Politisches Kabarett unter dem Motto „Wir sind Charlie“

Zum dritten Mal organisierte der Ortsverein Brüssel der SPD ein öffentliches Neujahrskabarett für alle Interessierten. Auf dem Programm stand diesmal die „Jahresendabrechnung“ des Kölner Kabarett-Ensembles „Schlacht-Platte“, zu dem sich die fünf Künstler Robert Griess, Jens Neutag, Adrian Engels, Markus Riedinger und Matthias Reuter zusammengeschlossen haben.

Schweigend erhob sich das Publikum nach den Begrüßungsworten des Gastgebers Özgür Öner zu einer Gedenkminute und gedachte der Mitarbeiter von Charlie Hebdo und der anderen Opfer der terroristischen Anschläge in Frankreich am selben Tage. „Nous sommes Charlie“ war auf der Bühne im Hintergrund zu lesen, während das Ensemble im fliegenden Wechsel politisches Kabarett der Spitzenklasse anbot.

Ti-Tip

2014 – was für ein Jahr! Gedenkjahr des Ersten Weltkrieges und selbst ein Jahr des Krieges. Und das vor „progressiven Hedonisten“ als „Deutschlands letztem Exilaufgebot“. So charakterisierten die Kabarettisten das Publikum. Ein Krieg – mit „geistigen Tieffliegern“ der Pegida-Organisation, mit Kanzlerin Merkel im Vordergrund, die grade SMS verschickt.

Geschenke gab es vor Jahresende – ein passendes Uli-Hoeness-Streetwear und – viel größer – das „Ti-Tip-Freihandesabkommen“, ein Rammbock für unternehmerische Freiheit. Aber mit Hühnchen wie in den USA: Chlor-Chicken aus dem Pool von Kentucky Fried Chicken „Freischwimmer“.

Und das alles – wie Robert Griess verdeutlicht – im Jahre sechs nach der Finanzkrise im Zeichen der Betriebswirtschaftler („BWLer“), allerdings nun mit einem Steuerberater als Chef der Europäischen Kommission.

Wovor hat Europa am meisten Angst? Vor freien Wahlen in Griechenland. (Die haben ja nun stattgefunden.) Und die Medien betreiben Populismus. Zwar hat Deutschland den dritten Platz im Waffenexport, doch Politiker in Deutschland haben wenig Ahnung von Ökonomie, wie die Kabarettisten meinen. Aber: nicht die Straße den Pegida-Volldeppen überlassen.

Alle bekommen ihr Fett

Alle Fünf versuchen sich an „Prolligen Parolen für Protestwähler“ („Heil Hitler? Jetzt nicht.“) AFD: „Damit die Ausländer Ausländer bleiben“, und das vor einem Publikum aus Ausländern in Belgien. Und Deutschland? Eine Postdemokratie, in der Lobbyisten über die Gesetze mitentscheiden. Politiker gehen in die Wirtschaft und werden Lobbyisten – Niebel, Pofalla, Beck und der „Putinator“ Gerhard Schröder.

Neun Jahre ist Kanzlerin Merkel im Amt. Sagt nichts, macht nichts. Hypnose führt zur Narkose. Aber man kann sich zu 100 Prozent auf sie verlassen? 25 Jahre nach der deutschen Einheit wird Deutschland aus Meck-Pomm reagiert. Wer hätte das gedacht? Eine Pfarrerstochter und ein Pfarrer. Und der Pianist fordert mehr Oktoberfeste, Im Ruhrgebiet gibt es erst acht.

Steuerhinterziehung überzieht das Land wie eine Grippewelle. Uli Hoeneß, Middelhoff, Theo Sommer und Alice Schwarzer. Wird die Elite immer krimineller oder wird sie nur deshalb Elite, weil sie kriminell wird? Das fragt sich das Fünfer-Kabarett. Und die Talkshow-Abonnenten Rainer Geissler, Arnulf Baring und Edmund Stoiber. Letzterer als Sonderberater der EU-Kommission. Körperwelten?

Vor zwei Jahren war die Schlachtplatte schon einmal in Brüssel. Die Reaktion der Künstler auf den Auftritt 2015: Wir kommen gerne wieder. Das wünschte das Publikum auch.

Weiteres unter www.schlacht-platte.de

Jan Kurlemann

Tags: Kabarett

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