Projekt deutschsprachiges Altersstift

Capture d’écran 2014-06-22 à 19.15.04Früher zog es viele Menschen, die lange Zeit in Brüssel für die EU oder die Wirtschaft tätig gewesen waren, nach Ende ihrer Dienstzeit in die alte Heimat zurück oder zu neuen Ufern hin. Heute möchten viele dort bleiben, wo sich seit Jahren ihr Lebensmittelpunkt befindet – beispielsweise in Brüssel.

Dafür gibt es viele Gründe: Deutschland hat sich verändert und ist für diese Menschen nicht mehr das Land, das es in der Jugend, während des Studiums oder der ersten Berufsjahre gewesen ist. Die Kinder der europäischen Familien  – falls vorhanden – wollen auch nicht unbedingt in Deutschland leben, sondern irgendwo in der großen, weiten Welt verstreut. Und viele Ältere sind alleinstehend: die einen haben den Lebenspartner verloren, die anderen nie einen gefunden. Und so gehen inzwischen immer weniger Seniorinnen und Senioren deutscher Muttersprache aus Belgien nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz zurück.

So weit, so gut. Aber was passiert, wenn sich der eine oder andere nicht mehr selber versorgen kann und sich die Frage nach einem Heimaufenthalt stellt? Gewiss, es gibt in Brüssel viele Heime, für jeden Geldbeutel, für jeden Geschmack. Aber noch fehlt ein deutschsprachiges Betreuungsangebot für ältere Menschen und da sich die Sprachkompetenz im Alter als erstes zurückbildet, ist das ein großes Manko. Je älter der Mensch, so eine Schlüsselweisheit, desto wichtiger wird die Muttersprache und umso unwichtiger die angelernte.

Der erste Versuch

Die deutschsprachige evangelische Kirche Belgiens ist sich dieses Mankos sehr bewusst, und das nicht erst seit heute. Bereits vor 12 Jahren wurde ein erster Versuch gestartet, ein deutschsprachiges Seniorenstift kirchlichen Charakters zu gründen. Damals kam man allerdings über die ersten Projektvorstellungen nicht hinaus, unter anderem deshalb, weil es noch eine zu große Rückkehrbereitschaft gab. Das hat sich geändert.

Seit gut einem Jahr ist das Projekt Altersstift Thema des Presbyteriums der Kirche. Jetzt wurde der Beschluss gefasst, dieses Projekt ernsthaft zu verfolgen. Die Evangelische Kirche wird nicht der Träger sein, weil sie als eingetragener Verein nach belgischem Recht (asbl) nicht gewinnorientiert arbeiten darf. Jetzt wird ein Träger gesucht, der gerne auch ein kirchlicher sein darf, aber nicht muss.

Das Konzept der Kirche ist ehrgeizig. Interaktives Leben und Erleben sollen möglich sein. Das künftige Seniorenstift, idealiter innerhalb des Brüsseler Autobahnrings gelegen, soll mit Schwimmbad, Golf- und Tennisplatz sowie einem großen Garten oder Park ausgestattet werden. Ob ältere Menschen, die noch sportlich aktiv sind, dieses Angebot brauchen oder nutzen werden, wird sich zeigen.

Mit Hotelanbindung

Die geplante Einrichtung soll nicht nur betreutes Wohnen, sondern auch Vollpflege und Hospizbetreuung in den eigenen vier (Stifts-)Wänden anbieten. Aber das Stift soll mehr sein, als eine Betreuungseinrichtung für ältere Menschen. Brüssel habe kein behindertengerechtes Hotel, so Pfarrer Cierpka im Gespräch mit belgieninfo, und ein solches solle deshalb an das Altersstift angegliedert werden. Neben einem kirchlichen Träger wird deshalb auch nach einem weltlichen Hotelträger gesucht. Die Lobby von Hotel und Stift sollen gemeinsam genutzt werden. Gedacht ist auch an die Ausrichtung von Kongressen; hier könnte dann auch die Kompetenz des einen oder anderen als „Senior Advisor“ genutzt werden.

Apropos Senior Advisor: das Altersstift soll auch einen Beitrag für die Ausbildung leisten – zum Beispiel in der Gartenarbeit. Ratschläge älterer Menschen mit grünem Daumen wären dann sehr erwünscht.

Das Hotel wird nach den bisherigen Plänen behindertengerecht ausgebaut, aber man wünscht sich als künftige Besucher auch die Enkel und Kinder der Stiftsbewohner. Andererseits ist es durchaus denkbar, dass Kinder oder Enkel, die voll im Berufsleben stehen und in Deutschland pflegebedürftige Angehörige haben, diese in das Altersstift nach Brüssel holen können.

„Es wird teuer“, gibt Pfarrer Cierpka unumwunden zu. Das Stift dürfe aber nicht nur für EU-Pensionäre offen stehen, sondern auch für Bedürftige. Geplant ist deshalb die Gründung einer Stiftung, wenn möglich noch in diesem Jahr. Wer in die Stiftung regelmäßig einzahlt, kann sich damit dann auch für spätere Zeiten ein Wohnrecht sichern. „Wenn wir nicht scheitern, sollte das Projekt bis zum Sommer 2010 umsetzungsreif sein“, so Cierpka. Und im Jahr 2012/13 sollten dann die ersten Pensionäre in das Stift einziehen können.

Mindestens 40 Wohneinheiten

Doch vorher sind noch viele Details zu klären. Das beginnt schon beim Bedarf. Unter 40 Wohneinheiten sei ein solches Projekt nicht vorstellbar. Wenn weniger Menschen eine dauerhafte Betreuungsmöglichkeit suchen würden, dann müsste man sich andere Modelle überlegen, beispielsweise eine betreute Seniorenwohngemeinschaft.

Wer sich – in welcher Form auch immer – für das Projekt Altersstift interessiert, möge bitte sein Interesse und seine Bedürfnisse bei der Evangelischen Kirche oder belgieninfo bekunden. Ich jedenfalls könnte mir gut vorstellen, einen solchen Ort, der mir die Möglichkeit des Begegnens und des Ausweichens gewährt, als Altersruhesitz zu wählen.

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