Plädoyer für eine neue politische Kultur

Von Wahlversprechen, Arroganz und wehrlosen Bürgern

 

Die Impasse, in die sich flämische und frankophone Politiker hineinmanövriert haben, übersteigt wieder mal jedes Fassungsvermögen.

 

In Flandern scheint wirklich niemand, bevor die großen Wahlversprechen gemacht wurden, darüber nachgedacht zu haben, dass es für eine Verfassungsänderung einer Zweidrittelmehrheit bedarf und dass die Spaltung von BHV den Flamen nichts und den Frankophonen des Brüsseler Rands hingegen viel bringen könnte: Eine Spaltung des Wahlkreises würde die überwiegend französischsprachige Bevölkerung zu einer Sprachminderheit machen, die Flandern durch europäische Bestimmungen, die es ratifiziert hat, zu schützen verpflichtet wäre. Das bedeutet noch viel mehr politische und kulturelle Rechte, als heute der Fall ist. Und vor allem (was noch niemand der flämischen Bevölkerung zu sagen gewagt hat): Es würde keineswegs bedeuten, dass frankophone Wahllisten aus der flämischen politischen Landschaft verschwänden. Und weiter: Den Preis für die Spaltung von BHV hätten die niederländischsprachigen Brüsseler zu zahlen, die dann aller Wahrscheinlichkeit nach einen Teil ihres begünstigten Status einbüßen würden.

 

So kann das nicht ewig weitergehen

 

Andererseits führt die Arroganz frankophoner Politiker und großer Teile der frankophonen Bevölkerung mit eben derselben Sicherheit zu einer weiteren Spaltung des Landes. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges ändert. Neulich noch berichtete die Zeitung Le Soir, die man schwerlich des Flamingantismus verdächtigen kann, dass 71 Prozent der Flamen Französisch könnten, während nur 31 Prozent der Frankophonen niederländischkundig seien. Viele Arbeitsstellen in Flandern bleiben unbesetzt. Arbeitslose aus der Wallonie, die die nötigen Qualifikationen besitzen, bewerben sich nicht, weil sie dann Niederländisch lernen und sprechen müssten. Bestimmte französischsprachige Politiker lügen ihrer Bevölkerung vor, dass das so ewig weitergehen könne. Arbeitet, liebe Flamen, zahlt und schweigt – und solltet ihr doch etwas Sinniges zu sagen haben, so bitte auf Französisch, von eurem Dialekt verstehen wir ja nichts.

 

Ist Ihnen schon aufgefallen, wie oft einem auf frankophoner Seite die Geschichte der vielen flämischen Dialekte aufgetischt wird, die jegliches Niederländischlernen unmöglich und sinnlos machen sollen? Regelmäßig veröffentlichen französischsprachige Medien Leserbriefe in diesem Sinne – neulich noch Télémoustique. Natürlich gibt es in Flandern, wie in ganz Europa, Dialekte. Aber ist das ein Grund, hochnäsig an der niederländischen Hochsprache vorbeizuschauen? Spricht denn jeder Wallone wie Voltaire? Die Frankophonen sollten, wenn ihnen so an Belgien gelegen ist, wie sie behaupten, endlich akzeptieren, dass Niederländisch eine Kultursprache ist, die es sich zu lernen lohnt. Auch sollten sie sich von der Wahnidee lösen, dass sie entgegen dem Willen von 60 Prozent ihrer Landsleute ohne Weiteres ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen und jedwede Reform blockieren könnten.

 

Visionen, die man nicht umsetzen kann

 

Gegen solchen Unsinn auf beiden Seiten der Sprachgrenze erscheint die belgische Bevölkerung besonders wehrlos. Politische Kultur von Format tut not. Flämische Politiker verkaufen ihrem Wahlpublikum eine Vision, von der sie wissen müssen, dass sie in absehbarer Zukunft nicht umzusetzen ist; frankophone Politiker scheinen für ihre Bevölkerung nur rückwärtsgewandte Visionen entwickeln zu können. Armand De Decker, Bürgermeister von Uccle und ehemaliger Senatsvorsitzender, verordnete vor einigen Wochen, dass in den Schulen seiner Gemeinde die Nationalhymne zu lernen sei. Indem sie die Brabançonne singen könnten, zeigten Frankophone ihre Verbundenheit mit Belgien, verkündete De Decker großspurig im Radio – und übersah somit wieder einmal glatt seine niederländischsprachigen Mitbürger.

 

Seit Jahrzehnten werden die französische Gemeinschaft und vor allem die Wallonische Region von Miss- und Vetternwirtschaft erdrückt und immer wieder von Skandalen erschüttert. Anstatt einmal richtig vor der eigenen Tür zu kehren und auf Bildung sowie auf demokratische Erziehung zu setzen, setzt die frankophone politische Elite seit Jahrzehnten auf die Brabançonne und ähnlich leere Symbolik und wirft den Flamen ihren angeblichen Separatismus vor. Und suhlt sich in der Illusion, dass der König als antiseparatistischer Schutzwall ausreichen wird, wenn die Flamen den Immobilismus erst richtig satt haben. Das ist Unsinn.

 

Von  Philipp Bekaert

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