Unordnung erwünscht: Winterbeginn im natürlichen Garten

Von Heidrun Sattler.

(Red.) Nach langer Pause meldet sich unsere Gartenexpertin zurück, mit neuen Erfahrungen und nützlichen Erkenntnissen. Gerne begibt sie sich auch mit unseren Lesern in Dialog. Stellen Sie Fragen oder machen Sie Anmerkungen, sie wird gerne Ratschläge geben und auf Ihre Beiträge antworten.

Vor einiger Zeit hatte ich im Dezember liebe Freunde zum Brunch geladen. Das Wetter war ungefähr wie heute: Nasskalt, regnerisch und trübe. Beim Blick in den Garten ließ sich einer der Gäste mit der Bemerkung hören: „Ich denke, Du musst einmal ein paar Stunden in einen Gartenmann investieren, damit hier alles ordentlich aufgeräumt wird.“

Allerdings ist dieser Freund ein ambitionierter Gemüseanbauer, der in ganz anderen Kategorien denkt, als Gartenleute wie ich. Natürlich sehen blattbedeckte Staudenbeete, abgestorbene Samenstände und nicht gestutzte Gräserstängel nicht besonders geordnet aus. Doch etwas Besseres kann dem Garten, den Vögeln und dem Bodenleben gar nicht passieren. Unter der Blattdecke ist es kuschelig warm für die dort lebenden Geschöpfe, die, wenn sie könnten, sicher das Schild „Don’t disturb!“ aufhängen würden.

Schneiden erlaubt

Doch auch ich entsage dem Gebrauch der Gartenschere nicht völlig, die verrottenden Blüten der Annabelle-Hortensien (Hydrangea arborescens) sind nun wirklich keine Zierde und auch den Vögeln nicht von Nutzen. Man kann sie fast bis auf den Boden herunter schneiden, dann kommt man in den Genuss sehr großer Blüten. Die allerdings vertragen einen Regenguss schlecht und liegen dann unschön am Boden. Im natürlichen Garten ist es weiser, die Stängel zwischen 50 und 80 cm hoch stehen zu lassen. Zwar sind die Blüten dann kleiner, dadurch aber weniger wetteranfällig und das ganze Zweiggerüst ist deutlich stabiler.

Auch das Verjüngen vieler Sträucher kann jetzt vorgenommen werden. Ohne Blätter sind die Strukturen besser sichtbar. Sich kreuzende Zweige und altes Holz zu beseitigen, verjüngt so manchen alten Busch. Es gibt in Gärtnerkreisen eine Schnittmethode, die vorsieht, bei alten stark verholzten Sträuchern drei Jahre nacheinander jeweils ein Drittel der alten Äste zu entfernen. Dann kann die Pflanze neue Triebe entwickeln und belohnt den Betreuer am Ende mit einem harmonischen Habitus.

Füttern dringend nötig

Im vorigen Jahr habe ich für die Vögel eine besondere Futterquelle kreiert. Ein Tannenkranz wurde nicht etwa mit Kerzen und Adventsdekoration bestückt, sondern mit Meisenknödeln, Erdnusssäckchen und Futterstäbchen. Der Andrang war fast schon beängstigend und ich musste alle drei Tage nachlegen.

Was die Vogelfütterung angeht, so hieß es noch vor einigen Jahren, nur nicht zu früh anfangen, die Vögel nicht verwöhnen, vor allem aber im Frühjahr sehr schnell aufhören, da die Vögel ihrem Nachwuchs dieses völlig ungeeignete Futter füttern würden.

Diese Mahnungen sind inzwischen verstummt, es gibt sogar Fachleute, die den wachsamen Gartenbesitzer auffordern, das ganze Jahr durchzufüttern. Doch jeder Garten ist anders, ich fange erst an zu füttern, wenn die Damen und Herren Meisen auf der Pergola die Futterlage zu sondieren beginnen, meist Mitte Oktober. Aber ich füttere wohl bis weit in den Frühsommer, da das Aufzuchtgeschäft die Eltern sehr anstrengt, manche Meisen sehen dann richtig abgekämpft aus. Etwas Spannendes habe ich herausgefunden: Wenn die Blaumeisen beginnen, Fettfutter in den Nistkasten zu tragen, steht nach meiner Beobachtung das Ausfliegen der Jungen kurz bevor. Groß genug, können sie das Futter nun genauso gut vertragen wie ihre Eltern.

Zwiebelgewächse wünschenswert

Erfahrungsgemäß spielen sich in unseren Breiten der Spätherbst und beginnende Winter wie folgt ab: Ende Oktober oder Anfang November gibt es einige kalte Nächte, die für Erfrierungen am Blätterwerk sorgen und alle Terrassengärtner veranlasst, die wertvollen Orangeriepflanzen in Gewächshaus und Wintergarten zu retten. Danach tritt das typische Schmuddelwetter ein, das einem den Gang in den Garten vermiest.

Doch sobald es ein wenig freundlicher ist, lockt es mich doch ins Gelände, zumal die Dahlienknollen aus der Erde und späte Blumenzwiebeln hinein müssen. Leider habe ich mit Tulpen schlechte Erfahrungen gemacht, mein Boden scheint mit einem ominösen Virus verseucht zu sein, der die Zwiebeln am dekorativen Austreiben hindert. So war ich gezwungen, zu einer anderen Methode zu greifen. Jetzt treiben meine Tulpen, gemeinsam mit Zierlauch (Allium), Krokussen und Schachbrettblumen – auch andere eignen sich – in einer Art Lasagne in großen Töpfen. Sie stehen parat als Lückenfüller im Staudenbeet oder als Terrassenschmuck. Falls es extrem kalt sein sollte, ziehe ich sie unter den Dachvorsprung und decke sie mit Noppenfolie ab. Seit zwei Jahren genieße ich so endlich wieder Tulpenpracht.

So, jetzt bleibt nur noch, Haus und Garten vorweihnachtlich zu schmücken, je nach Geschmack mit Lichterketten, Türkränzen oder – eigentlich bitte nicht! – mit einem fassadenkletternden Weihnachtsmann. Wenn dann noch der erste Schnee fällt, dann wird der Fotograf noch einmal gartenbegeistert und die naturgewollte Unordnung gnädig zugedeckt.

Bilder:

Annabelle-Hortensie

Meisen am Futterkranz

Erster Schnee im Garten

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