Katelijne Philips-Lebon: Singen und Tanzen in Berlin

Unter der Rubrik „Belgier/Belgierin in Deutschland“ stellt „Nachbar Belgien“, der Newsletter der belgischen Botschaft in Berlin gelegentlich Landsleute vor, die in Deutschland arbeiten und leben. Wir dokumentieren das Interview mit einer außergewöhnlichen Künstlerin.

Nachbar Belgien: Frau Philips-Lebon, seit wann wohnen Sie in Deutschland? Auf welchem Weg sind Sie hierhergekommen?

Katelijne Philips-Lebon: Ich wohne seit 1983 in Deutschland. Ich bin damals hierhergekommen, um am Theater zu arbeiten. Deutschland hatte zu der Zeit sehr viele feste Tanzensembles an den Theatern, und in Belgien und den Niederlanden gab es nicht so viele Möglichkeiten. Hier in Deutschland gibt es die Dreispartenhäuser, das heißt: Oper, Schauspiel, Tanz. Und an den Stadttheatern erhält man ein festes Engagement, man ist dort angestellt.

NB: Sie begannen Ihre Künstlerinnenlaufbahn an der Staatlichen Ballettschule in Antwerpen. Können Sie uns kurz Ihren Werdegang schildern?

Katelijne Philips-Lebon: Ich habe zunächst eine Ausbildung an der Ballettschule in Antwerpen gemacht und danach ein Jahr in Montréal an der „École supérieure de ballet du Québec“ studiert. Nach meiner Ausbildung habe ich mich um eine Anstellung bemüht und sowohl in Belgien, den Niederlanden als auch in Deutschland vorgetanzt. Mein erstes Engagement erhielt ich an der „Landesbühne Schleswig-Holstein“.
Nach einer Spielzeit bin ich ans „Stadttheater Aachen“ gewechselt. Dort habe ich viele Jahre unter verschiedenen Ballettchoreografen getanzt. Sowohl klassisches Ballett, Modern Dance, Tanztheater, Opern und Musicals standen auf dem Programm.

In Aachen habe ich auch meinen Ehemann kennengelernt, und zusammen sind wir ans „Pfalztheater Kaiserslautern“ gewechselt. Hier haben wir bei vielen Tanztheaterstücken mitgewirkt, häufig mit Gesang. So habe ich meine Liebe für die Schauspielerei entdeckt und beschlossen, mich auf die Schauspielerei zu konzentrieren.

Mein Mann und ich sind dann beide nach Berlin umgezogen, wo ich fast drei Jahre an einer Schauspielschule Unterricht genommen habe.

NB: Wann haben Sie dann beschlossen, sich auf Ihre Gesangskarriere zu konzentrieren?

Katelijne Philips-Lebon: Nach der Schauspielschule hatte ich mehr und mehr Lust, mich aufs Singen zu konzentrieren und so bin ich bei den französischen Chansons gelandet. Dieses Musikgenre hat mich schon immer fasziniert.

Da ich in Brüssel zur Schule gegangen bin, war mir sowohl die flämische als auch die französische Sprache geläufig und ich hörte Chansons und Lieder in beiden Sprachen.

NB: Sie haben Ende Mai Ihre neue CD „Les Spatz“ herausgebracht. Können Sie uns die CD kurz beschreiben?

Katelijne Philips-Lebon: „Les Spatz“ entführt die Zuhörer ins französische Pop-Chanson. Mit eigenen Texten und Kompositionen eigens für mich geschrieben, singe ich über die Liebe zur Großstadt Berlin und anderen Metropolen („Les villes“), über die frechen Berliner Spatzen, diese kleinen Filous, die eigentlich viel mehr für Berlin stehen als der Urberliner Bär („Les Spatz de Berlin“) und über das Leben mit seinen Höhen und Tiefen und seinen Spielchen („La vie est comme un jeu“). Musikalisch bietet diese CD eine große Bandbreite an Kompositionen. Das Spektrum reicht von klassischen Chansons („Touche-moi“) über zarte Bossa-Nova Rhythmen („Demande-moi“) bis hin zu unkonventionellen Pop-Arrangements, geschrieben von Robin Fuchs, Francois Giroux, Matthias K. Herrmann, Gerd Heger, Hans Fahling, Brigitte Jäger und von mir selbst.

Arrangiert und produziert wurde die CD von BensonRecordings.

Den Videoclip „Les Spatz de Berlin“ kann man auf Youtube sehen: https://youtu.be/ajcdQ5hW7NA, das Video „Les villes“ unter: https://youtu.be/cYg5kxGiDyc

NB: Wo treten Sie in nächster Zeit auf?

Katelijne Philips-Lebon: Ich bin am 14. Juni in der Belgischen Botschaft aufgetreten und am 22. Juni war ich in Hamburg . Am 14. Juli trete ich in Berlin im Restaurant „Gourmanderie“ auf, und ich bin dabei ein Konzert in Leipzig zu planen. Im Dezember singe ich in Oranienburg mein Weihnachtsprogramm und im Januar 2019 wird die Premiere eines Stücks mit anderen Künstlern stattfinden. Die Gruppe heißt „Rotkraut“ und das Stück „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Hier mache ich die Regie, ich singe und tanze auch wieder zusammen mit meinem Mann. Es ist eine musikalische Reise durch die deutsche Musikgeschichte.

NB: Sie singen häufig Lieder von Jaques Brel. Welches ist Ihr Lieblingslied von Brel und warum?

Katelijne Philips-Lebon: Ich bin ein großer Fan von Jacques Brel. Wer sich seine tiefsinnigen Lieder anhört, erlebt ein emotionales Wechselbad von Zärtlichkeit, Leidenschaft, Melancholie, Verzweiflung, Traurigkeit, Schmerz, Aggression, Spott und Ironie. Brel war immer auf der Suche, hin- und hergerissen zwischen extremen Gemütsstimmungen. Die Emotionen und die Poesie, die er in seinen Chansons zum Ausdruck brachte, bewegen auch heute immer noch viele zutiefst.

Meine Lieblingslieder von Brel sind „Amsterdam“, „Ne me quitte pas“ und „Marieke“.

In „Amsterdam“ beschreibt Brel die Erfahrungen der Matrosen, die Spaß und Unterhaltung im Amsterdamer Rotlichtviertel suchen. Ein tolles Stück, bei dem ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn ich es vortrage.
Um Brel zu singen muss man schon auch schauspielern. Brels Auftritte nannte man „Chanson-Theater“.

„Ne me quitte pas“: In diesem herzzerreißenden Stück über verletzte Gefühle erleben wir einen verzweifelten Mann, der befürchtet, seine Frau zu verlieren, und zu allem bereit ist, wenn sie nur bleibt: „Laisse-moi devenir l’ombre de ton ombre, l’ombre de ta main, l’ombre de ton chien“ („Lass mich der Schatten deines Schattens, der Schatten deiner Hand, der Schatten deines Hundes sein“).
Brel hat den Herzschmerz in unglaublich schöne Zeilen gegossen, ich kann diesen Schmerz so richtig nachempfinden.

„Marieke“ ist ein Lied von unerfüllter Liebe, die sich in Westflandern zwischen Brügge und Gent abspielt. Hier vermischt Brel die flämische Sprache mit der französischen. Dies gibt mir ein vertrautes Gefühl, eins von „zu Hause sein“, weil beide Sprachen mir sehr ans Herz gewachsen sind. Ich rieche das Meer, die Nordsee, von der er singt, sehe die Farben und die Landschaft Flanderns, die Menschen dort.

NB: Zusammen mit Ihrem Mann, der Choreograph ist, geben Sie Tanzunterricht in Berliner Grundschulen mit schwierigen Jugendlichen. Brauchen Sie lange, bis die Kids bereit sind, konstruktiv mitzuarbeiten?

Katelijne Philips-Lebon: Es ist oft ein Kampf und man erreicht nicht immer alle Kinder. Man lernt auch sehr viel über sich selbst.
Und wenn man die Kinder erreicht – selbst wenn es manchmal nur wenige sind – und aufblühen sieht, dann ist das ein tolles Geschenk. Tanzen kann das Leben ändern, beeinflussen.

NB: Im Jahr 2016 durften Sie beim Bürgerfest des Bundespräsidenten ein Stück, das Sie und Ihr Mann zusammen mit den Schülern geschrieben und inszeniert hatten, unter großem Beifall aufführen. Das war zweifelsohne eine besondere Erfahrung für die Schüler. Waren die Kids sehr aufgeregt, vor mehreren hundert Zuschauern aufzutreten?

Katelijne Philips-Lebon: Die Kinder waren sehr nervös, es war für sie ja etwas ganz besonderes. Es gibt nicht viele Leute, die so etwas jemals in ihrem Leben ERLEBEN dürfen. Sie waren auch stolz und das zu Recht!!!
Ich fand, dass unsere Gruppe sehr fokussiert war, sie haben alles gegeben.

Wir waren sehr glücklich, dass die Kinder, eine solche Chance erhalten haben. Manche von ihnen sind nach ihrem Auftritt noch dort geblieben und haben eine tolle Zeit gehabt.

NB: Wurden die Schüler daraufhin noch öfters gefragt, um mit dem Stück aufzutreten?

Katelijne Philips-Lebon: Ja, sie haben noch ein paar Auftritte gehabt.

NB: Sind Sie noch regelmäßig in Belgien?

Katelijne Philips-Lebon: Ich versuche regelmäßig nach Belgien zu gehen, um meine Familie und Freunde zu sehen, und komme immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück.
Mein Mann und ich versuchen gerecht zu sein bei der Planung unserer Besuche: Seine Familie wohnt in London, meine in Belgien.

Leider liegt Berlin nicht näher an Belgien. Früher, als ich noch in Aachen wohnte, da war es ein Katzensprung. Aber man kann nicht alles haben.

NB: Leben Sie gerne in Deutschland? Was finden Sie hier besonders gut?

Katelijne Philips-Lebon: Ja, ich lebe gerne in Deutschland. Ich kenne Deutschland inzwischen sehr gut, war schon in so vielen Orten, sowohl im Westen als auch im Osten, im Norden wie im Süden.

Deutschland ist ein schönes Land und ich habe in den Orten, in denen ich gewohnt habe, gerne gelebt. Die Natur in Deutschland ist auch wunderschön!

Momentan geht meine Vorliebe nach Schleswig-Holstein. Ich liebe die Ost- und Nordsee und mag die Leute dort gerne. Sie sind sehr gastfreundlich.

Und Berlin ist natürlich eine Ausnahmestadt, schön, aber manchmal auch schwierig.

Foto: Dagmar Morath

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