Vom Winde verweht: Finale des Brüsseler Vorlesewettbewerbs

Von Ute Bakus.

Beinahe hätte Sturm „Friederike“ am Donnerstagmorgen das Finale des Brüsseler Vorlesewettbewerbs empfindlich gestört: Weil rund um den Bois de la Cambre alle Straßen blockiert waren, gab es für den Bus aus Uccle kein Durchkommen zur Hessischen Landesvertretung im Europaviertel. Diese hatte nämlich zum großen Finale des Brüsseler Vorlesewettbewerbs eingeladen, an dem jedes Jahr die jeweils fünften und sechsten Klassen der Deutschen Schule (iDSB) sowie aller vier Brüsseler Europaschulen teilnehmen.

Während die Schüler in Uccle tiefenttäuscht wieder zurück in den Unterricht mussten, schaffte es der Schulsieger der EEB 1, Niklas Koch, dank des Einsatzes einer Lehrerin gerade noch rechtzeitig in die Rue Montoyer und musste auch gleich als Erster auf das Lesepodium. Trotz fehlender Unterstützung durch seine Mitschüler schaffte er einen hervorragenden zweiten Platz. Den Sieg holte sich Emilia Heeren von der Europäischen Schule in Laeken.

Die insgesamt fünf Finalisten, die in den vergangenen Wochen bereits den Wettbewerb an ihrer jeweiligen Schule gewonnen hatten, mussten in einer ersten Runde ein selbstgewähltes Buch vorstellen und ein Stück daraus vorlesen. Dabei zeigten alle ein sicheres Gespür für publikumswirksame Textstellen. Die Auswahl zeigte eine ganze Bandbreite der Kinder- und Jugendliteratur: Neue Titel wie der Bestseller „Ostwind“ trafen auf Klassiker wie Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, witzige Helden wie in „Winston – ein Kater auf geheimer Mission“ oder „Allein unter Dieben“ auf den spannungsgeladenen Kinderthriller „Ruby Redford“.

Der unbekannte Text

In der zweiten Runde galt es, einen unbekannten Text vorzulesen. Wettbewerbs-Organisatorin Annette Birk-Rickert (EEB 4) hatte dafür mit „Krieg und Freundschaft“ des Niederländers Dolf Verroen ein aktuelles und inhaltlich anspruchsvolles Buch ausgewählt. Der Autor erinnert sich darin in kindgerechter Sprache, was er als Junge in seiner Heimat unter deutscher Besatzung erlebt hat. Wer sich einmal vorstellt, vor rund 200 Schülern einen ihm fremden Text nicht nur flüssig lesen zu müssen, sondern auch noch so zu gestalten, dass Inhalt und Stimmung bei den Zuhörern ankommen, kann nachvollziehen, was die Finalisten in dieser Runde leisten mussten.

Während der Autor und Märchenerzähler Klaus Streichert auf Einladung des Österreichischen Kulturforums das junge Publikum ins Reich der Märchen lockte, musste die Jury in dem durchweg hohen Niveau aller Lesebeiträge Nuancen in der Technik und Interpretation ausmachen und in Punkte umwandeln. So bekamen Charlotte Götz (EEB 2), Max Kleiner (EEB 3) und Merle Laroque (iSDB) jeweils einen dritten Platz zugesprochen und erhielten wie auch die beiden Erstplatzierten unter dem Jubel eines durchweg fairen und disziplinierten Publikums ein Buch als Preisgabe.

„Jugend forscht“, das nächste Event

Der Vorlesewettbewerb fand in diesem Jahr bereits zum fünften Mal in Brüssel statt. Er ist hier die einzige Veranstaltung, bei der sich Schüler aller deutschsprachigen Schulen bzw. Sektionen treffen. Die Hessische Landesvertretung war zum ersten Mal Gastgeber dieses einzigartigen Events. Kulturreferent Christoph Heider hob denn auch als Hausherr in seiner Begrüßung die Bedeutung des Wettbewerbs hervor. Hessen, Heimat der weltgrößten Buchmesse und Sitz zahlreicher Verlage, fühle sich der Leseförderung besonders verpflichtet. Auch öffne sich die Landesvertretung bewusst und gerne einem jungen Publikum. So lud Heider gleich zum nächsten Schüler-Event am 14. Juni ein: Dann ist „Jugend forscht“ bei den Hessen zu Gast.

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