#MeToo, Christine Defraigne und Potiphars Frauen

Von Margaretha Mazura.

Christine Defraigne erhielt während einer Abendveranstaltung mit Politikern und Journalisten, als sie über Raumbedarf und Umzüge sprach, eine persönliche Mitteilung mit dem Rat: „Du solltest Dein Bett unter den Allgemeinen Ausgaben abrechnen, das ist doch Dein wichtigstes Arbeitsinstrument!“ Dieser sexistische Scherz ist inzwischen 15 Jahre alt, aber er macht die Präsidentin des belgischen Senats heute noch immer wütend. Den Namen des „Täters“ hat sie aber nicht genannt.

Potifar war laut biblischer Darstellung als Oberster der Leibwache ein Hofbeamter des Pharaos. Er kaufte Josef von midianitischen Händlern als Sklave. Zunächst erwirbt sich Josef das Wohlwollen und Vertrauen seines Herrn und wird dessen Verwalter, fällt jedoch in Ungnade, nachdem ihn Potifars Frau aus verschmähter Liebe der versuchten Vergewaltigung bezichtigt. Daraufhin lässt Potifar Josef ins Gefängnis werfen. Genesis 37,36

Was haben Amerikas Bush Senior, Regisseur Lars von Trier, der kanadische Kunstsammler Odermatt oder Schauspieler Bill Cosby gemeinsam? Bis vor kurzem wäre die Antwort einfach gewesen: sie sind alle aufgrund ihrer Leistungen Figuren des öffentlichen Lebens. Dieser Bekanntheitsgrad ist ihnen nun zur Falle geworden: Denn wie früher stehen sie wieder auf der Titelseite (oder zumindest recht prominent in den Medien), allerdings als Resultat von “Shitstorms”, wie das “neudeutsche” Wort für milieubedingte Unmutsäusserungen auf den sozialen Medien lautet. Denn die genannten Herren haben sich, so scheints, nicht immer als Kavaliere benommen. Schauen wir uns das Szenario von Anfang an:

Ein Mini-Skandal

Schon 2010 gab es in Belgien einen Mini-Skandal: Die Abgeordnete des wallonischen Parlaments Emily Hoyos erhielt anlässlich einer Sitzung eine SMS vom Abgeordenten Gilles Mouyard, die auf Deutsch in etwa so zu übersetzen wäre: “Es stimmt, Du hast einen schönen A…”. Hoyos meinte damals, dass, wenn so etwas nochmals vorkäme, sie zu Gericht gehen würde. Und die Medien nennen es beim Namen:“ Et il ne s’agit là que d’un des exemples de violences sexistes – es handelt sich dabei nur um ein Beispiel sexistischer Gewalt. “

Seit Mitte Oktober (2017) häufen sich Artikel in den traditionellen Medien und #MeToo Nachrichten im Internet: Tausendfach melden sich Frauen, die sexuell belästigt wurden. Stars und Starlets, Unbekannte, Bekannte. Alle stimmen überein: Es musste einmal sein; endlich können wir uns outen; zu lange haben wir das psychologische Gewicht schweigend mitgeschleppt.

Entrüstung über die Ungeheuer

Wenn man genauer hinschaut, was nicht viele tun, denn Entrüstung ist besser schnell und kurz genossen, sieht man, dass das „harassment“ oft ein verbales oder taktiles war: Ein erotisches Ansinnen verbal ausgedrückt; die böse Hand, die den Hintern berührt (Bush Sr.); und die altmodische Version „ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“ (Odermatt). Und dann überschlagen sich die Messages von Leuten wie Lady Gaga, alle waren „ashamend“ , sagten kein Wort. Und diese Ungeheuer, die Männer, nützten ihre Stellung (welche?) aus.

Christine Defraigne

Ich wünsche allen Damen, Herren, Journalisten, Tätern und Opfern nichts Schlimmeres an „sexueller Gewalt“, als dass ihr Allerwertester als schön bezeichnet wird oder dass ein alter, im Rollstuhl sitzender Ex-Präsident sich seiner jugendlichen Freuden erinnert (er hat die Schauspielerin Heather Lind angeblich bei einer Fotoaufnahme in den Hintern gezwickt). Ms. Lind, wissen Sie, was eine Dame an ihrer Stelle getan hätte? Sie hätte sich darüber gefreut, dass ein 93-Jähriger noch so ein kleines Vergnügen haben kann und wäre einen Schritt zur Seite gewichen.

Das ist kein Artikel über „die Ermordete ist schuldig“. Ganz im Gegenteil. Ich versuche, jene, die tatsächlich Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, aus der Phalanx der mediageilen Weiber zu retten, die sich jetzt plötzlich in einer Massenhysterie darauf besinnen, dass etwas (was?) sexueller Übergriff war.

In einem Report von artnet News steht es ganz offen: Kuratorin Zoe Larkins gibt zu, dass sie erst, nachdem sie über Harvey Weinsteins Frühstücksaffairen mit jungen Frauen gelesen hatte, begriff, dass Knight Landesmann (der Herausgeben von artnet News) sie belästigt hätte. Vorher nicht? Hatte sie es nicht bemerkt? Oder empfand sie es nicht als Belästigung? Zoe setzt ihre Verteidigung fort: Ich wusste, dass sein Verhalten unangebracht („inappropriate“, sic!) war, aber er hatte eine gewisse Reputation die, wie es schien, alle akzeptierten, und so nahm ich an, dass nichts dabei ist“. Ist das ein Beispiel von beispielloser Naivität? Und wenn nicht: Wo ist dann das Problem?

Wer vom „bösen Wolf“ schreit

Diese „Schützt-die-armen-Frauen-vor-den-bösen-Männern“ Campagne, die das #MeToo Outing zur Folge hat, erinnert in ihren Extremen an das Mittelalter – mit umgekehrten Gender-Vorzeichen. Und hinterlässt einen sehr bitteren Geschmack. Denn wer zu lange „der böse Wolf“ schreit, übersieht, wenn er wirklich kommt. Eine politische Korrektheit, die unterschiedslos eine SMS und eine Vergewaltigung verurteilt, zeugt von einem unüberbietbaren Zynismus den echten Opfern gegenüber. Das ist nicht, was unsere Gesellschaft anstreben sollte.

Und was die #MeToos betrifft: Wir wissen es, Männer sind keine Unschuldsengel – aber Frauen auch nicht.

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