Passion, Funktion, Schönheit

Die vier Wochenenden der Brüsseler Biennale sind vorüber. Die belgische Hauptstadt hat mit Stolz zur Kenntnis genommen, dass wieder einmal alle verfügbaren Termine ausgebucht waren. Hausbesitzer, Denkmalbegeisterte, Bewohner oder Verwalter emblematischer Jugendstil- oder Art-deco-Gebäude hatten sich zusammen getan, um diese Kunststätten ins rechte Licht zu setzen und wenigstens für einige Tage der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Doch noch ist nicht alles vorbei.

Anlässlich des 150. Geburtstags von Henry van de Velde zeigt das Jubelparkmuseum bereits seit dem 13. September 2013 und noch bis zum 12. Januar 2014 die Ausstellung „Henry van de Velde – Leidenschaft, Funktion und Schönheit“. Passend zur Biennale werden die Arbeiten eines Künstlers gewürdigt, der neben Victor Horta einer der Hauptvertreter des Jugendstils war. Bei den über 500 Kunstwerkenhandelt es sich bei einigen um absolute Meisterwerke, weil sie Funktionalität und Schönheit perfekt kombinieren. Dazu zählt sicher auch das Paar Kerzenleuchter aus der Sammlung des Jubelparkmuseums.

Keine Frage, die Brüsseler Ausstellung präsentiert gewiss ein Gesamtbild der künstlerischen Karriere Van de Veldes, setzt aber dabei Akzente, die hier und da zu hinterfragen sind. In 19 abgeschlossenen Themenblöcken wie „Einige der deutschen Kunden“, „Bloemenwerf, die Villa der van de Veldes“, „Häuser, Theater, Denkmäler“, „Die angewandte Kunst in Deutschland und Österreich“ und „Memoiren“ präsentieren die Ausstellungsmacher unter der Federführung von Prof. Dr. Werner Adriaenssens dem Besucher ein buntes Kaleidoskop zur Biographie des Architekten und Designers Van de Velde.

Offen sollte das Ausstellungskonzept sein, so verrät Adriaenessens auf Nachfrage. „Er hasse kleine Kabinette und eine direkte Besuchersteuerung durch kleinschalige Ausstellungspräsentationen.“ fügte der Kurator für dekorative Kunst des 20. Jahrhunderts an. Doch dabei übersieht er, dass die Struktur der Schau durch das Raumprogramm des Jubelparkmuseums vorgegeben ist.

Malerei, Design und …

Ein schlauchartiger Raum empfängt den Besucher zu Beginn. Etwas verloren wirken zwei Silberleuchter, die so recht nicht der zündende Aufmacher sind. Dass es sich bei diesen Exponaten um die ersten Ankäufe von Entwürfen Van de Veldes durch das Museum handelt, erfährt der Besucher beim Lesen des entsprechenden Textes. Doch die Irritation bleibt, denn zu Beginn der Schau wird der Fokus nicht auf den Designer, sondern auf den Maler Van de Velde gelenkt, der durch die Schule von Barbizon, aber auch durch den Neoimpressionismus und Pointilismus beeinflusst wurde.

Capture d’écran 2014-09-27 à 11.25.39Dass Van de Velde in seinen Möbelentwürfen letztlich dem Zeitgeist folgte, unterstreicht das ausgestellte Buffet von Edward William Godwin, der funktional entwarf und sich von der Lackkunst in Japan anregen ließ. Zurückgenommen in den schwungvollen Linien gestaltete hingegen Gustave Serrurier-Bovy seine Möbel, wie ein entsprechendes Exponat unterstreicht. Vegetabile Formen finden sich hingegen bei Victor Hortas kreisscheibenförmigem Schreibtisch. Van de Velde schuf stattdessen seine eigene, in Abgrenzung zu Horta sehr dezente Linie, wie man dies auch an einem eleganten mit Leder bezogenen Stuhl sehen kann.

Dass man auch Glasarbeiten von Louis-Léon Ledru ausstellt, hängt damit zusammen, dass Van de Velde voller Hochachtung für dessen Arbeit war und sie ganz im Sinne seiner Linie gestaltet sah. Er selbst hat niemals in Glas gearbeitet. Allerdings hätte es in diesem Kontext genügt, ein oder zwei Entwürfe Ledrus beispielhaft zu zeigen und nicht eine gesamte Vitrine den Glasarbeiten der Cristalleries du Val-Saint-Lambert zu widmen.

Villa Bloemenwerf

Dass einer der „Juwelen“ der Arts- & Crafts-Bewegung ein eigenes Kapitel vorbehalten ist, versteht sich fast von selbst: Es handelt sich dabei um Van de Veldes Wohnhaus Bloemenwerf in Ukkel, das zurzeit zum Verkauf angeboten wird. Die ursprüngliche Inneneinrichtung dieser Villa ist in alle Winde verstreut worden. In der üppig bestückten Brüsseler Schau ist jedoch aus dem Museum für Gestaltung in Zürich nun der Esstisch nebst Stühlen aus dem Haus Bloemenwerf zu sehen,

Zum Abendessen im Haus Van de Velde

Capture d’écran 2014-09-27 à 11.25.47Wirklich gelungen ist die Schau im Kernbereich, in dessen Zentrum eine gedeckte Tafel für eine fiktive Abendgesellschaft im Hause Van de Velde steht. Prof. Dr. Werner Adriaenssens bemerkte über diesen Blickfang, dass Van de Velde sich nie eine solche Ausstattung mit dem von ihm entworfenen Geschirr und Besteck hätte leisten können. Üppig ist die Tafel mit Jardinieren, Kerzenleuchtern, Austerngabeln, Pastetenhebern und Hummergäbelchen gedeckt. Das Porzellan mit Van-de-Velde-Linien-Dekors stammt aus Meißen, das Bestecksilber von Koch&Bergfeld aus Bremen. Eingeladen zum fiktiven Dinner sind unter anderem Königin Elisabeth von Belgien, Harry Graf Kessler, Kunstsammler, Mäzen, Jurist und ehrenamtlicher Leiter des Weimarer Museums für Kunst und Gewerbe und der Gründer der Tropon-Werke Hans Eberhard Freiherr von Bodenhausen – alle Personen aus dem Umkreis Van de Veldes.

Großbürgerliche Wohnkultur

Von dieser zentralen Inszenierung aus kann der Besucher durch die angrenzenden Bereiche und Themen flanieren, sich dabei selbst seinen Weg suchen. Angezogen wird der Besucher bei seinem Rundgang vor allem durch die Ausstellungsinseln, die Teile von Innenausstattungen ansprechend präsentieren. Da Van de Veldes Kunden dem begüterten Bürgertum entstammten, wundert es nicht, dass die Materialien für die Möbel hochwertig waren. Mahagoni, Marmor und Messing kamen auch zum Einsatz, als der Herrensalon des Berliner Hoffriseurs François Haby im Jahr 1900 konzipiert wurde.

Dass fast zeitgleich andere Designer zu anderen nicht gar so schwungvollen und eher kühl-funktionalen Designs kamen, unterstreichen die Vitrinenschränke von Patriz Huber, die aus Zitronenbaumholz und versilberter Bronze gefertigt wurden. Auch Josef Hoffmann, der Schöpfer des Brüsseler Stocletpalais, ist mit seiner „Sitzmaschine“ zu sehen. Aus Rotbuche fertigte die Weimarer Kunsttischlerei Scheidemantel für Van de Velde ein weiß lackiertes Beistelltischchen und ein weiß lackiertes, gelb bezogenes Sofa aus Ahornholz.

Capture d’écran 2014-09-27 à 11.25.55Die Stärken der Ausstellung liegen genau in diesen Inszenierungen eines großbürgerlichen Wohnambientes. Das gilt auch für das Esszimmer aus der Wohnung der Familie Wolff. Nicht Teak oder Mahagoni wurden dabei als Materialien verarbeitet, sondern Palisanderholz nebst Messing und Leder. Dass ein solches Ambiente auch immer ein Gesamtkunstwerk war und ist, hat man in der sehenswerten Schau dadurch unterstrichen, dass man zu dem Esszimmer Skulpturen des Bildhauers Aristide Maillol – so „Zwei kämpfende Frauen“ und „Kniendes junges Mädchen“ – hinzugesetzt hat. Auf einer Anrichte sieht man zudem Van de Veldes Kandelaber.

Das Spätwerk

Überrascht mag der eine oder andere Besucher sein, wenn er die Ausstattung des Büros von Leopold III. zu Gesicht bekommt. Wie diese Inneneinrichtung so stammt auch die Ausstattung der 3.Klasse der Belgischen Staatsbahn aus der Hand Van de Veldes. Mit diesen Arbeiten tritt der Besucher dem Spätwerk des Multitalents gegenüber, dessen Memoiren fünf Jahre nach dem Ableben erstmals veröffentlicht wurden und zeigen, in welcher Weise der Künstler seine Arbeiten und die seiner Zeitgenossen reflektierte.

 

Henry Van de Velde – Passion, Funktion, Schönheit.

Bis 12. Januar 2014.

Ferdinand Dupuis-Panther

© Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther, für die Werke von Van de Velde: SABAM Brüssel 2013/2014.

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