Herr Berger aus Antwerpen

Von Marion Schmitz-Reiners.

Aufruhr in Antwerpen: Anfang der Woche war bekannt geworden, dass die christdemokratische Partei CD&V den orthodoxen Juden Aron Berger als Kandidat für die Kommunalwahlen im Oktober dieses Jahres angemeldet hatte. Sämtliche Parteien stellten sich auf die Hinterbeine, da Berger nach eigener Aussage nicht bereit sei, einer Frau die Hand zu geben. Nach einigen wirren Tagen zog Berger seine Kandidatur zurück. Wie ist die Lage einzuschätzen?

Kris Peeters, föderaler CD&V-Arbeitsminister und Kandidat für das Bürgermeisteramt in Antwerpen, hatte es gut gemeint: Auch die ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in Antwerpen habe das Recht, in der Gemeindepolitik mitzumischen und einen Stadtratsabgeordneten zu stellen. Der Schuss ging nach hinten los: Praktisch alle Parteien und sogar der CD&V-Vorsitzende Wouter Beke distanzierten sich von der Entscheidung Peeters‘, dem Geschäftsmann Aron Berger einen Platz im Stadtrat anzubieten. Daraufhin zog Berger am 18. April seine Kandidatur zurück. Ein Debakel für die Christdemokraten, die in Flandern schon vor langem von der flämisch-nationalistischen Partei N-VA überflügelt wurden.

In Antwerpen gibt es fünfzehn- bis zwanzigtausend strenggläubige Juden, die ihr gesamtes Leben nach den Gesetzen der Thora ausrichten. Zu diesen Gesetzen gehört, dass sie keine Frau außer ihrer eigenen berühren dürfen. Die Chassidim leben in einer geschlossenen Welt, aus der wenig heraus- und noch weniger hineindringt. Seitdem der Diamantenhandel von Indern übernommen wurde, herrscht in dieser Welt die Armut.

Der 42-jährige Berger, Vater von neun Kindern, wollte die Isolation durch sein politisches Engagement durchbrechen. Er fand ein offenes Ohr bei Kris Peeters, der die Nachfolge von Bart De Wever, heutiger Bürgermeister und Vorsitzender der N-VA, antreten will. Nachdem bekannt geworden war, dass Berger auch als Stadtratsabgeordneter nicht bereit sein würde, einer Frau die Hand zu schütteln, trennte Peeters sich unter dem Druck seiner Politikerkollegen, darunter sogar die beliebte Unterrichtsministerin Hilde Crevits, von seinem Kandidaten.

Die Affäre ruft viele Fragen auf. Wie groß ist nun die Gefahr einer Stigmatisierung der orthodoxen Gemeinschaft in Antwerpen? Würde beispielsweise ein indischer Sikh, der nicht bereit ist, seinen Turban abzulegen, als Stadtratsabgeordneter akzeptiert? Wird sich langfristig noch einmal ein jüdisch-orthodoxer Mitbürger bereitfinden, bei einer Kommunalwahl zu kandidieren? Warum ist die Bereitschaft, einer Frau die Hand zu geben, plötzlich so wichtig geworden, wo es in Antwerpen Dutzende von öffentlichen Personen muslimischen Glaubens gibt, die das ebenfalls vermeiden? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?

Marion Schmitz-Reiners

Und nicht zuletzt: Wäre es nicht besser gewesen, wenn Peeters seine Entscheidung entschlossen verteidigt hätte? Warum ist er so schnell eingeknickt? Trieb ihn die Angst, (weibliche) Wähler zu verlieren? Wahrscheinlich wäre Peeters besser aus der Affäre herausgekommen, wenn er Rückgrat bewiesen hätte. Er wäre zumindest glaubwürdig geblieben.

Berger selber reagierte tief enttäuscht auf den Aufruhr. Dass er und seine Glaubensbrüder Frauen nicht die Hand schütteln, geschähe allein aus Respekt vor der eigenen Frau. Schon als junger Mann sei er fasziniert gewesen von der Politik; als CD&V-Abgeordneter hätte er sich vor allem um die Verkehrssicherheit junger Radfahrer kümmern wollen. Der unvermeidliche Verzicht sei eine vertane Chance für die gesamte jüdische Gemeinschaft Antwerpens.

Bürgermeister Bart De Wever vermied geschickt eine explizite Stellungnahme. Jedoch bedauerte er, „dass das Image der jüdische Gemeinschaft durch die Affäre Schaden erlitten hat“. Berger signalisierte anschließend in einem Radiointerview, dass er sich dem Ruf anderer Parteien nicht verschließen wolle. Klar, dass er die N-VA meinte. Die flämischen Nationalisten, nicht gerade bekannt für ihre Liebe zu andersgläubigen Minderheiten, können sich jetzt noch nachdrücklicher als Partei aller Antwerpener profilieren. Und auch auf föderaler Ebene Honig aus dem Debakel saugen.

Tags: Antwerpen

Ein Kommentar

  1. Alfons Van Compernolle schreibt:

    Es gibt auch noch einen zweiten Aspekt an diesen netten Zeitgenossen.
    Dieser glaeubige Konservative ist ein verurteilter Betrueger. Kurz vor seiner Aufnahme in als Kandidat der CD&V , wurde dieser nette Zeitgenosse, durch die Cor.Rechtbank Antwerpen verurteilt wegen Betrugs ( Schadenshoehe 28.500 Euro) , da er einen aelteren Mitbuerger, dessen Vermoegensverwalter er war, sich dessen Vermoegen angeeignet hat.
    Ein echt netter Zeitgenosse !

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