Wie Belgien Frauen und Männer gleich dreifach gleichstellt – oder auch nicht

Von Madeline Lutjeharms. 

Seit dem 4. November arbeiten Frauen in Europa quasi umsonst. Der Tag markiert das Datum des Equal Pay days, also der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Belgien schneidet dabei mit einer 20-prozentigen Lohnlücke schlechter ab als der europäische Durchschnitt. Sogar sprachlich ist es mit der Gleichstellung schwierig. 

Eine kleine Sprachbetrachtung

Im Deutschen ist eine Frau als Regierungschefin inzwischen zum Normalfall geworden: Kanzlerin Merkel / la chancelière Merkel / kanselier Merkel. Belgien hat erst seit einigen Wochen mit Sophie Wimès eine Frau, also jetzt la première ministre Wilmès (bzw. premier oder eerste minister, Premierministerin)  an der Spitze der Regierung. Unsere Autorin hat das inspiriert, die belgische Mehrsprachigkeit zu nutzen und einmal zu vergleichen, wie die Landessprachen so das Erreichen einer geschlechtergerechten Sprache lösen. Das Ergebnis: drei Sprachen, drei Lösungen, jede hat Vor- und Nachteile.

Nur eine kleine Nachsilbe

Im Deutschen ist die Bildung femininer Bezeichnungen an sich einfach, die Nachsilbe ‚-in‘ ist sehr produktiv. Und sie macht Frauen sprachlich hör- und sichtbar. Der große Nachteil ist jedoch, dass die weibliche Form eine Ableitung der männlichen Bezeichnung ist. Dadurch wird die männliche Bezeichnung als grundlegender empfunden. Zudem müssen bei allgemeiner Bedeutung Doppelformen verwendet werden, denn durch die Verwendung einer ‚-in‘-Ableitung für Frauen erhält die maskuline Form eine männlichere Prägung. Zur Vermeidung von Doppelformen werden substantivierte Adjektive und Partizipien (bspw. Studierende), die im Plural geschlechtsneutral sind, heute mehr verwendet. Das kleine deutsche Sprachgebiet in Belgien hält sich an die deutschen Richtlinien.

In Sprachen, in denen zwischen Femininum und Maskulinum unterschieden wird, besteht eine Tendenz, neue Ableitungen zur Bezeichnung von Frauen zu bilden. Im Deutschen ist diese Entwicklung schon sehr viel weiter fortgeschritten als im Französischen, wo allerdings die französischsprachigen Gebiete in Kanada, der Schweiz und Belgien Vorreiter waren. In Sprachen, in denen dieser Unterschied nicht (mehr) besteht, zeigt sich eine Tendenz zur Neutralisierung von Funktionsbezeichnungen, wie im Niederländischen. Im Englischen ist diese Entwicklung schon fast vollendet.

Während die Bildung von Feminina im Deutschen unproblematisch ist, bestehen im Niederländischen und im Französischen große Unsicherheiten, weil mehrere Endungen zur Femininbildung möglich sind. Das hat dazu geführt, dass Wortlisten mit Funktionsbezeichnungen für Frauen (und Männer) aufgestellt wurden.

Femininbildungen

Von der Communauté française de Belgique wurde die Feminisierung schon 1993 in einem Dekret beschlossen und 1994 die erste Liste mit möglichen Femininbildungen veröffentlicht. Gelegentlich kommen im Französischen länderspezifische Unterschiede vor (wie l’auteur/auteure/autrice) sowie Neuentwicklungen (wie docteure neben la docteur/doctoresse).

Für das Niederländische besteht eine Sprachunion (taalunie) mit den Niederlanden, Belgien und Surinam als Mitgliedern. Entscheidungen für das niederländische Sprachgebiet werden also – anders als für das Französische – gemeinsam getroffen. Die Sprachunion hat 2001 die Herausgabe eines “Wegweisers” veranlasst, der nicht nur Vorschläge zur Femininbildung enthält, sondern auch geschlechtsneutrale Bezeichnungen. Das in-Suffix (vriendin) ist im Niederländischen anders als im Deutschen nicht mehr produktiv.

Auffällig ist, dass bei der Geschlechter gerechten Sprache für das Deutsche von Richtlinien die Rede ist, für das Französische von Empfehlungen, und dass für das Niederländische Möglichkeiten zur Auswahl gegeben werden. Im Deutschen ist die Entwicklung zur Geschlechter gerechten Sprache am weitesten fortgeschritten, und es wurde neulich sogar an das “andere” Geschlecht mit einer neuen Schreibweise gedacht (bspw. Politiker*Innen).

Frauen werden sichtbarer gemacht

Auch wenn Frauen sichtbarer gemacht werden, bleibt Gleichstellung in der Sprache schwer. Neben dem Problem der Suffigierung der maskulinen Bezeichnung und der oft komplexen Verwendung von Doppelformen bestehen in der Sprachverwendung auch Probleme bei der Wortfolge, die aber im Prinzip leichter lösbar sind. Warum sagen wir meist automatisch “Männer und Frauen”, “Brüder und Schwestern” usw. Hier unterscheiden sich die 3 Sprachen nicht. Und was machen wir mit: “Kanzlerin Merkel gehört zu den mächtigsten Politikerinnen/Politikern/ PolitikerInnen ihrer Zeit?” Inhaltlich korrekt ist wohl nur die letzte Schreibweise oder eine Doppelform.

 

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