Wie ich lernte, durch Beharrlichkeit und Geduld alles zu erreichen

MRAH_KutscheDas Königliche Museum für Kunst und Geschichte in Brüssel gehört zu meinen Lieblingmuseen. In erster Linie, weil es mir meist alleine gehört. Alle Säle, Hallen, Stiegenhäuser sind für mich gebaut, ich muss sie mit niemandem teilen. Denn die Sammlungen des Museums in all ihrer Vielfalt sind für den Menschen des 21. Jahrhunderts nicht spektakulär genug. Zu Unrecht. Aber wer will sich schon in die Archäologie, Asiatika, Glassammlung, Prätiosa, Sakrale Kunst oder Schlitten aus 3 Jahrhunderten vertiefen?

Ich bin, so scheint es, die Ausnahme und daher ging ich eines Tages, vor wenigen Wochen, wieder einmal in dieses Museum. Ich hatte gerade ein Stück Luxus für mich zur Verfügung: eine halbe Stunde Zeit. Die führte mich zum Cinquentenaire, dem Jubelpark, und geradewegs links am Auto- rechts am militärgeschichtlichen Museum vorbei, durch die pferdebekrönten Triumphbögen nach links, die Stufen hinauf in die leeren Hallen des Museums. Es wird renoveriert – ein gutes Zeichen. Als ich am Überlegen war, ob ich wieder meine kleinen Prätiosen besuchen sollte, oder lieber die zerbrechlichen Wunder der Glassammlung, sah ich einen Pfeil mit der Aufschrift (auf Französisch) „Zu den Kutschen“.

Der Pfeil zeigte nach unten, also ging ich die Stufen hinab, da ich die Kutschensammlung noch nicht kannte. Ich gelangte zum Atrium für Veranstaltungen, einer leere Garderobe (ebenfalls für Veranstaltungen), dann nichts. Leere. Gerade, als ich wieder die Stiegen hinaufgehen wollte, sah ich einen Wegweiser in Pfeilform, auf dessen Rückseite wieder „Zu den Kutschen“ stand. Ich zögerte etwas, da sich in Pfeilrichtung nur ein kaum beleuchteter, enger Gang befand. Ich wagte mich vor und sah, dass die Vitrinen im Gang Pferdezaumzeug, Steigbügel, Trensen, Sporen aus allen Zeiten und Ländern enthielten – aber man konnte sie schwer erkennen, da nur am Ende des Ganges eine Glühbirne brannte. Dort machte der Gang eine Kurve, ohne weiteren Belechtungskörper, aber man konnte am Ende eine gewisse Helle erkennen.

Das Scheunentor

Ich ging also tapfer weiter, und stand bald vor einem riesigen Scheunentor aus Holz, auf dem die Aufschrift „Kutschenausstellung“ prangte. Leider war es verschlossen. Also ging ich den engen, schlecht beleuchteten Gang wieder zurück, am leeren Atrium, der leeren Garderobe vorbei, die Stiegen hinauf in die Eingangshalle, wo sich ein Informationsstand befand, hinter dem eine ältere Dame sich mit einem älteren Herren unterhielt. Als ich auf sie zuging, wandten sie sich sofort freundlich mir zu. Ich fragte, ob die Kutschenausstellung geschlossen sei. Sie waren mit der Frage etwas überfordert, ich hatte den Eindruck, dass sie nicht unbedingt wussten, dass es eine solche überhaupt gab.

Nach interner Beratung erklärten sie mir wieder sehr freundlich, dass sie die Kuratorin anrufen würden. Was sie auch sogleich taten, und diese war offenbar auch erreichbar. Allerdings schien der Erklärungsbedarf etwas Schwierigkeiten zu bereiten, weshalb sie mir den Hörer reichten. Ich erklärte der ebenfalls sehr freundlichen Dame, dass ich gerne die Kutschenausstellung besuchen würde, das Tor aber verschlossen sei. Dies wunderte sie, denn sie sagte „Aber die Ausstellung ist offen“. Ich sagte „Die Ausstellung vielleicht, aber das Tor nicht“. Ich spürte, dass sie intensiv nachdachte, wie dieses schwierige Problem zu lösen sei. Es fiel ihr ein: „Am besten, sie bitten einen der Sicherheitsbeamten, Ihnen aufzusperren“.

„Das kann ein wenig dauern“

Gehört, getan. Ich ging zum Sicherheitsbeamten in der Halle und brachte ihm mein Anliegen vor. Dieser war ebenfalls sehr freundlich, erklärte aber, dass er seinen Platz nicht verlassen könne. Aber er würde über sein Walkie-Talkie seinen Kollegen bitten, das Tor zu öffnen. „Das könne aber ein wenig dauern“ fügte er entschuldigend hinzu. Obwohl mittlerweile etwa die Hälfte meiner luxuriösen halben Stunde vergangen war, wollte ich nicht aufgeben.

Ich machte mich also auf den Weg ins erste Obergeschoss, um zwischenzeitlich meine kleinen Prätiosen zu sehen – was nicht ganz so einfach war, da trotz Beschilderung manche Türen versperrt waren. Aber ich fand sie, schaute mir „Nürnberger Eierlein“ (die erste Taschenuhr), romantischen Schmuck aus Menschenhaar und wertvolle, glitzernde Klunker aus vergangenen Jahrhunderten an. Dann machte ich mich wieder auf den Weg hinunter. Der freundliche Sicherheitsbeamte hatte offenbar auf mich gewartet, denn er kam sofort auf mich zu und erklärte mir, nicht ohne Stolz, dass das Tor zur Kutschenausstellung nun offen sei.

Ich ging also den mir nun schon bekannten Weg ins Untergeschoss, am leeren Atrium vorbei, durch den engen, noch immer kaum beleuchteten Gang hindurch, zum grossen Scheunentor, das nun tatsächlich offen stand. Und dahinter befand sich eine überraschende und prachtvolle Sammlung nicht nur von Kutschen, Karossen, Kabriolets, sondern auch Sätteln, Pferdeharnischen, teilweise bis ins Detail beschrieben, z.B. von Napoleons Armee. Selbst die ästhetisch fragwürdige, dottergelbe Betonwand konnte diese prächtige Vielfalt kaum stören.

Alles gehört mir allein

Auch diese Kutschen gehörten mir allein, ich betrachtete die Satteldecken aus rotem Samt mit vergoldete Riemchen, die schweren Kutschen für Sechsspänner und war froh, nicht aufgegeben zu haben. Hochinteressant und kaum beachtet. Es war ein klassischer belgischer Fall: viele freundliche Leute, denen nur mit viel Geduld beizukommen ist. Aber es hatte sich gelohnt.

Tipp: Wer einmal schauen möchte, was die Königlichen Museen für Kunst und Geschichte zu bieten haben, kann die Webseite besuchen (http://www.kmkg-mrah.be), oder auch die on-line Sammlung durchstöbern: http://carmentis.kmkg-mrah.be/eMuseumPlus (auf Französisch, Flämisch oder Englisch). Oder einfach mit Geduld bewaffnet, vor Ort nach der Kutschenausstellung suchen!

Margaretha Mazura

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