Marollen – Neuer Bayernplatz im alten Brüssel

Von Thomas Philipp Reiter

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Hochadel mit Stammvater

Einer der Anziehungspunkte im Brüsseler Marollenviertel feiert Geburtstag: die Église Saints-Jean-et-Étienne-aux-Minimes in der Rue des Minimes wurde 300 Jahre alt. Aus diesem Anlass erhielt ihr Vorplatz jetzt einen Namen: „Maximilian II. Emanuel von Bayern“. Der Kurfürst aus München war Generalstatthalter der Spanischen Niederlande, herrschte von 1691 bis 1714 in und über Brüssel, kämpfte mal gegen und mal mit den Franzosen. Von hier aus wollte er die Macht über ganz Spanien erobern. Aber er legte den Grundstein zur Erbauung der Minimenkirche und zeichnete sich durch weitere Wohltaten aus, auch wenn er später bei der Bevölkerung in Ungnade fiel, weil er einen Aufstand der Zünfte von bayerischen Truppen gewaltsam niederschlagen ließ.

Am 21. Juni 2015 wurde der Vorplatz im Rahmen eines kleinen Volksfestes dennoch feierlich nach dem bayerischen Kurfürsten (in Gestalt eines Pappmaché-Riesen anwesend) benannt. Das gewählte Datum ist indes kein Zufall. Die Kirche wurde so gebaut, dass am Tag der Sommersonnenwende abends um 21 Uhr durch einen Sonnenstrahl getroffen wird und dabei das Wort „Christus“ erscheint. So hätte es auch am Tag der Namenseinweihung in Gegenwart des Bürgermeisters der Stadt Brüssel Yvan Mayeur, des deutschen Botschafters Eckart Cuntz sowie von Gemeindepastor Jacques Van der Biest und Mitgliedern des Hochadels geschehen müssen, aber eine Wolkenbank verhinderte das Spektakel.

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Das lange Straßenschild

Nach der Verwüstung von Brüssel durch Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. kümmerte sich Max Emanuel um die arme Bevölkerung, indem er für diese Geld in Bayern und – ausgerechnet – in Antwerpen auftrieb. Die Verwendung bayerischer Mittel für die Niederlande führte allerdings auch zu einer dramatischen Verschlechterung der Haushaltslage im Kurstaat. In Brüssel hielt er jedoch Hof in barocker Pracht. Von 1695 bis 1698 betrieb er den Wiederaufbau des Großen Marktes („Grand Place“). Ebenfalls 1695 begann der Herrscher mit den Planungen für den Wiederaufbau der Minimenkirche. Dort stand zuvor ein Kloster des Paulanerordens. Ordo Minimorum bedeutet „mindeste Brüder“, oder auch Minimiten, in Deutschland und vor allem in Bayern nach dem Münchner Minimenkloster und deren Bier besser unter der Bezeichnung Paulaner bekannt. Das Brüsseler Kloster sowie eine kleine Vorgängerkirche an dem Standort hatten die brandschatzenden Franzosen vernichtet. Im Jahr 1700 fand dann die Grundsteinlegung statt und 1715, also vor genau 300 Jahren, wurde das Gotteshaus seiner Bestimmung übergeben.

Das Gebäude steht inmitten des historischen Zentrums von Brüssel und immer wieder im Zentrum des öffentlichen Interesses, nicht zuletzt durch das Kirchenasyl, das von der Gemeinde großzügig gewährt wird. Im Jahr 2008 fand hier auch eine vielbeachtete Mahnwache zur Einheit Belgiens statt. Die Kirche ist fest in das bunte Leben der Marollenbewohner integriert. Dafür sorgt auch ein empfehlenswertes Restaurant, das dem Vorplatz Maximilian II. Emanuel von Bayern ein ganz besonderes Flair verleiht. Nota bene: Brüssels Bürgermeister versprach sich dafür einsetzen, dass der Kurfürst aus München seinen historischen Namen auch noch einem repräsentativen Straßenzug verleihen darf. Der Kirchenvorplatz ist doch wirklich sehr klein für so viel pralle Geschichte.

Fotos: Folkert Herlyn

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