Postkunden sollen Pakete selbst abholen

Von Michael Stabenow.

Wer in einem Brüsseler Mietshaus wohnt, hat sicher schon häufiger erlebt, dass Briefkästen eher als Dekoration zu dienen scheinen: Briefe aus der gesamten Umgebung finden sich auf einer zentralen Ablage irgendwo im Hausflur. Wenn man Glück hat, stimmt wenigstens die Adresse und man ist gehalten, seine Post selbst aus dem Stapel rauszusuchen. Man kann nur hoffen, dass andere auch lediglich die zu ihnen gehörigen Sendungen mitnehmen. Das Modell soll nun offenbar ausgebaut werden.

Zur Erinnerung: seit dem Frühjahr wird die traditionelle Briefpost nicht mehr täglich ausgeliefert. Unter anderem wurde dies damit begründet, dass wir nicht mehr so eifrig frankierte Briefe in die Postkästen werfen und uns lieber auf die Segnungen des schnellen Internets verlassen wollten. All das hinderte die Post freilich nicht daran, das Briefporto abermals zu erhöhen. Nicht wenige, selbst inländische Sendungen, sind inzwischen tagelang unterwegs.

Dann kam Corona – und die Post gehörte plötzlich zu den wenigen Nutznießern der Pandemie. In Zeiten des zunehmend florierenden Online-Handels liefern tausende Bedienstete in den weißen Bpost-Lieferwagen mit roter Aufschrift täglich mehr als 500.000 Päckchen und Pakete aus. Allein für das zweite Quartal vermeldete sie einen Zuwachs des Liefervolumens um 78 Prozent. Und mit dem anstehenden Weihnachtsgeschäft dürften alle Rekorde gebrochen werden.

Für Bpost-Vorstandschef Jean-Paul Van Avermaet sieht das mit gespaltenen Gefühlen. Tatsächlich scheint die gute alte Post dem diesjährigen vorweihnachtlichen Ansturm der Online-Kundschaft nicht gewachsen zu sein. Wie belgische Medien berichten, will sich das Unternehmen aber nicht einfach in dieses Schicksal fügen. So kündigte Van Avermaet an: „Bpost möchte selbstverständlich in vollem Umfang ihre Schlüsselrolle in der Wirtschaft erfüllen, und wir entwickeln daher eine ganze Reihe kreativer Lösungen.“

Dann ließ das Unternehmen gewissermaßen die Katze aus dem Postsack. Als Teil dieser „kreativen Lösungen“ werden von diesem Montag an nicht mehr alle Sendungen an die Haustür geliefert. Stattdessen soll ein Teil – die Rede ist von „höchstens fünf Prozent“ der Pakete – vorübergehend von den Kunden selbst abgeholt werden. Dazu sollen sich nicht allein in die Postämter, sondern auch in Filialen der Sportartikelkette Decathlon begeben. Vielleicht meint man, dies gehe dann mit mehr körperlicher Betätigung einher.

Die Post sei sich darüber im Klaren, dass all dies einen Mehraufwand für die Kunden bedeute, gestand Van Avermaet zu. „Aber ich bin davon überzeugt, dass dies eine solide Lösung ist, die es den Kunden ermöglicht, rechtzeitig ihre Päckchen zu erhalten“, erklärte der Bpost-Chef.

Ob dies die nicht mehr so ganz geschätzte Kundschaft ähnlich sieht, mag dahinstehen. Auf die Barrikaden gestiegen ist auf jeden Fall der Dachverband des belgischen Einzelhandels (Comeos). „Dies ist doch nicht mehr seriös“, schimpfte Hauptgeschäftsführer Dominique Michel. Habe die Regierung nicht zuletzt abermals viele Geschäfte geschlossen und die Menschen dazu aufgerufen, über das Internet einzukaufen? Nun zeige sich, dass die – mehrheitlich nach wie vor im staatlichen Besitz befindliche – Post ihrer Aufgabe nicht mehr in vollem Umfang nachkommen könne und daher die Kunden dazu zwinge, Päckchen selbst abzuholen. „Wir fragen uns“, so wetterte der Comeos-Spitzenvertreter, „was als nächster Schritt kommt. Dass die Kunden ihre Päckchen in den Paketzentren selbst sortieren müssen?“

Wenig amüsiert zeigte sich auch die für den öffentlichen Dienst zuständige Ministerin Petra De Sutter. Im Fernsehsender VRT sagte die Grünen-Politikerin, sie habe Bpost aufgefordert, die Entscheidung zu überdenken und nach anderen Lösungen zu suchen. Mit einer Antwort sei in den kommenden Tagen zu rechnen, sagte De Sutter.

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