Harter Brexit. Leidet Belgien?

Von Rainer Lütkehus.

Ein harter Brexit scheint immer wahrscheinlicher. Denn die Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und Großbritannien kommen nicht voran. Kommt kein Abkommen bis März 2019 zustande, wäre Großbritannien nicht mehr in der Zollunion. Was wären die volkswirtschaftlichen Kosten für Belgien?

Die Ökonomen sind sich einig: Überall in der EU leidet die Wirtschaft unter einem Austritt des Vereinten Königreichs aus der Europäischen Union. Strittig ist nur das Ausmaß. Es gibt nur grobe auf Simulationen beruhende Schätzungen. Klar ist, dass vor allem Großbritannien leiden würde. Und Belgien? Der Außenhandel ist Belgiens Achillesferse. Es hat in der EU mit Abstand die höchste Warenexportquote. Deshalb dürfte seine Volkswirtschaft bei Zugangsbeschränkungen zu einem so großen Markt wie dem britischen empfindlich reagieren. Immerhin ist Großbritannien der viertgrößte Handelspartner Belgiens nach Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Aus britischer Sicht ist Belgien sechstgrößter Lieferant, nach Deutschland, China, den USA, den Niederlanden und Frankreich. Importzölle und ein schwaches Pfund wären ein großes Exporthindernis für die belgische Wirtschaft, insbesondere für die flämische, denn 85 Prozent aller belgischen Exporte nach Großbritannien kommen aus Flandern.

Belgiens Außenhandel* 2016 (in Mrd. Euro)

Deutschland Schweiz Österreich Großbritannien
Warenexporte nach

41,8

4,2

2,5

18,9

Warenimporte aus

37,7

2,8

1,5

12,0

Handelsdefizit(-)/überschuss (+)

+4,1

+1,4

+1,0

+6,9

jüngste jahresbezogene Zahlen, auf die erste Stelle hinter dem Komma gerundet

*) nationales Konzept: nur Gebietsansässige,

Quelle: NBBStat

Die katholische Universität Löwen (KUL) hat untersucht, welche Branchen in Belgien am meisten leiden würden. Die belgische Teppich-, die Webwaren- und die Süßwarenindustrie sind demnach sehr vom britischen Markt abhängig. Die Exporte dieser Branchen nach UK machen mehr als 20 Prozent ihrer Gesamtexporte aus, spezielle Webwaren und Wandteppiche 37 Prozent. Zwar sind ihre Exporte nach UK im Vergleich zu denen anderer Branchen klein. Aber ein Brexit würde die Existenz vieler Betriebe dieser Branchen gefährden.

Die Chemie

Leiden würde auch, aber in geringerem Umfang, Belgiens Vorzeigebranche: die Chemie. Laut den Zahlen der belgischen Zentralbank gingen 2016 sechs Prozent aller exportierten Chemiewaren nach UK. Die Auto- und die Luftfahrtindustrie und mit ihr die Zulieferindustrie wäre dem Brexit mit einem Anteil von 14 Prozent ausgesetzt. Volkswirtschaftlich würde hier der größte Schaden entstehen, denn die Exporte der Fahrzeugindustrie machen 22 Prozent der Gesamtexporte (d.h. aller Branchen) Belgiens nach Großbritannien aus. Schwerwiegende Konsequenzen erwartet vor allem den Hafen von Zeebrugge, dessen Schiffsverkehr nach Großbritannien 45 Prozent des Umsatzes ausmacht.

Aber nicht nur Belgiens Realwirtschaft hat enge Verflechtungen zur britischen Insel, sondern auch die Finanzwirtschaft. Mehr als 20 Milliarden Euro betragen dort die belgischen Investitionen. Ein Wertverlust des britischen Pfundes gegenüber dem Euro bedeutet weniger Rendite. Das Pfund hat seit dem Referendum im Juni 2016 gegenüber dem Euro um 15 Prozent an Wert verloren: Im Mai 2016 bekam man für einen Euro 0,76 Pfund, heute bringt er 0,89 Pfund. Entsprechend teuer ist der Euro für die Briten geworden, und mit ihm belgische Waren. Manche Auguren rechnen in naher Zukunft mit einer Wechselkursparität (1€=1£).

Schwer auszumachen sind die Wohlfahrtsverluste. Denn ein Brexit änderte auch das Investitions- und Innovationsverhalten der Wirtschaftsakteure („dynamische Effekte“). Laut einer Simulationsrechnung der Bertelsmann-Stiftung, die nur die statischen Wohlfahrtseffekte errechnete, läge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf 2030 in Belgien bei einem harten Brexit um rund ein Prozent niedriger als ohne Brexit. Deutschland und Österreich zum Vergleich: 0,3 Prozent bzw. 0,2 Prozent weniger. Belgien würde also überdurchschnittliche BIP-Einbußen verbuchen. Der Durchschnitt der Rest-EU (27) liegt bei 0,4 Prozent. Auch die London School of Economics sieht das ähnlich. Damit wäre Belgien nach Großbritannien selbst, Irland und den Niederlanden das am viertgrößten betroffene Land von einem harten Brexit.

Tags: Brexit

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