Heißer Sommer kann in Belgien zu Stromausfällen führen

Von Rainer Lütkehus

StromMastenrehtanzIm Sommer wird es nicht an Strom mangeln. Zu dieser Einschätzung kommt der europäische Verband der Übertragungsnetzbetreiber Entso-E in seinem jährlichen „Summer Outlook“. Kaum ein Land sei auf Stromimporte angewiesen. Sollte es aber zu länger andauernden Hitzeperioden kommen, seien mehrere Staaten auf Einfuhren aus den Nachbarländern angewiesen. Dies sind namentlich: Belgien, Dänemark, Ungarn, Mazedonien und Polen.

Für Belgien, wo weiterhin mehrere Atomreaktoren stillstehen, sei das Risiko im September am größten. An einzelnen Tagen könnte der Importbedarf die Transportkapazitäten überschreiten, wenn neben der konventionellen Erzeugung (Atom, Kohle, Gas) auch der Strom aus Wind und Sonne ausbleibt. Allerdings, so Entso-E weiter, sei die Frage der konventionellen Erzeugung in Belgien mit vielen Unsicherheiten behaftet.

Belgien generiert weniger Strom als es verbraucht

Belgien ist ein energiehungriges Land. Pro-Kopf und pro Bruttoinlandsprodukt (BIP) verbraucht es von allen Energieträgern insgesamt ein Drittel mehr als Deutschland, wie den Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat zu entnehmen ist. Der Stromverbrauch pro Kopf liegt um 17 Prozent über den Deutschlands. Und Belgien ist abhängig von Stromimporten.

Laut Angaben der EU-Kommission lag Belgiens Pro-Kopf-Stromverbrauch 2012 bei 7507 Kilowattstunden, der Deutschlands bei 6419 Kilowattstunden. Belgiens eigene Kraftwerke generieren aber nicht genug, um unabhängig von Importen zu sein. Wie aus den Zahlen des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber, Entso-E zu ermitteln ist, importierte Belgien 2014 physisch netto 17,5 Milliarden Kilowattstunden aus Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg. Hauptlieferant war Frankreich mit 51 Prozent, gefolgt von den Niederlanden (44 Prozent) und Luxemburg (5 Prozent). Deutschland exportierte im selben Zeitraum 28,2 Milliarden Kilowattstunden netto; davon floss kein Elektron nach Belgien.

Viel Atomstrom

Anders als Deutschland ist Belgien abhängig vom Atomstrom. Viel kommt aus Frankreich, aber den meisten produziert es selbst. Im Königreich gibt es sieben Atommeiler an zwei verschiedenen Standorten: vier in Doel (bei Antwerpen) und drei in Tihange (70 km südwestlich von Aachen). Ein Meiler in Doel (Block Nr.3) und einer in Tihange (Block Nr.2) sind 2014 wegen feiner Risse an der Hülle vorübergehend stillgelegt worden. Die Ursache der Risse ist nicht zweifelsfrei geklärt. So ist unsicher, ob die beiden Meiler je wieder hochgefahren werden. Aber der Betreiber (Electrabel) möchte sie wieder anschalten und hofft auf das Gutachten der belgischen Atomaufsichtsbehörde. Atomkraftgegner, vor allem aus Aachen, machen dagegen mobil.

Die sieben Meiler haben eine Kapazität von insgesamt 5.900 Megawatt und trugen 2012 zu rund 50 Prozent zur inländischen Stromerzeugung bei. 1999 beschloss die damalige Regierung den Atomausstieg für 2015. Die nachfolgenden Regierungen schoben ihn auf. Die derzeitige liberal-konservative Regierung hat die Laufzeiten zwei der ältesten Meiler, Doel1 (412 Megawatt) und Doel2 (454 Megawatt), die 1975 ans Netz gingen, um zehn Jahre auf 50 Jahre verlängert. Der Wirtschaftsausschuss des Föderalparlaments hatte am 28. Mai zugestimmt. Nur das Plenum muss noch grünes Licht geben. Die Regierung Di Rupo hatte schon eine Laufzeitverlängerung des Blocks Nummer 1 in Tihange, der auch 1975 ans Netz ging, beschlossen. Damit wären 2025 noch fünf Meiler mit einer Nettoleistung von insgesamt 3800 Megawatt am Netz. Sollte die Laufzeit zwei der vier jüngeren Meiler,Doel4 und Tihange3, d.h. jener, die keine Risse aufweisen, auch um zehn Jahre verlängert werden, hätte Belgien bis 2035 noch eine Atomstromerzeugungskapazität von 2000 Megawatt. Bis dahin müsste Belgien den Atomausstieg geschafft haben, vierzehn Jahre später als Deutschland.

Stromtrasse zwischen Belgien und Deutschland kann Abhilfe schaffen

Deutschland ist Belgiens wichtigster Handelspartner. Doch einen physischen Austausch von elektrischem Strom zwischen beiden Ländern gibt es bislang nicht. Der Grund: Es gibt keine Kabelverbindung. Dabei sind elektrische Hochspannungsnetze um Aachen in Deutschland und Lüttich in Belgien relativ gut entwickelt und nicht sehr weit voneinander entfernt. Das soll sich ändern. Unter dem Projektnamenskürzel „Alegro“ (Aachen Lüttich Electric Grid Overlay) planen der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion (vormals RWE) und der belgische Netzbetreiber Elia bis 2018/2019 eine etwa 100 Kilometer lange, unterirdische Strombrücke zwischen Deutschland und Belgien mit einer Transportkapazität von 950 bis 1.200 MW. Das entspricht ungefähr einem Zehntel der durchschnittlichen belgischen Stromlast. Die Leitung würde Belgiens Versorgungssicherheit, die zurzeit gefährdet ist, verbessern.

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