Schrumpfvergreisung und Post-Tugenden

Sloterdijk„Deutschland und Europa“ war das Thema einer Gastvorlesung des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk im Rahmen des Deutschlandjahrs 2014-15 an der Université Libre de Bruxelles (ULB). Moderator war der emeritierte Philosophieprofessor Guy Haarscher. In seiner Einführung erinnerte er das zahlreich erschienene Publikum daran, wie der deutsche Philosoph mit seinem Werk „Kritik der zynischen Vernunft“, das genau 200 Jahre nach Kants „Kritik der reinen Vernunft erschien, international bekannt wurde. Haarscher ging auf die Beschäftigung seines Kollegen mit der heutigen Zeit bis hin zu seinen Angriffen auf den „kleptokratischen Staat“ ein.

Nach Sloterdijk bewohnen wir Europäer ein „semi – depressives Ensemble“. Weil wir alle aus einem nationalen Umfeld stammen, ist uns Europa „als Mantel zu groß“. Alle stammen wir eigentlich vom Dorf und müssen uns in größere Einheiten integrieren. Der Dichter Vergil habe seinen Landsleuten das Römische Imperium als eine semi-depressive Struktur vorgestellt.Sie hätten kein Imperium Romanum von Gibraltar bis zum Nil gewollt. Es sei als Folge ihres Sicherheitsbedürfnisses entstanden. In Vergils Werk flüchtet Äneas, „ein Mann aus dem Osten“, nach dem Untergang Trojas nach Latium. Er trägt seinen alten Vater aus dem Rücken und führt seinen Sohn an der Hand. Für ihn wird Rom die „Erde der zweiten Chance“.

Europa und Amerika

Aus dem Europa des Äneas ist inzwischen „der Westen“ geworden, so Sloterdijk.

Europas Grundlage war der „Mythos der zweiten Chance“. Ihn haben die ausgewanderten Europäer mit sich geführt. Seit Columbus haben sie die Depression des Verlierers hinter sich gelassen und „amerikanischen“ Optimismus entwickelt. Möglich machte das außerordentliche Bevölkerungswachstum den „demographischen Export“.
Die „Schrumpf-Vergreisung“ sei Deutschlands und Europas Schicksal, schließt der Philosoph.

Unter dem Namen „Europäische Union“ entwickeln sich Staaten, und ein großer politischer Roman spielt sich ab. Für Sloterdijk ist vieles „nicht…“, eigentlich aber „post…“. Die EU ist nicht – imperial, nicht – heroisch, nicht – machistisch, nicht – enthusiastisch, nicht – unilateral. Dies erläutert er an Hand zahlreicher Beispiele. Deshalb würden die Amerikaner tausend Mal stärker als Europa, das „bescheiden“ lebe.

Die Deutschen in diesem Europa

Die Deutsche verträten perfekt die neuen „post – “ oder „nicht – „Tugenden. Selbst sei er in der „Periode der Auto – Flagellation“ aufgewachsen, habe aber sein Positionen überdacht.

In der Diskussion setzt sich Sloterdijk für mehr Lebensfreude ein. Selbst könne er sich viel Positives vorstellen. Stattdessen seien wir Deutsche und Europäer Experten für die „Kommunikation der Sorgen“. Doch gebe es „heimliche Optimisten“, die optimistischer leben als sie schreiben.

Gedankensplitter

Zur Finanzkrise meint Sloterdijk, nur die Pleite könne uns retten. Niemand wisse, wie man aus dem „Ungleichgewicht“ herauskommen könne. Er hält Kredite für ein Mittel, um die Faulheit zu stimulieren.

Doch der Philosoph zieht eine tröstliche Schlussfolgerung: Ein Philosoph, der schweigt, könne als großer „Weiser“ angesehen werden. Das gehe in anderen Berufen nicht.

Die Verabstaltung fand am 24. März 2015 auf Französisch statt.

Text und Bild: Jan Kurlemann

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