Musik von hypnotisierender Kraft

alamireVon Marion Schmitz-Reiners.

Im 15. und 16. Jahrhundert waren die ehemaligen „spanischen Niederlande“ – das heutige Belgien und Nordfrankreich – eine Brutstätte revolutionärer Komponisten. Gefördert von den burgundisch-habsburgischen Fürsten erschufen sie die „polyphone Musik“. Dass die mehrstimmigen Chorsätze schnell ganz Europa eroberten, war vor allem Petrus Alamire zu verdanken, der die Kompositionen in seiner Antwerpener Schreibwerkstatt vervielfältigte. Nun ist ihm in der dortigen Kathedrale eine eindrucksvolle Ausstellung gewidmet.

Petrus Alamire wurde um 1470 als Peter Imhof in eine Nürnberger Kaufmannsfamilie hineingeboren. Schon in jungen Jahren zog er in die „spanischen Niederlande“, in der mehrere Generationen von Komponisten eine ganz neue Musik geschaffen hatten: Genies wie Guillaume Dufay, Gilles Binchois, Johannes Ockeghem oder Josquin de Préz hatten die mehrstimmige oder „polyphone“ Musik erfunden.

230815_Alamire_2Diese Musik hatte sich aus der einstimmigen gregorianischen Musik entwickelt. Die Komponisten schrieben ihre Stücke nun für fünf und mehr Stimmen, die alle gleichberechtigt waren: vom Contratenor – Frauen sangen nicht in der Öffentlichkeit – bis zum Bass. Die Stimmen konnten sich trennen und auch wieder verschmelzen. Dem hypnotisierenden Effekt erlagen auch die Päpste und die Habsburgerkaiser.

Dazu trug Petrus Alamire bei, der über ein eindrucksvolles Geschick für das Schreiben von Musiknoten verfügte. Im reichen Antwerpen, das gerade sein „goldenes Jahrhundert“ erlebte, gründete er um 1503 eine Werkstatt, in der je drei bis sechs Kopisten, viele davon selber Musiker, die Messen, Motetten und Chansons auf Pergament festhielten. Die Bücher wurden überschwänglich mit Miniaturen und Initialen verziert. Zu den Auftraggebern gehörten Maximilian I. oder der spätere Karl V., der unter anderem Papst Leo X. und der Fugger-Familie ein Chorbuch schenkte, um für seine Krönung zum Kaiser zu werben.

Moderne Ausstellung

Über 850 Kompositionen wurden in der Schreibwerkstatt Alamires kopiert. Überliefert sind sechzig Handschriften, von denen sieben in Belgien aufbewahrt werden. Sie alle werden im mächtigen Chor der Antwerpener Liebfrauenkathedrale gezeigt. Aber die Besucher erfahren dort noch viel mehr.

Auf eine Videowand werden stark vergrößerte Projektionen der Verzierungen der sieben Chorbücher projiziert. Unvorstellbar, mit welcher Präzision die Miniaturmaler ganze Bibelgeschichten auf eine Fläche von wenigen Zentimetern bannten. Diese Illuminationen waren so kostbar, dass sie im Laufe der Jahrhunderte aus manchem Chorbuch herausgeschnitten und als Mini-Gemälde einzeln verkauft wurden; auch dies wird anhand einer geschändeten Seite illustriert.

230815_Alamire_3Es folgen Vitrinen mit den „belgischen“ Chorbüchern. Das kleinste ist gerade einmal so groß wie ein Smartphone, „aber schon 500 Jahre alt“, wie Antwerpens Kulturdezernent Philip Heylen bei der Eröffnung der Ausstellung fein anmerkte; das größte ist, aufgeschlagen, fast ein Meter breit. Derartig monumentale Chorbücher lagen auf einem Pult, um das die Sänger standen, die alle die riesigen Noten lesen konnten.

Speziell für die Ausstellung hat der Klangkünstler Rudi Knoops die Musikinstallation „Speculum Musurgica“ geschaffen. Die Besucher betreten eine Art von Zelt mit sieben, im Kreis angeordneten Filmprojektionen. Ebenso viele Mitglieder des weltberühmten belgischen Huelgas-Ensembles singen mehrstimmige Kompositionen. Wandert man von Lautsprecher zu Lautsprecher, hört man die einzelnen Stimmen. Stellt man sich in die Mitte des Zelts, verschmelzen sie zu einem einzigen, kunstvoll verflochtenen Ganzen. Selbst fundierte Musikkenner werden das Geheimnis der polyphonen Musik selten so eindringlich erfahren haben.

Petrus Alamire starb 1536 in Mecheln. Am Ende seines Lebens hatte seine Gönnerin Margarete von Österreich ihm eine großzügige Rente gezahlt. Sie hatte auch das riesige „Mechelner Chorbuch“ in Auftrag gegeben, das nun in der Kathedrale zu sehen ist. Gerade wurde dort wieder daraus gesungen. Es war, als ob im größten Gotteshaus Belgiens und der Niederlande die vergangenen fünfhundert Jahre nicht stattgefunden hätten.

230815_Alamire_4„Petrus Alamire“, Liebfrauenkathedrale, Handschoenmarkt, 2000 Antwerpen. Geöffnet bis 22. November (In der Regel Mo.-Fr. 10-17 Uhr, Sa. 10-15 Uhr, So. 13-16 Uhr).

• Die Ausstellung ist in das Festival „Laus Polyphoniae“ (Lob der polyphonen Musik) eingebunden, das alljährlich Ende August in Antwerpen stattfindet. Dieses Jahr ist es Alamire gewidmet.

• Der Eintritt zur Ausstellung ist im Eintrittspreis zur Kathedrale (6 €) enthalten. Jedoch empfiehlt sich unbedingt die Ausleihe des Multimediaführers mit vielen Erklärungen und Musikfragmenten (2 €).

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