mit dem Zuschauer begibt er sich auf eine Tour de Farce über das dünne Eis der Realität mit ihren „Sollbruchstellen“, „Gewinnwarnungen“ und „Paradigmenwechseln“ und überschreitet dabei, ganz nach dem Motto des Programms, nicht selten auch die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, etwa wenn er auf der Suche nach seinem „verlorenen Herzen“ in einen imaginären Dialog mit dem Teufel persönlich tritt.
Aber ist nicht schon der ganz normale Alltag allzu oft der blanke Wahnsinn?
Wie die Erlebnisse mit der sogenannten „Bank meines Vertrauens“ („Das war jetzt schon die Pointe“, fügt er suffisant lächelnd hinzu) und ihren dubiosen Finanzprodukten („Hätte ich mein Kapital in Bierflaschen investiert, was hätte ich für eine schöne Zeit haben können – und das Flaschenpfand wäre jetzt immer noch mehr Wert als die Aktien“). Oder die Abenteuer mit dem „Packerldienst“ der heimischen Post, wo man ihn am Abholschalter hemdsärmlig fragt, „wie das Paket denn ausschauen“ würde („Keine Ahnung – ich hab’s ja noch gar nicht gesehen“). Auch der Versuch, in der „Service-freien Zone eines Saturn-Ladens“ („Das allerschwierigste ist, überhaupt einen Verkäufer zu finden“) einen WLAN-Verstärker zu kaufen, wird so zum quasi surrealistischen Erlebnis.

Das Gegenteil von Langeweile
Fast philosophisch wird Vitásek, als er über das Phänomen „Zeit“ selbst und ihre subjektive Wahrnehmung sinniert. „Es kommt mir vor, als hätte ich die letzten zehn Jahre verschlafen, sei aufgewacht und plötzlich 58 Jahre alt. Nur meine Frau sieht noch genauso jung aus – es ist ja auch inzwischen eine andere“.
Warum wird alles immer schneller, und man kann nichts dagegen tun? „Ich erinnere mich noch, wie in den 80er Jahren der Computer aufkam und ich meinen Freunden sagte: Das lasse ich jetzt einfach mal aus“.
Tja, wie war das mit dem chinesischen Fluch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“?
Ist das alles nicht eigentlich zum Verrücktwerden? Bleibt nur noch Humor als Therapie?
„In meinem Programm gebe ich so viel Persönliches von mir Preis – beim Psychiater könnte ich mir den ersten 10er-Block sparen“, meint Vitásek schließlich lakonisch, bevor er von dem Leben an seinem Zweitwohnsitz im Südburgenland erzählt („Stundenlang versonnen in die Grillglut starren, in der Linken eine Dose Budweiser, in der Rechten eine hellblaue Fliegenklatsche, das ist burgenländisches Tai Chi.“).

Im Gegensatz zum Titel des Programms zeigt er sich an diesem Abend aber stets putzmunter und produziert mit hellwachem Verstand heiter-geistreiche Unterhaltung der Extraklasse. Ein gut zweistündiges, spritziges Programm, das für die Zuschauer wie im Fluge vergeht, eingenickt ist heute mit Sicherheit niemand!

Friedhelm Tromm

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