Was tun in der Flüchtlingskrise? – Podiumsdiskussion an der iDSB

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Rolf-Dieter Krause

Von Friedhelm Tromm.

Täglich spitzt sich die europäische Flüchtlingskrise weiter zu, am kommenden Sonntag wird die EU in Brüssel ein weiteres Mal versuchen, einen gemeinsamen Kurs zu finden, und die Debatte in Deutschland polarisiert sich zusehends. All dies lässt auch die Schüler der iDSB nicht kalt. Offenbar in so großem Maße, dass einige von ihnen am 20. Oktober eine Podiumsdiskussion organisierten, um sich von Journalisten und Politikern aus erster Hand informieren zu lassen.

Wie sehr das Thema die Schülerschaft bewegt, zeigte eine im Vorfeld durchgeführte Umfrage: Fast alle, nämlich 99%, verfolgen die Lage rund um die Flüchtlinge. 63% sehen dabei in den Flüchtlingen „Menschen, denen wir helfen müssen“, ein Drittel sogar „eine Bereicherung für unser Land“. Wohl ähnlich geteilt wie in Deutschland sind allerdings die Meinungen, ob alle auf Dauer bleiben können.

Auf Initiative der Schülerschaft: ein hochkarätig besetztes Podium

Und das gibt es nicht oft: Anstatt angesichts der Nachrichtenflut resigniert oder gar mit Überdruss zu reagieren, entstand in der Schülerschaft die Initiative, einschlägige Experten zum Thema ins Haus zu holen.

Keine geringeren als Rolf-Dieter Krause (ARD-Studio Brüssel), die Europaparlamentarier Sylvia-Yvonne Kaufmann (SPD) und Sven Schulze (CDU), sowie Joffrey Monnier von „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins sans Frontières) folgten der Einladung an die iDSB und diskutierten unter der Leitung von ORF-Journalistin Cornelia Primosch eineinhalb Stunden lang zum Thema „Flüchtlingsbewegungen in Europa – Ursachen und Lösungsstrategien“.

Aufwühlender Bericht

Joffrey Monnier von „Ärzte ohne Grenzen“ berichtet zu Beginn über seinen Einsätze im Mittelmeer. Seine mitgebrachten Videos vermitteln eine eindrucksvolle Vorstellung davon, was es heißt, um 6 Uhr morgens, noch in der Dunkelheit, unter herbstlichen Bedingungen und bei hohem Seegang, an Deck eines stark schwankenden Schiffes zu stehen und sich den vom Tode bedrohten Menschen unmittelbar gegenüber zu sehen.

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Schülerin Lea Lehnart

„In welcher Verfassung sind die Flüchtlinge, wenn sie gerettet werden?“ und „Wie verkraftet man als Retter das?“ wollen die Schüler wissen. – „Die Menschen sind absolut verzweifelt, so verzweifelt, dass sie die Boote oftmals aufschneiden, damit wir sie auch wirklich retten müssen. Es sind sehr starke emotionale Momente, die man dann erlebt, man spürt die Angst und die Panik der Leute, dann aber ihre Dankbarkeit und Liebe, und schließlich ist man sehr stolz, dabei zu sein.“

Die Verantwortung Europas

Ob einige Politiker anders reden oder handeln würden, wenn sie Situationen wie diese selber erleben würden? In Deutschland sind es vor allem Kommunalpolitiker, die direkt mit den Herausforderungen der Entwicklung konfrontiert sind. „Die Verantwortlichen vor Ort tun ihr Bestes“, erzählt Sven Schulz (CDU) aus seinem Wahlkreis in Sachsen-Anhalt, „aber wir haben allmählich eine Grenze erreicht. Es gibt keine freien Liegenschaften mehr, alle Turnhallen und Baumärkte sind gefüllt. Ich erlebe daheim Versammlungen, auf denen die Menschen nicht so schön still bleiben wie ihr hier, sondern sehr besorgte Fragen stellen.“ Gleichzeitig betont er: „Die Menschen haben überwiegend keine Angst vor den Flüchtlingen an sich, sie fragen sich jedoch angesichts der großen Zahl: ‚Wie geht es weiter’?“.

„Ist die EU von der Entwicklung überrascht worden?“, fragt die Moderatorin, und Rolf-Dieter Krause (ARD) antwortet: „Ist sie überrascht worden? – Ja. Musste sie überrascht sein? – Nein!“. Jahrelang habe man immer wieder vor einem drohenden Flüchtlingsstrom gewarnt, doch alle Mahnungen seien überhört worden.

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Schüler Bastian Kirfel

Krause betont, die Europäer seien teilweise mitverantwortlich für das Problem. Unfaire Handelsabkommen raubten Menschen in Afrika ihre Existenzgrundlage und die EU arbeite mit despotischen Regimes wie in Eritrea zusammen.
Auf die Frage „Wie wird der Zustrom der Flüchtlinge Europa verändern?“ sagt er: „Wenn wir ehrlich sind: Wir wissen es noch nicht, und Integration ist auch eine Frage der Zahl. Aber kein vernünftiger Mensch wird wohl wollen, dass wir Flüchtlinge an den Grenzen mit Waffengewalt zurückzuhalten. Deshalb gibt es keine Alternative, als sich der Herausforderung zu stellen.“

Sylvia-Yvonne Kaufmann (SPD) betont die Notwendigkeit, in Europa zu einem gemeinsamen Management der Lage zu gelangen, verwies aber auf die teilweise sehr unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten.
„Das Sankt-Florians-Prinzip geht auf die Dauer nicht gut“, entgegnet Rolf-Dieter Krause, räumt aber ein: „Es ist sicherlich leichter, dies zu kritisieren, als es zu ändern.“

Alle sind sich einig, dass nur eine Bekämpfung der Fluchtursachen auf längere Sicht das Problem beherrschbar machen könne.

Schüler bleiben engagiert

„Aber wie kommen wir denn nun zu schnellen Lösungen?“, lautet eine Schülerfrage am Schluss. „An der Frage stört mich das Wort ‚schnell’“, erwidert Krause, „schnelle Lösungen wird es nicht geben“.

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Das mag für manchen am Ende ein wenig befriedigendes Ergebnis sein. Viele Schüler wollen offenbar nicht geduldig auf Lösungen ‚von oben’ warten. Fast die Hälfte von ihnen hat bereits Geld gespendet oder Sachspenden abgegeben oder sich im Umfeld des Brüsseler Flüchtlingscamps im Parc Maximilien als Freiwillige engagiert.

Immerhin konnte die Veranstaltung, eine Lehrstunde der besonderen Art, einige Denkanstöße liefern, und dass sie zustande kam, ist an sich schon ein Ausdruck des großen Engagements.

Fotos: Tromm

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