Jazz aus Belgien: Alain Pierre – Sitting In Some Café

Von Ferdinand Dupuis-Panther.

Solo-Gitarren-Impovisationen präsentiert uns Alain Pierre auf einer klassischen, einer sechssaitigen und einer zwölfsaitigen Gitarre, aufgenommen aus dem Moment und ohne erneute Aufzeichnung. Der Ort der Inspiration für das Solo-Projekt ist das Café bzw. Pub, ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Kontemplation. Aus meiner Sicht sind Pierres Songs als Erzählungen aus dem Pub zu begreifen, sind Ausdruck von genauem Hinsehen, Beobachten, teilnehmendem Beobachten.

Zu hören sind unter anderem „Sitting In Some Café“ als Opener, gefolgt von „The French House“, „Beers, Heat & Smoke“ sowie „Pub Crawler“. „Ruhiger Schwindel“ ist ebenso eine musikalische Kaffeehaus-Impression wie „Jon & John“ sowie „Waiters Race“.

Genussort Café

Ganz auf Entspanntsein eingestellt ist der Saitenfluss bei „Sitting In Some Café“. Am Latte nippt so mancher Gast, derweil viele die Ruhe vor dem Sturm genießen, also die Stunde vor der After-Work-Party mit Small-Talk-Geschwirre und allgemeiner Unruhe. Klassisch angelehnt entwickelt Alain Pierre diese Atmosphäre. Carulli, Sor oder was? Das ist dann auch die Frage. Das will er nicht zum Ausdruck bringen, spanische und italienische klassische Etüden wären Pierres Vorbild, aber irgendwie scheint er ins Fahrwasser der Klassik eingetaucht zu sein.

Die zarten und fein gesetzten Töne sind es, die auch bei „The French House“ überzeugen. Wenn der Titel der Komposition nicht so lauten würde, wie er lautet, so könnte er auch „Frühlingserwachen“ heißen. Alles scheint in grüne Facetten getaucht zu sein. Das Leben scheint von der winterlichen Schwere befreit. „Genieße das Leben“ scheint das Motto, mit und ohne Obertöne.

Bier und Rauchschwaden

Sobald die ersten Takte von „Beers, Heat & Smoke“ erklingen, werden Erinnerungen an „Friday Night in San Francisco“ wach, bei dem einen oder anderen, oder? Bisweilen scheint auch eine „Rockgitarre“ mit im Spiel. Rauch breitet sich klanglich aus. Schließt man die Augen und hört nur zu, dann kann man sich Szenen in einem übervollen Pub vorstellen, in dem das simultane Gerede sich wie unablässiges Summen im Bienenstock anhört. Biere werden bestellt, Gläser klirren, aus dem Zapfhahn zischt das Gebräu. Doch hier und da vernimmt man auch feinsinnige Gesprächsfetzen, zumindest scheint Alain Pierre dies mit seinem Spiel zu vermitteln.

Zu tief ins Glas geschaut

Nein, beim „Pub Crawler“ hat man nicht den Eindruck, dass die Trunkenheit schon so weit fortgeschritten ist, dass der Betreffende nur noch auf allen Vieren nach Hause kriechen kann. Eher meint man den Kneipengänger auf Zehenspitzen leicht schwankend sich davonschleichen zu sehen. Zwischendrin übt er dann auch den aufrechten Gang. Zugleich fängt Alain Pierre auch ein Gangmuster mit kurzen Schritten und Stopps ein.

„Ruhiger Schwindel“ könnte von seinem feinen melodiösen Verlauf auch in „Bachlauf“ oder „Wasserspiele“ umgetauft werden. Klanggruppen bauen sich auf, reihen sich aneinander, so wie beim Wasserspiel Fontänen nach oben schießen und wieder in sich zusammenfallen, sich Wasser über künstliche Kaskaden ins Tal ergießt, mit und ohne Gurgeln. Der Diskant scheint in Pierres Spiel im steten Widerstreit mit dem Bass. Um es in ein Bild zu binden: Ein kleiner Wasserfall trifft auf einen Malstrom.

Emsige Kellner

Beschreibt der Gitarrist bei „Waiters Race“ die Ruhe vor einer Freitagnacht im Pub? Man könnte den Eindruck gewinnen. Zu erleben ist das Warten der Kellner auf die Gäste, das Hin und Her, die Emsigkeit, das Huschen mit voll gestellten Tabletts von Tisch zu Tisch, immer mit geschmeidigen Bewegungen unterwegs. Die Zeit scheint zu zerrinnen. Atempausen gibt es nicht. Die Nachtschwärmer warten nicht.

https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/a/alain-pierre-sitting-in-some-caf%C3%A9-fdp/

Text: © ferdinand dupuis-panther

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