Serie Politikerporträts (3): Egbert Lachaert, Open VLD – Gralshüter des Liberalismus

Von Michael Stabenow.

Ruhig und verbindlich wirkt der neue Parteichef der flämischen Liberalen (Open VLD), Egbert Lachaert, meist, wenn er öffentlich auftritt. Eher leise und manchmal mit verschmitzt wirkendem Lächeln trägt der 43 Jahre alte, vor den Toren Gents beheimatete Jurist, seine Überzeugungen vor. Im Mai setzte sich Lachaert im parteiinternen Duell um den Open VLD-Vorsitzen gegen den Ostender Bürgermeister Bart Tommelein durch. Gemeinsam mit Joachim Coens (CD&V) und Georges-Louis Bouchez, (MR) bildet er das seit Ende Juni um die Regierungsbildung bemühte Trio der „drei Könige“. 

Durch flammende Reden ist Lachaert bisher weniger aufgefallen. Aber er zeichnet sich durch geschliffene Formulierungen in seiner niederländischen Muttersprache sowie durch sehr flüssiges Französisch aus. Sein Ziel für Open VLD ist es, die wirtschaftsliberalen und „fortschrittlichen“ Strömungen in der Partei zusammenzuführen. „Wir müssen deutlich machen, dass wir für Menschen da sind, die arbeiten und Steuern zahlen“, lautete einer der programmatischen Kernsätze Lachaerts, der sich offenbar als Gralshüter des klassischen Liberalismus versteht. Anders als seine, dem linken Parteiflügel zugerechnete, Vorgängerin Gwendolyn Rutten macht er keinen Hehl daraus, dass er eine belgische Regierungskoalition mit der flämisch-nationalistischen Neu-Flämischen Allianz (N-VA) präferiert. Das sogenannten „Vivaldi-Büdnis“, also die Einbeziehung der französischsprachigen Sozialisten (PS) und der Grünen, ist für ihn nur die zweitbeste Variante.

Wie Joachim Coens, der Vorsitzende der flämischen Christlichen Demokraten (CD&V), stammt Lachaert aus einem politisch geprägten Elternhaus. Sein Vater war in den neunziger Jahren liberales Mitglied des flämischen Regionalparlaments. Sohn Egbert Lachaert, der sich früh bei der Jugendorganisation der flämischen Liberalen engagierte und schon 2012 – damals erfolglos – gegen Rutten um den Parteivorsitz kandidiert hatte, zog 2014 in das belgische Parlament ein. Dort übernahm er nach der Wahl im Mai 2019 das Amt des Open VLD-Fraktionschefs.

Zu Lachaerts parteiinternen Verbündeten zählen sowohl der dem rechten Parteiflügel angehörende frühere stellvertretende Regierungschef Vincent Van Quickenborne, als auch der pragmatische  Finanz- und stellvertretende Premierminister Alexander De Croo. Dass es nach wie vor Gräben in der Partei und Aversionen gegen ein Bündnis mit der N-VA gibt, zeigte sich Ende Juni. So berichtete Ex-Parteichefin Rutten wenige Tage nach Beginn der Mission der „drei Könige“ im Fernsehsender VRT von angeblichen Versuchen der N-VA nach der Parlamentswahl im Mai 2019, Open VLD und CD&V gemeinsam mit dem rechtsextremen Vlaams Belang in die flämische Regionalregierung zu locken und ihre Partei „reichlich zu belohnen“.

Lachaert musste dies als Versuch empfinden, den „drei Königen“ Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter reagierte er verschnupft auf die Äußerungen seiner Vorgängerin. In einer Zeit, in der Menschen um ihre Jobs bangten und Unternehmen pleitegingen, arbeite er weiter konstruktiv mit Bouchez und Coens an der Bildung einer Regierung, die sich den dringlichen Herausforderungen stellen könne. „Guter Ratschlag dabei: Blicke nach vorn auf das, was Du gemeinsam tun kannst. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit“, schrieb Lachaert, ohne Rutten namentlich zu erwähnen. Es bleibt freilich der Eindruck, dass es innerhalb der Partei, die 2003 in Flandern mit einem Stimmenanteil von 25 Prozent stärkste Kraft war, in jüngsten Umfragen aber an der Marke von 10 Prozent dümpelt, nach wie vor Spannungen zwischen den Flügeln bestehen.

So verbindlich Lachaert auch bei öffentlichen Auftritten wirken mag – selbst SP.A-Parteichef Rousseau verriet unlängst, dass er nicht immer schlau aus Lachaert werde. Als er in einem Gespräch mit der Zeitung „De Morgen“ gefragt wurde, ob er glaube, dass Lachaert entscheidende neue Akzente setzen könnte, antwortete Rousseau: „Er ist ein guter Mann. Aber ich finde es merkwürdig, dass ich immer schon aus den Medien alles über seine Wünsche und Pläne weiß. Doch das liegt vielleicht nicht an ihm.“

Foto: James Arthur Gekiere

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