Scharfzüngige Satire der Spitzenklasse

Capture d’écran 2014-06-22 à 14.37.42350 Zuschauer ließen sich von ihm frei- und bereitwillig den Kopf waschen: Urban Priol gastierte am 26. Juni 2012 in der Internationalen Deutschen Schule Brüssel (iDSB) mit seinem aktuellen Kabarettprogramm „Wie im Film“. Die Aula war komplett ausverkauft, das Publikum lachte Tränen.

In einem dreieinhalbstündigen Politkabarettmarathon sorgte Urban Priol in der bis auf den letzten Platz ausverkauften iDSB-Aula für Lachsalven und Stirnrunzeln zugleich. Über Kleingeister, Pappnasen und andere Politiker parlierte die „Babbelmaschin aus Aschebersch“ (auf Hochdeutsch Aschaffenburg) dreieinhalb Stunden lang und die Zuschauer lachten sich schlapp. Ob die Hannover-Politpromis, der fliegende Teppichhändler Niebel, der selbsternannte CDU-Jugendschutzbeauftragte Christian von Bötticher, Tortenfan „Fipsi“ Rössler, der BND („Bin nicht da, wenn man mich braucht“ – „…dass die NPD nicht verboten wird ist klar, sonst hätte der Verfassungsschutz keine Mitarbeiter mehr.“) oder immer wieder „Angie“, wie sie läuft und nuschelt – bei Priol bleibt kaum eine oder einer ungeschoren.

Europa in der Krise – Jede Pointe sitzt

Einmal höhlt der begnadete Kabarettist die geistlosen Phrasen unserer Politprominenz scharfzüngig aus. Dann verbeißt er sich in Themen, die ihn maßlos nerven, wie z. B. die ungesehene tagtägliche soziale Ungerechtigkeit und die aufgeblasenen Pseudoproteste selbsternannter Moralapostel. Genüsslich zerkaut Priol die Skandale und Skandälchen von Christian und Karl-Theodor, um schließlich genüsslich sein Lieblings-Hauptgericht Angela Merkel auf lindgrüner Blazerroulade an CDU-Jus zu verspeisen. Bleibt noch Zeit für einen Nachtisch. Dafür greift er tief hinunter in die historische Tiefkühltruhe und serviert Bonmots und geflügelte Worte von Strauß, Stoiber, Schröder und – unvergessen – Wehner.

Was dabei so locker daherkommt, ist politischer Kommentar vom Feinsten. Und selbst das belgische Bier („Da muss das Reinheitsgebot gestorben sein.“), die belgische Befindlichkeit sowie die (von uns nur gefühlten, aber wortakrobatisch auf den Punkt gebrachten) Irren und Wirren der europäischen Hauptstadt Brüssel integriert Priol geschickt in sein Programm. Dabei zeigt er sich als überzeugter Europäer. Die Griechen sollen jetzt haften für vergangene, aber eigentlich in den neunziger Jahren schon vorhersehbare Fehler, die die gleichen Politikergenerationen begangen haben, die jetzt dem Euro kalt lächend den Todesstoß prophezeien.

Beim Stichwort „Abwrackprämie“ kommt Priol so richtig in Fahrt: Die staatlich geförderte Verschrottung verkehrstüchtiger Autos zwecks Wirtschaftsankurbelung – das sollten sich mal aktuell die Griechen erlauben! Dass „Miss Erfolg Merkel“ den europäischen Partnern verweigern wolle, was Deutschland für sich in Anspruch genommen habe – nämlich den Aufschwung auf Pump – das bringt den Künstler mächtig auf die Palme. Daher wäre sein Lieblings-EM-Endspiel gewesen – Strafe muss schließlich sein – „Griechenland gegen Spanien, ein Italiener pfeift und die Kanzlerin muss zuschauen.“

Priol fühlt sich „Wie im Film“

Wo hat der Mann nur all seine Ideen her? Mit einem weinenden – aber zwinkernden – Auge rauft er sich das wirre Haar über die gegenwärtige Tigerentenkoalition, die ihn als Kabarettisten ja eigentlich arbeitslos mache, denn „die schreiben mein Programm glatt selber.“ Auch das Showbizz bekommt sein Fett weg. Schließlich drohe eine nicht hinzunehmende Schändung der Kultsendung „Tatort“ in Person von Nuschelkönig Til Schweiger: „Schweiger ertrage ich nur in ‚Inglourious Basterds‘. Da hat er drei Sätze und dann wird er erschossen.“

Was tun in einem Land, in dem man sich nur noch fühlt „Wie im Film“, in dem täglich das Murmeltier grüßt? Priols kreativer Vorschlag am Ende seines Kabarettmarathons: Das System beschäftigen, damit die Zeit fehlt, verheerenderen Unsinn zu treiben. Man stelle sich zum Beispiel einmal vor, die Reichen eilten in Scharen aufs Finanzamt und wollten einfach freiwillig mehr Steuern bezahlen? Ob es geklappt hat? Das wird die nächste Kopfwäsche von und mit Urban Priol zeigen.

Foto: Tanya Wittal

 

Autor: Christine Kopp & Tanya Wittal

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