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Mobility as a Service (MaaS) – ein neues Angebot für bessere Mobilität in Brüssel?

© STIB

Von Reinhard Boest

Die Rahmenbedingungen für unsere Mobilität werden sich in der Zukunft ändern. Die « Verkehrswende » steht überall, auch in Brüssel, auf der politischen Agenda. Dabei geht es nicht nur um die Dekarbonisierung des Verkehrs, also die Ersetzung des Verbrennungs- durch den Elektromotor. E-Autos ändern ja nichts an der Verstopfung der Städte mit ihren negativen Auswirkungen auf die anderen Verkehrsteilnehmer und auf die Lebensqualität in den Städten. Es geht auch um sich wandelnde Bedürfnisse, etwa durch mehr Home-Office als bleibende Erfahrung aus der Covid-Pandemie. Und die stark gestiegenen Treibstoffkosten wirken sich ebenfalls auf die Wahl des Verkehrsmittels aus.

Insbesondere für die Alltagsmobilität in den Städten stellt sich zunehmend die Frage nach Alternativen zum eigenen Auto. Um solche Alternativen zu nutzen, müssen sie nicht nur attraktiv sein; man muss vor allem erst einmal wissen, welche Alternativen es überhaupt gibt und wie man sie nutzen kann: öffentliche Verkehrsmittel, Car- und Bikesharing, Taxis etc.. Inzwischen bestehen weltweit in einigen Städten Informationsangebote, die die verschiedenen Verkehrsmittel in einer einzigen Plattform (App) nutzerorientiert zusammenfassen. Dieses Angebot firmiert unter dem Begriff « Mobility as a service » (MaaS).

Auch in Brüssel soll jetzt ein solches System eingeführt werden. Es gibt digitale Informationsangebote und Buchungssysteme für alle Formen von Mobilität von allen Anbietern: STIB/MIBV, De Lijn, TEC, SNCB/NMBS für die öffentlichen Verkehrsmittel; Villo, Dott, Lime, Billy, felyx und andere für (elektrische) Fahrräder, Roller oder Scooter; Cambio oder Poppy für Carsharing und schließlich verschiedene Taxi-Unternehmen.

Aber bisher werden diese Angebote nur sehr begrenzt zusammengeführt. Zwar kann man sich für die Suche nach einer Verkehrsverbindung etwa auf der Seite der STIB Angebote auch der SNCB oder De Lijn anzeigen lassen. Einen einzigen Fahrausweis zu buchen aber ist nur in engen Grenzen möglich, da es einen Verkehrsverbund weder für die Region Brüssel noch gar für ganz Belgien gibt. Eine Kombination zwischen einem öffentlichen Verkehrsmittel und etwa einem E-Bike oder Roller für die « letzte Meile » zum Ziel ist überhaupt nirgends verfügbar.

Die Entwicklung eines integrierten MaaS-Angebots für die Region Brüssel ist Bestandteil des umfassenden Mobilitätsplans 2020/2030 (« Good Move Brussels »). Schon 2020 hat die Regionalregierung die STIB beauftragt, in Zusammenarbeit mit „Bruxelles Mobilité“, der Verkehrsverwaltung der Region, ein solches Projekt zu entwickeln. Die Umsetzung wurde allerdings durch die Corona-Pandemie erheblich behindert: die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel brach ein, wegen der Angst vor Ansteckung in Bussen und Bahnen, aber auch wegen der amtlich angeordneten Telearbeit. Erst im Herbst 2021 brachte die STIB ein Pilotprojekt auf den Weg, an dem sich 2000 Freiwillige beteiligen. Die Laufzeit war auf neun Monate angesetzt; diese ist eigentlich Mitte 2022 abgelaufen, aber es ist derzeit nicht absehbar, wann (erste) Ergebnisse vorliegen werden. Mehrere parlamentarische Anfragen an die für Mobilität zuständige Regionalministerin Elke Van den Brandt blieben ohne klare Antwort.

Die geplante App mit dem Namen „MoveBrussels“ soll nach den Plänen der STIB die verschiedenen Transportmodi zusammenführen (ÖPNV, Fahrräder, Roller, Fußweg, aber auch Carsharing oder Taxis) und dem Nutzer ein auf sein Profil zugeschnittenes Angebot für seinen konkreten Reisewunsch machen.

Das Pilotprojekt soll die Funktionalitäten der App testen, und zwar auf der Grundlage eines Panels von Personen mit verschiedenen Profilen, um ein Bild von der Nutzung der App und der angebotenen Leistungen zu bekommen.

An dem Pilotprojekt ist je Transportmodus mindestens ein Anbieter beteiligt: STIB, SNCB, De Lijn, TEC für den ÖPNV, Dott (Roller), Villo und Billy Bike (Fahrräder), Cambio (Carsharing) und Taxis Verts. Weitere Anbieter sollen nach und nach integriert werden. Auch Informationen über die Verfügbarkeit öffentlicher Parkplätze für Autos und Fahrräder sollen aufgenommen werden.

Wie soll das Ganze funktionieren?

Der Nutzer muss auf der Plattform zunächst ein Konto mit den wichtigsten Informationen einrichten: Wohn- und Arbeitsort, aber zum Beispiel auch Adresse der Schule der Kinder sowie etwa, ob Besitzer eines eigenen Autos oder Fahrrads. Je nach persönlicher Situation und Wünschen (Fahrt mit kleinen Kindern, Einkaufsfahrt etc.) kann der Nutzer Verkehrsmittel ausschließen, die er vermeiden möchte.

Auf dieser Grundlage kann der Nutzer dann Vorschläge für eine Fahrt von A nach B anfragen. Der Vorschlag kann eines oder mehrere Verkehrsmittel umfassen, je nach Tageszeit, Entfernung und angegebenen Präferenzen. Die App nennt ihm dann für jede Strecke die Fahrzeit, die Kosten, aber auch die verursachten CO2-Emissionen und die Steigungen (für einen Weg per Fahrrad oder Roller). Für die öffentlichen Verkehrsmittel gehören auch etwa Informationen über eventuelle Verkehrsstörungen sowie die Zugänglichkeit für Personen mit Behinderung dazu.

Die App kann also etwa die Nutzung des eigenen Fahrrads bis zur nächsten Metrostation vorschlagen, aber auch die Nutzung eines Carsharing-Autos, wenn schwere Lasten zu transportieren sind.

Während der Testphase kann über die App elektronisch ein Fahrausweis (E-Ticket) gebucht werden, allerdings nur für die Fahrt mit der STIB. Werden andere Anbieter genutzt, müssen diese getrennt bezahlt werden. Dafür wird der Nutzer dann auf die App des jeweiligen anderen Anbieters weitergeleitet.

Der Abschluss und die Auswertung der Pilotphase sind jetzt abzuwarten. Dabei geht es nicht nur um die App selbst, ihre Akzeptanz und Nutzung, ihre „Ergonomie“, das Management der Informationen und den Datenaustausch zwischen den Verkehrsanbietern. Hier stellen sich auch Fragen zum Schutz der Nutzerdaten, wie sich bei einigen anderen MaaS-Projekten schon gezeigt hat. Fast wichtiger ist aber, ob und wie sich das Angebot auf die Gewohnheiten der Testpersonen ausgewirkt hat. Das Projekt soll herausfinden, welche Fortbewegungsmittel sie bisher nutzen und ob die App sie dazu bringt, ihre Gewohnheiten zu ändern.

Das erklärte politische Ziel der Regionalregierung ist es, den Autoverkehr in der Stadt zu vermindern. Andere Nutzungen des öffentlichen Raums als durch das Auto (auch den ruhenden Verkehr) sollen einen größeren Anteil bekommen. Das Auto soll nicht verdrängt werden, aber möglichst nur dort zum Einsatz kommen, wo es Sinn macht. Nach Einschätzung von Ministerin Van den Brandt sind viele Brüsseler auf ein einziges Verkehrsmittel konzentriert: jeweils entweder Auto, Fahrrad oder ÖPNV. Es gehe darum, hier die „Abschottung“ zu überwinden, so dass jeder Einwohner und jeder Besucher der Stadt das im Einzelfall passendste Verkehrsmittel nutzt. Dazu solle auch die neue App beitragen.

Der Erfolg wird aber wesentlich auch davon abhängen, ob es gelingt, die verschiedenen Verkehrsangebote nicht nur in einer Informationsplattform zusammenzuführen, sondern dem Nutzer auch die Verkehrsleistung selbst aus einer Hand anzubieten. Das scheitert bisher und wohl auch in naher Zukunft selbst für die Nutzung verschiedener ÖPNV-Anbieter schon am Fehlen eines einheitlichen Fahrausweises, jedenfalls für Pendler, die aus dem weiteren Umland Brüssels kommen. Für eine Entspannung der Verkehrssituation in der und um die Stadt sind noch viele dicke Bretter zu bohren, einschließlich der Frage von Park-and Ride-Plätzen am Stadtrand und einer eventuellen City-Maut. Die bekannte staatliche Struktur Belgiens ist für die Lösung dieser Fragen im übrigen nicht gerade förderlich…

 

 

 

 

 

 



        

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