Warum nicht einmal belgischer Wein?

Von Franziska Annerl.

Der Sommer 2018 war nicht nur in Deutschland ein Traumsommer – auch die Belgier genossen oder stöhnten unter den monatelang außergewöhnlich hohen Temperaturen und der Trockenheit. Für die Landwirte sonst mehr Fluch als Segen, haben die tendenziell immer wärmeren und trockeneren Sommer jedenfalls einen Gewinner: den belgischen Wein bzw. die belgischen Winzer. Die Weinlese war in Belgien – wie in Frankreich – 2018 außergewöhnlich: Rund 1,3 Millionen Flaschen wurden abgefüllt. Dies ist ein absoluter Rekord in Belgien, mehr als im bisherigen Rekordjahr 2015 mit rund einer Million. 2017 waren es rund 947.000 Flaschen.

Laut Service public fédéral ist der belgische Weinbau in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen. Anbaufläche und Produktion haben sich verfünffacht, und der Anstieg dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Spitzenreiter in der Produktion ist immer noch der Mousseux (Sekt), gefolgt von Weiß-, Rotwein und Rose. Das macht das frische Klima, das ideal für den Anbau von Weißwein ist. Die wichtigsten Weinanbaugebiete sind Limburg und Flämisch-Brabant in Flandern bzw. Namur und Hainaut in der Wallonie. Sie umfassen drei Viertel der nationalen Produktionsfläche von rund 350 Hektar. Am beliebtesten sind wenig überraschend die klassischen Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Grauburgunder.

Besonders stolz sind die Belgier auf ihre Sekte, die für sie den Vergleich mit Champagner nicht scheuen brauchen. Und es stimmt: Probiert man z.B. ein Glas Ruffus oder Chant d’Eole, ist man sich nicht sicher, ob der Inhalt aus Belgien oder nicht doch aus der Champagne stammt. Wer dies noch nicht getan, aber Lust hat: Die Weingüter Chant d’Eole und Ruffus bieten sehr interessante Führungen mit anschließenden Degustationen an, und sind den Besuch wert. Beide Schaumweine werden nach der traditionellen Methode hergestellt, das heißt die zweite Gärung findet in der Sektflasche statt.

Mit 28,5 Hektar Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier ist Ruffus der größte Weinproduzent Belgiens. Hier werden nur Schaumweine nach der traditionellen Methode hergestellt. „Der Trend geht zu lokalen Produkten, warum also im Ausland einkaufen, wenn Sie zu guter Qualität zu Hause produzieren können? Im Vergleich zum Verbrauch ist die belgische Produktion aber noch niedrig und sollte weiter steigen. Unsere belgischen Weine machen sich gerade erst ihren Ruf“, so Arnaud Leroy, Vertriebsleiter von Ruffus. Derzeit verkaufe Ruffus nichts im Ausland, „weil wir nicht einmal die Nachfrage in Belgien selbst erfüllen können.“ Belgische Weine haben ein etwas teureres Preis-Leistungs-Verhältnis. Dies liegt laut Leroy daran, dass die Weinberge noch jung sind und noch Geld investiert werden müsse, um rentabel zu sein.

Abgesehen von den professionellen Winzern gibt es in Belgien viele Hobbywinzer. Belgische Winzer verkaufen ihren Wein hauptsächlich vor Ort und leben vom Weintourismus. Einige Weine können jedoch auch online bestellt werden. Das Land wurde von der Europäischen Union bereits offiziell als Weinland anerkannt: In Belgien gilt die EU-konforme Bezeichnung für herkunftskontrollierten Qualitätswein VQPRD (Vin de Qualité Produit dans une Région Déterminée; Qualitätswein einer bestimmten Region). Diese Klassifizierung unterteilt die belgischen Weinanbaugebiete nach europäischen Regeln in Qualitätsregionen, das heißt in Regionen mit geschützter geografischer Angabe (IGP; Indication Géographique Protégée, z.B. Jardins de Wallonie) bzw. geschützte Ursprungsbezeichnung (AOC; Appellation d’Origine Contrôlé, z.B. Côtes de Sambre et Meuse, Hagelandsewijn).

„Wir haben heute 130 anerkannte belgische Winzer – professionelle oder halbprofessionelle – und eine Produktion, die in guten Jahren mehr als 1 Million Liter beträgt. Und die belgische Weinproduktion wird noch weiterwachsen: Es gibt immer neue Investoren (Privatpersonen und Unternehmen), und in einige Regionen hat der belgische Wein eine glänzende Zukunft, z.B. Limburg: Aufgrund der Russland-Sanktionen können einige Apfel- und Birnenzüchter ihre Ernte nicht mehr verkaufen. Sie denken ernsthaft daran, ihre Tätigkeit in Weinproduktion umzuwandeln“, erklärt der belgische Weinexperte Alain Bloeykens, der bis 2018 20 Jahre lang die Brüsseler Weinmesse Megavino organisiert hat. Auch er sieht das beste Potenzial bei Schaumweinen und Weißweinen, die schon zahlreiche nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen hätten. „Belgien bleibt ein Land, das eher kühl ist und sich daher hervorragend für Sekte und Weiße eignet. Aber wer weiß: Mit der Erwärmung haben vielleicht auch die belgischen Roten eine gute Zukunft?“

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