Vom Umdenken in den Kirchen

Von Sibylle Schavoir.

Man muss nicht Theologie studiert haben, um zu Menschen zu sprechen“. Der belgische Theologe und ehemalige Vize-Rektor der katholischen Universität Löwen, Gabriel Ringlet, hat es wohl bemerkt : Das Umdenken der Menschen und ihr distanziertes Verhältnis zur Kirche hat längst stattgefunden. Zwar entfernen sich die Menschen mehr und mehr von der Starrheit der Kirche , suchen aber andererseits Zuflucht zu Besinnung und Stille. Dies kann man trotz allen Umdenkens weiterhin in der Kirche finden, jedoch in anderer Form. Das Starre der Liturgie, der Andacht und der Predigt erreicht den Menschen von heute nicht mehr. Konfessionsfreie Menschen, die inzwischen den Großteil der Bevölkerung darstellen, möchten „ein selbstbestimmtes Leben führen, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen ruht und frei ist von Religion und dem Glauben an einen Gott“.

Dennoch zieht es auch diese Menschen in die Kirche, welche sie als Refugium wahrnehmen, wo Vorträge, Lesungen, Konzerte, Familienfeste und vieles mehr stattfinden könnten. Unabhängig von Konfessionen. Umfragen haben ergeben, dass die Menschen an Riten hängen, und dass Taufe, Hochzeiten und Beisetzungen inzwischen ihre eigenen Programme/sprich Riten gefunden haben. Anlässlich von Begräbnissen spricht statt des Pastors oft ein Mitarbeiter des Bestattungsinstituts , mit dem die Trauernden zuvor den Lebenslauf des Verstorbenen abgesprochen haben. Gott und das Jenseits werden nicht erwähnt. Hochzeiten werden immer kommerzieller und pompöser. Das Gelübde von der „ewigen Treu‘ bis in den Tod“ fällt meist ganz weg. Aber Riten bleiben erhalten. Denn Taufe, Hochzeit und Bestattungen werden weiterhin zelebriert, jedoch so, wie es die Betroffenen bestimmen und nicht die Kirche.

Der Theologe Gabriel Ringlet drückt es so aus: „On constate dans nos sociétés occidentales une situation paradoxale. D’un côté il y a un déclin des expressions classiques de la liturgie. Et de l’autre on voit que nos contemporains n’ont jamais eu autant besoin de rituels. Les gens ont besoin des célébrations collectives“. Es entsteht in unserer westlichen Gesellschaft eine paradoxe Situation. Einerseits hat die klassische Liturgie an Bedeutung verloren. Andererseits sehen wir, dass die Mitmenschen (Zeitgenossen) noch nie so sehr an Riten hingen wie jetzt. Die Menschen brauchen das “kollektive/gemeinsame Feiern/Zelebrieren “.

Man muss nicht sechs Jahre lang Theologie studieren

heisst für den Theologen Gabriel Ringlet nicht, dass von nun an Gourus oder falsche Priester in Kirchen das Wort ergreifen können. Humanisten, Freidenker, Atheisten, Pantheisten, Suchende, all‘ jene, die das Gespräch und die Diskussion suchen, sollten die Möglichkeit erhalten, in Kirchen das Wort zu ergreifen. Kirchen, so Gabriel Ringlet, sollten ein Ort werden, der allen Menschen offen steht: ob sie nun glauben oder nicht.

2 Kommentare

  1. Alfons van Compernolle schreibt:

    Nun ja, dass besonders die Kathol.Kirche in weiten Teilen doch aus Tradition Weltfremd und fernab aller Realitaet steht, ist doch nichts neues, oder ??? Wenn ich denn noch, aus eigener Erfahrung im Kathol.-Internat an die kinderschaenderische Gewalt der Priester & Ordensfrauen denke, weiss ich warum ich zu diesen Menschen kein Vertrauen mehr habe. Das „Zoelibat“ , diese
    aufgezwungene welt- & lebensfremde Lebensweise, hat sehr erheblichen Anteil an den sexuellen Uebergriffen von Priestern & Ordensfrauen !! Um an „einen“ Gott zu Glauben bedarf es keinen
    Priester oder Kloster sondern nur eine eigene individuelle Ueberzeugung und es gibt auch , wenn ueberhaupt, nicht nur eine Art & Weise wie man seinen Glauben richtig ausueben kann.
    Solange die Kathol.- aber auch die evangel. Kirche mit ihren Taditionen im Mittelalter stehen bleiben und fortwaehrend wieder dieses mal „geistige Scheiterhaufen“ anstecken , ihr massenhafte Fehlverhalten gezielt und bewusst fortwaehrend vertuscht, so lange ist die Kirche dem Untergang geweiht und das zu Recht.
    Warum und mit welchem Recht , werden Frauen in der Kathol. Kirche vom Priesteramt ausgeschlossen , Tradition ist da eine sehr duerftige Begruendung !

  2. Ralph Bisschops schreibt:

    Danke, Sibylle Schavoir, für diese sehr zutreffende Analyse.

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