“Mein Name ist Heide, und nicht Angela“

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Heide Newson auf Kythnos

In Griechenland hatte die Parlamentswahl begonnen, während ich mit meinen griechischen Freunden in der Rue Parnasse bei meinem Lieblingsgriechen einen süffigen „Nemea“ Jahrgang 2008 genoß. Mein Interesse an der Wahl war groß, da ich vor 13 Jahren feste Wurzeln in Griechenland schlug, und das als Deutsche. „Klarer Favorit ist Alexis Tsipras, der wird die Wahlen haushoch gewinnen“, freute sich meine griechische Freundin Georgia, die recht behalten sollte.

Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich mit dem Fährschiff aus Lavrio kommend, den Boden einer Insel betrat, die mich durch ihre stille Schönheit, malerischen Dörfer und Kirchen, Gastfreundschaft der Menschen, traumhafte leere Strände betörte, und wo die Griechen so ganz unter sich sind. Nie zuvor war ich während meiner vielen Trips durch die große weite Welt je an dem Kauf einer Ferienwohnung interessiert, die Touristen im Fließbandverfahren angeboten werden. Und ausgerechnet auf der Insel Kythnos, wo für Touristen (fast) gar nichts zum Verkauf stand, machte ich mich auf die Suche.

Durch die Vermittlung meiner griechischen Schwiegertochter fand ich in dem 150 Seelen zählenden Hauptdorf Dryopida ein kleines Haus, dass ich nach langem Hin und Her, zähen Verhandlungen mit elf Geschwistern und vielen Aufs und Abs „mein Eigen“ nennen darf. Als Schwiegermutter einer Griechin wurde ich sofort akzeptiert und integriert. Traditionelle Familienfeste fanden fortan nicht ohne meinen Mann oder mich statt. Und mit meinem Nachbarn, einem Ziegenhirt, verbindet mich dabei viel mehr als mit meinem Brüsseler Nachbarn, einem französischen Marquis.

SeHeide3it nunmehr 13 Jahren verbringe ich den Sommerurlaub auf meiner Trauminsel, wo die Uhren und Menschen so ganz anders ticken und reagieren, was mich anfangs sehr verwirrte und erstaunte. Verlangte ich für die geleistete Arbeit z.B. eine Rechnung, für die Stromabrechnung einen Beleg, stellte ich Fragen zu Kadaster oder steuerlichen Belastungen, so sah man mich mit ungläubigen Augen an. Mir blieb nicht anderes übrig, als mich mit den Gewohnheiten der Einheimischen, die ihre eigenen Gesetze zu machen schienen, abzufinden. Und mit dieser Regelung, von der ich mich auch auf anderen Inseln sowie griechischen Städten überzeugen konnte, lebte es sich sehr gut.

Sparkurs nach finanzpolitischem Eklat

Und dann das….Im Jahr 2010 kam es zum finanzpolitischen Eklat. Die Griechen, so stellten nicht nur Angela Merkel und Wolfgang Schäuble fest, hatten weit über ihre Verhältnisse gelebt, waren hochverschuldet, hatten weder eine vernünftige Steuerverwaltung noch ein brauchbares Steuersystem. Nur mit internationalen Finanzhilfen kamen sie über die Runden. Seit numehr fast fünf Jahren hält Griechenland die Eurozone schon in Atem. Rettungspakete wurden geschnürt, wofür ein Sparkurs und ein Reformprozess verlangt wurden.

Die Troika und vornehmlich Angela Merkel wurden, wenngleich nicht auf Kythnos, so dennoch fast überall in Griechenland als Symbol vom verhassten Sparkurs wahrgenommen und für ihre Misere verantwortlich gemacht. Merkel wurde zunehmend attackiert und verunglimpft, dabei war der von Antonis Samaras eingeleitete Sparkurs so verhasst, dass es in Griechenland zu Neuwahlen kam. Mein Standardwitz, wohlgemerkt in meinem mittlerweile erlernten Griechisch lautete…“Mein Name ist Heide, und nicht Angela“, womit ich selbst in Athen die Lacher, und das als Deutsche, auf meiner Seite hatte.

 Stimmen zur neuen Regierung

Alexis_Tsipras_die_16_Ianuarii_2012„Alexis Tsipras hat das Rennen gewonnen, super, für mich war das eigentlich glasklar, wir hatten keine andere Wahl“, freut sich meine in Brüssel lebende griechische Freundin Georgia. „Er hat die Troika nach Hause geschickt und dem verdammten Sparkurs ein Ende gesetzt, und das ist gut so. Denn wie bisher konnte es einfach nicht weitergehen.“ Tsipras, dem sie viel Charisma und Zivilcourage bescheinigt, werde das korrupte System Griechenlands beenden, die Superreichen an die Kandare nehmen, für mehr Gerechtigkeit sorgen und die längst überholten und nicht funktionierenden Strukturen der Europäischen Gemeinschaft durchbrechen und aufmischen.

Kristina Sevastou, deren Vertrag mit der Europäischen Union vor kurzem ausgelaufen ist, sieht es etwas skeptischer. Gerne wäre sie zur Wahl gegangen, verärgert sei sie, dass das per Briefwahl von Brüssel aus nicht möglich gewesen sei. Und eigens wegen der Parlamentswahl nach Athen zu reisen, sei zu teuer gewesen. Obwohl sie kein überzeugter Fan Tsipras ist und ihm nicht unbedingt ihre Stimme gegeben hätte, ist sie froh, dass er es geschafft hat. „Er ist einfach und bescheiden, weder korrupt, noch politisch negativ vorbelastet, abgesehen davon weiß er, wie schlecht es den Griechen mittlerweile geht.“ Nein, sie finde nicht, dass er mit seinen Forderungen die Europäische Gemeinschaft erpresse, er gebe sich verbal ein wenig hart, aber das werde sich geben. Und dass der neue Regierungschef auf Kosten europäischer Steuerzahler Wahlkampf machte, nicht über eine vernünftige Wachstumsstrategie verfügt, und dass sich ihre Landsleute in ihrer Steuermoral ändern müssen, sieht sie durch ihre mediterrane Brille nicht.

Thisvi Ekmetzoglou, die als Juristin im Europäischen Außendienst tätig ist, unterstützte wie ihre Familie Antonis Samaras. „Er war auf dem richtigen Weg, die ersten Erfolge zeichneten sich ab“, sagt sie, obwohl ihre Familie durch Samaras Sparpolitik Einbußen in Kauf nehmen mußte. „Falls Tsipras einen realistischen Schritt in Richtung eines Konsenses macht, wäre ich überglücklich. Wir alle wollen, dass Griechenland aus der wirtschaftlichen und sozialen Krise herauskommt. Wir wünschen Tsipras viel Erfolg, aber wir erwarten bei seinen Verhandlungen und politischen Erklärungen realistische Lösungen. Meine Landsleute suchen einen Weg aus dieser langjährigen Misere und Erniedrigung.“ Und dass er bei den steinreichen griechischen Oligarchen Steuern eintreiben will, sieht sie als positives Zeichen, die Wiedereinstellung der 9.500 entlassenen Staatsdiener dagegen als falsches Signal.

Heide2Bei meinen vielen Freunden auf Kythnos ist dagegen das Wahlergebnis weder ein großes noch kontrovers diskutiertes Thema. Hier freut man sich auf das griechisch-orthodoxe Osterfest, das auf Kythnos als Fest der Familie und des fröhlichen Feierns, die Stellung einnimmt, die bei uns die Tradtition des Weihnachtsfests hat. „Hoffentlich kommst Du, wir schlachten mehrere Lämmer, der Wein ist gut“, sagt Sophia, und erwähnt mir gegenüber die neue Regierung mit keinem Wort, und das ist auch gut so.

Heide Newson

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