Unheimliche Fußballfans

StadeVon Thomas Philipp Reiter.

Das Verbot war eindeutig: die Polizei des Fürstentums Monaco hatte es den Fans des RSC Anderlecht untersagt, ihre Mannschaft beim Auswärtsspiel gegen die Association Sportive de Monaco in der Gruppenphase des Europapokalwettbewerbs zu begleiten. Zu hoch sei offenbar die Terrorgefahr, die derzeit von Belgien ausginge. Mit 515 Polizisten auf 35.000 Einwohner in einem Gebiet von 1,98 Quadratkilometern hat Monaco die weltweit größte Polizeitruppe sowohl im Pro-Kopf-Verhältnis wie auch bezogen auf die Staatsfläche. Widerstand gegen diese Ansage schien demnach zwecklos. So entschied sich dann auch der Präsident des belgischen Rekordmeisters, der 73-jährige Roger Vanden Stock, dieses Spiel vom heimischen Fernseher aus zu verfolgen.

Die eigens von Brussels Airlines gecharterte Sondermaschine mit der Flugnummer SN1185, die am 25. November, also einen Tag vor der Begegnung, um 10.00 Uhr vom Flugsteig A36 des Flughafens Brüssel National in Richtung Nizza abhob, blieb demnach zur Hälfte leer. Die vom RSC Anderlecht geladenen 65 VIP-Gäste mussten wieder ausgeladen werden. Bis auf einen: der von König Albert II. in den Adelsstand erhobene Edouard („Eddy“) Louis Joseph Baron Merckx (70) wurde kurzfristig zum Mitglied des Managements erklärt und nahm im Flieger neben Sportdirektor Herman Van Holsbeeck Platz. Für jeden der Spieler blieb jeweils eine ganze Sitzreihe, auch wenn sich Verteidiger Olivier Deschacht auch hier seinen Platz erst erkämpfen musste, indem er einen Funktionär von seinem reservierten Platz in der zehnten Reihe auf die hinteren Plätze verwies: „Geh mal nach hinten zu den anderen Supportern, da ist noch genug Platz“, herrschte er den Fluggast an. Platz war dort genug, jedoch keine Supporter, denn die waren ja von Monaco ausgeladen worden. Lediglich Journalisten nahmen den arroganten Ausfall des Spielers süffisant lächelnd zur Kenntnis. Unter ihnen war auch Belgieninfo.net vertreten.

Am Spieltag selbst, einem Donnerstag, herrschte tagsüber das an der Côte d’Azur typische ausgeglichene Klima bei 16 Grad und untertags freundlicher Sonne. Ideale Trainingsbedingungen für die Brüsseler Gäste, die trotz des ungewöhnlich milden Novembers anderes Wetter gewohnt waren. Die Küste leuchtete in ihren weltberühmten Pastellfarben. Lediglich der Stadtstaat zeigte sich ungastlich: bereits Stunden vor dem für 19 Uhr angesetzten Spielbeginn wurden belgische Staatsbürger in Bussen oder Zügen an der französisch-monegassischen Grenze abgewiesen. Selbst der Träger eines Freundschaftsschals in den Farben beider Teams, rot-weiß und lila-weiß wurde mit Einreiseverbot belegt. AS Monaco gegen RSC Anderlecht sollte ohne gegnerische Fans stattfinden. Nicht nur die Lufttemperatur sackte mit näher rückendem Spielbeginn auf empfindliche Kälte ab. Die Ordnungskräfte blieben freundlich, aber unerbittlich. Auch den heimischen Fans war das Mitbringen jeder Art von Tasche, auch die Einkaufstüten aus dem eigenen Fanshop, verboten.

Jubelschreie

anderlecht2Nachdem sich der AS Monaco beim Hinspiel am 17. September im Constant Vanden Stock Stadion ein 1:1-Unentschieden erkämpft hatte, waren dies eigentlich ideale Bedingungen, um zuhause auf Sieg zu spielen. Doch auf geradezu unheimliche Weise kam es gänzlich anders. Anderlecht spielte von Beginn an mit hohem Tempo und drängte aufs gegnerische Tor. Anderlechts Kapitän Silvio Proto zeigte sich einmal mehr als überragender Torhüter, an dem Monaco kein Vorbeikommen fand. Kurz vor der Halbzeitpause geschah das zweifach Unerwartete: Guillaume Gillet verwandelte beherzt in der 45. Minute zum 1:0. Viel erstaunlicher aber war, dass plötzlich etwa 200 Zuschauer im architektonisch überaus ansprechenden, aber ansonsten weitgehend leeren Stadion „Louis II:“ aufsprangen und in laute Jubelschreie ausbrachen. Ganz offenbar hatten es doch 200 Anderlechtfans ins Stadion geschafft, sichtbar sehr zum Ärger der monegassischen Polizei und Funktionäre.

Mit dem Schwung, der aus der Freude über dieses Husarenstück entstanden sein mag, ging es in die zweite Halbzeit. Auf der Tribüne mischten sich unter französische Expertengespräche nun noch deutlicher niederländisch- und sogar deutschsprachige Klänge. Sogar der Präsident des zweiten Brüsseler Proficlubs, der Deutsche Jürgen Baatzsch von Royale Union Saint-Gilloise, wurde auf Platz 113 der Tribüne F als neutraler Beobachter gesichtet. In der 78. Minute verwandelte Frank Acheampong zum hochverdienten 2:0-Endstand, was von den nun nicht mehr zu bändigenden Fans mit anhaltenden „We are Anderlecht“-Rufen quittiert wurde.

Dem Vernehmen nach verlief die Ausreise sowohl des Teams wie auch der mitgereisten Fans noch am selben Abend ohne weitere Zwischenfälle. Der RSC Anderlecht ist jedenfalls mit gestiegenem Selbstbewusstsein für den weiteren Wettbewerb aus der Begegnung gekommen. Für die heimlichen Fans, die den monegassischen Polizeikräften zu unheimlichen wurden, dürfte dasselbe gelten.

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