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Keine Überraschung bei Metro 3: es dauert länger und wird teurer…

Metrotunnel am Palais du Midi © STIB

Von Reinhard Boest

Vor zwei Jahren haben zwischen Gare du Midi und Place Lemonnier die Arbeiten für die neue Brüsseler Metrolinie 3 begonnen. Während für diese „Phase 1“ (zwischen den Stationen Albert und Gare du Nord) die Fortschritte deutlich zu sehen sind, läuft für die „Phase 2“ (zwischen Gare du Nord und der neuen Endstation Bordet) das endgültige Baugenehmigungsverfahren. Noch bis zum 5. April 2022 können für diesen Abschnitt mit seinen sieben neuen Stationen Einwendungen vorgebracht werden.

Zwischen Boulevard Jamar, Boulevard du Midi und Avenue de Stalingrad ist derzeit kaum ein Durchkommen – blau-gelbe Bauzäune, soweit das Auge reicht. In der Avenue de Stalingrad ist eine Straßenseite seit zwei Jahren schwer zugänglich; geschlossene Rollläden lassen erahnen, dass wohl viele kleine Geschäfte die Kombination von Corona und Bauarbeiten nicht überlebt haben. Andere sehnen die Ruhe herbei, wenn die Arbeiten endlich abgeschlossen sind.

Transparent in der Avenue de Stalingrad

Seit diesem Monat werden die Arbeiten am neuen Tunnel auf der anderen Seite in Angriff genommen. Unerwartete zusätzliche Schwierigkeiten sind jetzt beim schwierigsten Teil dieses Streckenabschnitts aufgetaucht: der Unterfahrung des Palais du Midi. Zwar droht kein „Absacken“ dieses historischen Gebäudes, aber es sind aufwendigere Arbeiten nötig, die auch länger dauern werden. Offenbar haben neue Untersuchungen ergeben, dass die Bodenbeschaffenheit dort unterschiedlicher ist als angenommen. Entdeckt wurde dies anlässlich der Verlegung eines Teils des früheren unterirdischen Verlaufs der Senne unter dem Boulevard Lemonnier (Teile dieses alten Tunnels dienen heute noch als Rückhaltebecken bei starken Niederschlägen). Die konkreten Auswirkungen auf Kosten und Zeitplan lassen sich noch nicht abschätzen. Das niederländischsprachige Medienportal BRUZZ berichtet unter Berufung auf Äußerungen im Umfeld der Brüsseler Minister Elke Van den Brandt (Mobilität) und Sven Gatz (Finanzen), dass man mit einer Verzögerung von mehreren Monaten rechnen müsse. Ursprünglich sollte der Abschnitt Albert-Gare du Nord 2024 fertig sein, jetzt ist man nicht einmal mehr sicher, ob es 2025 soweit sein wird. Bisher waren für diesen Streckenabschnitt 669 Mio. Euro veranschlagt, das meiste davon für den neuen Tunnel mit der Station Toots Thielemans; das wird wohl nicht reichen. Die geschätzten Kosten für die gesamte neue Strecke bis Bordet sind inzwischen auf 2,3 Mrd. Euro gestiegen.

Die Kostensteigerung spielt auch bei der andauernden Diskussion über die Verlängerung (Neubau) von Gare du Nord nach Bordet eine Rolle. Die Grundsatzentscheidung und die Linienführung stehen seit 2014. Seither hat es verschiedene Vorplanungen gegeben, die Beliris als für den Bau verantwortliche Institution in mehreren Etappen weiter konkretisiert und überarbeitet hat, zuletzt auf Grund einer eingehenden Folgenabschätzung. Jetzt hat Beliris die förmliche Baugenehmigung beantragt, für die noch bis zum 5. April eine eine für alle Bürger offene Anhörung läuft. Dazu sind umfangreiche Unterlagen veröffentlicht worden (zusammen über 500 Seiten), die für viele Interessierte wahrscheinlich eher abschreckend wirken.

Baustellenzaun an der Gare du Nord

Anlässlich dieser Debatte werden auch die grundsätzlichen Einwände gegen das Projekt wieder vorgebracht: Ob eine Stadt von der Größe Brüssels überhaupt eine Metro brauche, ob die bestehende Tram 55 nicht ausreiche, dass eine Metro zu einer Gentrifizierung führe und dass das Projekt ohnehin zu teuer sei. Außerdem könne die Tatsache, dass der Tunnel zum Teil 30 Meter unter der Erde liege, für Benutzer abschreckend wirken. BRUZZ zitiert eine Anwohnerin, die nicht wolle, „dass nur reiche Franzosen in das Viertel ziehen, die bei der Europäischen Kommission arbeiten und mit der neuen Metro zur Arbeit fahren“.

Bürgerinitiativen in den betroffenen Gemeinden Schaerbeek und Evere sind weiter aktiv. Die Argumente für und wider das Projekt sind allerdings über viele Jahre ausgetauscht worden, und schließlich ist eine politische Entscheidung für das Projekt gefallen, auch vor dem Hintergrund der steigenden Einwohnerzahlen in den betroffenen Gemeinden, für die eine schnelle Verbindung ins Stadtzentrum bsher fehlt. Es ist daher nicht wahrscheinlich, dass das Projekt noch grundsätzlich in Frage gestellt wird. Auch wenn es – wie eigentlich alle großen Infrastrukturprojekte, nicht nur in Belgien – teurer wird und nicht 2030 ferig sein wird, sondern wohl erst zwei (weitere) Jahre später.

Informationen: https://metro3.be/fr

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