Sag mir, wo die Frauen sind

12.02.2012aWieder mal Weltfrauentag, eine Gelegenheit zur Spurensuche. Ein Spaziergang durch die Straßen und Gassen Brüssels ist wie ein Ausflug in die Geschichte Belgiens. Viele der Straßennamen erinnern an bedeutende Ereignisse der Vergangenheit, an Zünfte und Berufe oder an berühmte Männer. Aber, so fragt sich vielleicht mancher Spaziergänger: Wo sind die Frauen? Wo sind die Straßen, die Frauennamen tragen? Gab es denn keine bedeutende weibliche Persönlichkeit in der Geschichte der belgischen Hauptstadt?

Aber selbstverständlich gab es sie. Viele Frauen haben eine wichtige Rolle gespielt, aber sie wurden eben immer nur am Rande erwähnt. Sie verschwanden sozusagen hinter der gewichtigen Bedeutung der Männer. Da die Geschichtsbücher hauptsächlich von großen Taten und Werken männlicher Persönlichkeiten berichten, kann man sich erklären, warum so wenige Straßen nach Frauen benannt wurden. Aber es gibt sie.

Unter deutscher Besetzung

In der Rue Edith Cavell 32, in 1180 Uccle finden wir eine weithin bekannte belgische Klinik. Die Namensgeberin, eine hochqualifizierte englische Krankenschwester, wurde 1907 nach Brüssel eingeladen, um dort nach dem Vorbild von Florence Nightingale eine Schule für Krankenschwestern zu leiten. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Schule in ein Rotkreuz-Lazarett umgewandelt. Soldaten aller Nationalitäten fanden dort Hilfe. Auch nach dem deutschen Einmarsch in Brüssel durfte die „feindliche Ausländerin“ dort weiter wirken, doch in der Klinik wurden auch versprengte alliierte Soldaten versteckt und mit falschen Papieren über Gent durch die neutralen Niederlande nach England geschleust. Cavell wird verhaftet, sie gibt ihre Taten zu. Am 12. Oktober 1915 wurde Edith Cavell wegen Hochverrats standrechtlich erschossen.

Rettung jüdischer Kinder

Nach langem Suchen fällt ein weiterer weiblicher Straßenname auf und zwar in der Nähe der Rue Antoine Dansaert (Zentrum Börse). Es ist die Rue Yvonne Jospa/Rue Yvonne Jospastraat. In dieser Straße gibt es seit einigen Jahren einen Spielplatz für Kinder. Doch was ist schon das Besondere an einem Spielplatz in dieser Straße mit dem weiblichen Namen? Dahinter steht die Geschichte einer Frau, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um Kindern zu helfen.

Yvonne Jospa hatte sich während des zweiten Weltkrieges für die Rettung jüdischer Kinder eingesetzt und sich um diese aufopfernd gekümmert. Mehr als 3000 Kindern hat sie verholfen, sich in Waisenhäusern oder katholischen Einrichtungen zu verstecken. Ihr Ehemann gründete im Jahre 1942 das Comité de Défense des Juifs. In den sechziger Jahren gründete Yvonne Jospa die MRAX, Mouvement contre le racisme, l’antisémitisme et la xénophobie/Bewegung gegen den Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Yvonne Jospa starb im Jahre 2000. Die feierliche Einweihung der Straße, die ihren Namen trägt, fand zu Beginn 2003 statt. Am 3. Februar 2003 wäre Yvonne Jospa 93 Jahre alt geworden.

Erste Frau an der Académie Française

Der nächste weibliche Straßenname ehrt das Andenken an die Schriftstellerin Marguerite Yourcenar. Präziser gesagt geht es hier um keine Straße, sondern um eine Passage, die Passage MargeriteYourcenar, die zum Park Egmont führt. Die 1903 in Brüssel geborene Schriftstellerin wurde berühmt durch ihren Roman „L’Oeuvre au Noir“. Zitate aus diesem Werk sind in der Treppe im Park Egmont eingraviert. Sie war die erste Frau, die im Jahre 1980 in die Académie Française aufgenommen wurde. Marguerite Yourcenar war überzeugte Vegetarierin. Ihr Motto: «Les animaux sont mes amis et je ne mange pas mes amis». «Die Tiere sind meine Freunde und ich esse meine Freunde nicht».

Fündig wird man leichter, wenn man die Suche nach Straßennamen auf weibliche Mitglieder der belgischen Monarchie bezieht, vor allem auf „La Reine Astrid“. Ein Blick zurück: 1934 verunglückt König Albert I. bei einer Kletterpartie, ein Jahr später stirbt seine vom Volk verehrte Schwiegertochter, Prinzessin Astrid, bei einem Autounfall in der Schweiz – am Steuer des Wagens hat Alberts Nachfolger, sein Sohn Leopold III. gesessen. Eine Tragödie.

Auf der 2-Euro-Gedenkmünze werden zwei Frauen, die eine große Rolle in der belgischen Frauenbewegung gespielt haben, dargestellt – Marie Popelin und Isala van Diest.

Und schließlich gibt noch es Plätze und Straßen, die nach Ausländerinnen benannt wurden. In Anderlecht finden wir den Square Marie Curie zu Ehren der französischen Physikerin, und am Brüsseler Südbahnhof die Allée Rosa Luxemburg.

Sibylle Schavoir

Tags: Brüssel

2 Kommentare

  1. Renate Kohl-Wachter schreibt:

    Danke, liebe Sibylle Schavoir, für diesen Beitrag! Ich möchte nur noch hinzufügen, dass Frauen nicht „einfach so“ vergessen wurden. Es ist schon auf eine aktive Diskriminierung zu Lebzeiten zurückzuführen, dass ihre Existenz oftmals nicht viele Spuren hinterlassen hat. Zynischerweise haben die Kriege des 20. Jahrhunderts, während derer Frauen in Lazaretten oder Munitionsfabriken arbeiten und Busse chauffieren durften, für die Gleichberechtigung mehr getan als es ein gut gemeinter Weltfrauentag kann.

  2. Nicole Montigny-Milling schreibt:

    Ich habe viel gelehrt, danke Sibylle…Schön dass du das alles bemerkt und analysiert hast! Wie reich! Nicole

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