Tournais Schätze zerbröseln

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.30.12Tournai, egal ob sie nun die älteste oder zweitälteste Stadt Belgiens ist, ist von der Geschichte, den Kunst- und Kulturschätzen her betrachtet, ein Paradies. Die flächengrößte Gemeinde war im 5. Jahrhundert merowingischer Herrschaftssitz und im Spätmittelalter eine reiche Handelsstadt an der Schelde. Die reiche Historie bescherte der Stadt zahlreiche Baudenkmäler und Kunstschätze. Doch heute sind diese mehr Last als Lust.

Es ist ein trister Januartag, wir sind auf dem Weg mit dem Zug nach Tournai. Wir wollten eine der bedeutendsten Kathedralen des Abendlandes, romanische Bürgerhäuser, gotische Kirchen in Hülle und Fülle, merowingische Ausgrabungen und Kunstschätze von unschätzbarem Wert besichtigen. Der schön restaurierte Bahnhof macht in der Tat Lust auf all dies. Aber schon nach dem Überqueren der Scheldebrücke, die schnurgerade auf die Kathedrale zuführt, wird deutlich: Tournai ist dem Verfall geweiht.

Die Kunstakademie, in der vielleicht noch der berühmte Maler Rogier van der Weyden gelernt haben mag, präsentiert sich mehr als Schrotthaufen, denn als Akademie der Schönen Künste. Sie wirkt wie die gesamte Rue Royale wenig königlich. Über all dem und noch viel mehr thronen die fünf 85 Meter hohen Türme der romanisch-gotischen Kathedrale, einem der sieben Wunder Belgiens, einer der prächtigsten Kathedralen des Abendlandes. Dieses Wahrzeichen Belgiens ist schwer gezeichnet. Schwer gezeichnet von Kriegszerstörungen, von Zerstörungen durch Umwelteinflüsse und von Stabilitätsproblemen, die Absackungen im Bereich der Fundamente provozieren.

Welterbe akut bedroht

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.30.00Das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Gebäude kämpft seit über zehn Jahren gegen die Schwerkraft. Genauer gesagt tun es Ingenieure, Architekten und Denkmalschützer. Schwere Eisen- und Stahlkrallen stabilisieren den hochaufragenden gotischen Chor von außen, derweil die Gewölbe im Innern der Kathedrale von einem Konstrukt aus Stahl- und Holzgerüsten getragen und gestützt werden. Die Glocken – sie läuten wegen der Einsturzgefahr der Türme längst nicht mehr – sind in einem der Seitenschiffe abgestellt, darunter auch die 9 Tonnen schwere Marie-Pontoise. Auch im sanierten romanischen Langhaus sieht es wenig einladend aus. Plastikstühle und Gasheizstrahler sorgen für eine Atmosphäre wie im Notaufnahmelager, nicht aber für ein geistliches Ambiente.

Nach einem kurzen Besuch der Kathedrale wenden wir uns den zahlreichen anderen Schätzen zu, die Tournai uns verspricht. Zum Einen wäre da die Kirche Saint Jacques zu nennen, die zweitgrößte der Stadt. Sie ist eine der vielen Stationen des Jakobsweges und bekannt wegen ihrer Glasfenster. Die Tür knarrt und quietscht, in der Kirche ist es dunkel, es riecht nach Feuchtigkeit. Auch hier offenbart sich, dass für Denkmalpflege in Tournai das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Also weiter in Richtung Pont des Trous, der alten Brücke über die Schelde.

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.29.46Auf unserem Weg beeindruckt uns die Kirche der heiligen Magdalena. Beim Anblick dieses Gebäudes würde die Schutzpatronin sicherlich in Tränen ausbrechen. Das im 12. Jahrhundert erbaute gotische Gotteshaus ist wegen Einsturzgefahr seit Jahrzehnten nicht mehr in Gebrauch. Die Fenster sind zugenagelt, die Mauern äußerst notdürftig mit Holzbalken abgestützt. Sich dem Gebäude zu nähern könnte durchaus riskant sein, so bedrohlich wirkt dessen Zustand.

Hinter einer verlotterten Straße lugt auch schon die Pont des Trous hervor. Die Scheldepromenade ist neu angelegt, Jugendliche mit Alkopops hängen dort ab – aus Langeweile. Ihnen ist die Perspektivlosigkeit anzusehen. Gleichgültig schauen sie an der stolzen alten Brücke vorbei als ob es sie gar nicht gäbe. Im Torbogen des Wehrturms fahren andere Skateboard. Welterbe? Ja schon, aber na und? Über die Kirche Saint Nicolas am anderen Ufer der Schelde lesen wir von einer gelungenen Restauration im Jahre 1982. Der Efeubewuchs, das Moos auf dem Dach und das Gestrüpp in den Mauerspalten lassen einen anderes vermuten.

Tournai ist bei nass-kaltem Wetter nur mit harten Drogen zu ertragen. Zu traurig ist der Anblick der verwitterten und bröselnden Bauwerke, die so überwältigend sein könnten, würde man sie herrichten. Ein Chimay Blau zu viel und man könnte meinen, man wäre im Ravenna des Nordens, aber ein Blick aus dem Fenster der Kneipe verrät, dass hier Tournai ist. Während sich am Grabmal des Theoderich die Touristen aus aller Welt tummeln, bröselt der Turm Heinrich des VIII. vor sich hin. Noch bröselt es nur, aber wenn nicht bald was passiert, dann kracht es auch.

 

Autor: Armand de Meulenaere


Ein Kommentar

  1. Johannes Langer, Wien, derzeit Gent schreibt:

    Ich gebe Ihnen völlig recht, bin heute auf einen Tagesausflug nach Doornik/Torunai gefahren, bestätige alles, was Sie da aufzählen – außer dass ich halt bei schönem Wetter die tristesse weniger scharf empfunden habe. Großartig fand ich die Industriebauten im Nordosten der Stadt (ehemalige Huterzeugung, Brauerei etc.).

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