Im Tempo der Schachfiguren

Im Tempo der Schachfiguren Es gibt das Klischee vom Ort, der außerhalb der Zeit liegt. Nun, mitten in der Hauptstadt befand sich ein Lokal, dem zumindest die Zeit seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert wenig anhaben konnte. Ein paar Schritte von der Börse entfernt, in der Kartuizersstraat, lag die Schachkneipe Greenwich. Das Greenwich bot eine Zeitreise an; heute gibt es das Café nicht mehr.

Stille

Zufällig habe ich das Greenwich zum ersten Mal betreten, als ich mich an einem Herbstnachmittag im Jahre 1987 nach Einkäufen in der Stadt kurz erholen wollte. Die hölzerne Tür fiel hinter mir mit einem Knall wieder ins Schloss, und die wenigen Schachspieler, die um diese Zeit im großen Raum saßen, blickten zunächst einmal misstrauisch zu mir herüber. Es herrschte vollkommene Stille – eine Stille, in der ich gewogen und womöglich für zu leicht befunden wurde? Nein, denn schnell wandten sich die Blicke wieder den Schachbrettern zu. Der Neuankömmling war gleichgültig stillschweigend in die seltsame Gesellschaft aufgenommen worden. Ich setzte mich an einen der leeren Marmortische und empfand nur Ruhe. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Die Stille, die Ruhe und die Liebe sind geblieben, auch nach fast zwanzig Jahren, die Stille und die Ruhe vor allem deswegen, weil das Greenwich eines der wenigen Brüsseler Lokale ganz ohne Musik ist. Der griechische Inhaber Nicholas hat von seinem Vater die revolutionäre Idee übernommen, ganz auf die kneipenüblichen Quasselstrippen der Lokalsender zu verzichten. Dieser Mann verdient einen Nobelpreis.

Nicht einmal Handys scheinen hier Eingang gefunden zu haben. Der Gast wird sich selbst und einer willkommenen Einsamkeit überlassen. Dem Gespräch am Nebentisch wird nicht gelauscht, nur ganz gelegentlich und unaufdringlich fragt jemand, ob man plaudern oder eine Schachpartie spielen möchte. Ob man darauf eingeht, entscheidet man selbst. Vivre et laisser vivre scheint hier das Motto zu sein.

Mit einem Gedicht

Einst, als ich keinen müden Groschen in der Tasche hatte, durfte ich im Greenwich sogar ein Bier mit einem Gedicht bezahlen. Ich sei aber gut beraten, mahnte die Bedienung, als sie mir einen Kugelschreiber und Papier brachte, ein schönes Gedicht zu schreiben. Sonst heiße es Tellerwaschen. Ich muss annehmen, dass ihr mein Gedicht gefallen hat, denn an diesem Abend brauchte ich meine Tellerwäscherkünste nicht zu bemühen.

Tun Sie das bitte nicht, wenn Sie wieder mal George Bush und die Welt vergessen möchten und sich entscheiden sollten, das Greenwich aufzusuchen. Bezahlen Sie Ihr Bier, auf dass uns dieses Lokal noch lange erhalten bleibe. Und vor allem: Schalten Sie das Handy aus.

Info:
Greenwich
Rue des Chartreux 7 Kartuizersstraat, 1000 Brüssel

 

Von  Philipp Bekaert

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